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der sich darauf von ihm wie taub abwendet, während doch ein gewisser trauriger blick der Befremdung auszudrücken scheint, dass ihm eine Ahnung nicht ganz fern läge von dem, was der Anredende meinen möchte und was er einst wirklich gewesen sein könnte ... Er sieht die erhitzt aus der zu ihrer abendlichen Vorstellung abgehaltenen probe Zurückgekommenen mit zusammengedrückten Augen wie zweifelnd und in Furcht an und geht von dannen, ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben.

Wer die Scene beobachtete und der in Erstaunen und in den lauten Ausruf ihrer Ueberraschung ausbrechenden Schauspielerin den vollen Glauben schenkte, dass dieser Mönch ein ehemaliger Bekannter von ihr, ein Doctor Klingsohr wäre, konnte in der Tat hinzufügen: Jetzt aber ist es ein Heiliger! Denn Pater Sebastus war vor ihr zurückgewichen, wie vor einer Bewohnerin einer ihm völlig fremden Welt; er hatte ihrer Annäherung sich entzogen, wie einer Unreinen ... Der Schein der völligen Entfremdung von seiner Vergangenheit hob und verklärte ihn fast.

Dennoch schoss er an den Häusern dahin wie ein Besinnungsloser ... Erst, als ihm jener Dämon, der im menschlichen inneren hockt und der selbst unserm tiefsten Schmerze höhnende Geberden machen kann, sagte: Siehst ja aus, als gehörtest du auch zum Mummenschanz! merkte er auf sich ... In dem kleinen Schatten der Mittagssonne sah er sich wie einen verhutzelten Gnomen durch die schattenlosen Gassen schreiten, in einer ihm wie jetzt erst auffallenden Kutte, barhaupt, barfuss ... Das ist deine Angst, mit Komödianten verwechselt zu werden, dass du so entliefst! sagten ihm jene inneren Stimmen, die er schon sonst "Ironieen des Satan" genannt hatte und schon damals, noch ehe er an den Satan glaubte ... Irrend wankte er dahin ... Kindern hätte er sich anschmiegen mögen mit einem: Nehmt mich mit! ... In seine wohnung wollt' er und fand sie nichtes war eine kleine Zelle in einem ehemaligen Professhause der Jesuitendort gab es lange Gänge, selbst unterirdische aus den zeiten her, wo die Kirchenfürsten diese Stadt als Regenten beherrschten und oft vor dem Trotz und dem Freiheitssinn der Bürger sich flüchten musstenin eines dieser Verliesse wieder, wo er schon öfter dahingetastet, dort mochte er sich verbergen, nur um die inneren Stimmen, diese quälenden, zum Schweigen zu bringen ... An jeder Kirchtür verbeugt er sich ... an jedem steinernen Kreuze schlägt er eines auch auf seiner Brust ... die Momente der klarsten Anschauungen, des Witzes, der Unbefangenheit, der schärfsten Kritik über sich und andere, die er heute gehabt, weichen dem Paroxysmus, der schon damals im Mondenschein im Park von Schloss Neuhof die Gespenster Heinrich Heine's leibhaftig sehen konnte und von den alten Stammers redete, wie wenn sie sässen und Schön Hedwig beweinten, ihr Kind, das ihnen der wilde Jäger geraubt ... oder wie er seine Mutter sehen konnte, eine verschleierte Nachtwandlerin, mit der Lampe in der Hand und durch die Ahnensäle der Wittekinds schreiten ... oder wie er oft ganz deutlich am Strande der Ostsee Lucinden im nächtlichen Nebel den Klabautermann auf einem Schiffe zeigte ... oder wie er später, als er den Saft der Mohnblume wie alles erproben wollte, sich dem Gangesgott im Kelche der Lotosblume verglich ... Wie hätte ihn noch der Mord der Buschbeck schütteln müssen, wenn er den in Erfahrung gebracht! Nur war er nicht der Mann des Hörens, sonst hätte er längst davon vernehmen müssen ... Der Geist, der jetzt ihn jagte, wardie Erinnerung an Lucinden.

Immer tiefer kommt er in das Labyrint der engsten Gassen ... Nichts will er sehen von den lichteren Strassen, selbst die nicht, wo die Zeitungsexpeditionen liegen, die seine neuesten Artikel verkaufendem Laden Klingelpeter's, wo eben die zinnernen Atanasiusmedaillen in die Welt gehen, schiesst er vorüber ... Alte Frauen plötzlich, in seltsamen Trachten, den Kopf mit grellfarbigen Tüchern umwunden, sitzen vor verfallenen Häusern und zupfen Werg aus alten Matratzen ... Der Staub wirbelt auf ... Fremdartig gesprochene Laute wecken ihn ... Nichts von den Heiligen, nichts mehr von der Gottesmutter ... Bei den Juden ist er ... in der Rumpelgasse ... Hier wohnen ihrer Hunderte dicht beisammen, Kleider hängen an den Häusern, alte Möbel, versperren die Wege, Flaschen und Gläser stehen an den Fenstern und nun erst findet sich der Taumelnde zurecht.

Vor einem der rotbraunen Häuser, gebaut aus Steinen, die vielleicht übrig geblieben von damals, als die Vorvordern der Einwohner dieser Gasse sich einst selbst verbrannten, um der zu zeiten im Mittelalter epidemischen Verfolgungswut zu entgehen, stand der wie im Kreise Getriebene plötzlich still und betrachtete den Geschäftsreichtum einer Trödelfirma, die sich "Natan Seligmann" nannte ...

Hinter ihm aber steht ein Mann, der ihn beobachtet. Es ist nicht unser Löb, der von ihm trotz des Judaeus Apella so altburschikos behandelte Anbeter der heute mit einem Blumenstrauss gefeierten jüdischen Druide Veilchen Igelsheimer, die dem Geschäfte ihres Verwandten vorsteht mit einer Kenntniss des Altertums und des Gerümpels der Jahrhunderte, die Lucinde an der Maximinuskapelle geahnt zu haben schien, als sie dem Wirt zum "Weissen Ross" als den eigentlichen Wardein der von dem Knaben verkauften alten römischen Münzen den Ahasver selbst genannt hatte.

Eine andere Persönlichkeit war es, die den Mönch daherkommen und vor dem Trödelhause Natan Seligmann's sinnend halten