ihres Mundwerks.
Das Stück geb' ich ja keinem Hund, viel weniger einem Menschen! ... O die Metzger! ... Die bringen's aus! ... "Kaufe keinen Ochsen ohne Knochen, Madame!" sagte der neulich am Rotenturm ... Nun? Steht mir nicht so lange! Marsch! ... Jesus Marie, was ist das für ein Topf? Ein halber Henkel kaum! ... Ich glaube, erst vorige Woche gab ich einen neuen! ... Riekeschen! ... hörst du! Mach' mir mal den Rock hinten ein bissel loser! Zwei Haken! ... So! ... s'ist mir heute ganz schlecht, denke' ich an die Frau, die sie die Nacht umgebracht haben! ... Weiss man denn immer noch nicht, Leute, wer's getan hat? ... Wozu ist nun die wohllöbliche Polizei! ... Jeden vergessenen Nachtzettel straft sie, von jedem Fremden, der von auswärts kommt, will sie wissen, was er für eine Nase hat, aber was drinnen in der Stadt vorgeht unter den Spitzbuben und Räubern und Mördern –
Der Oberkellner rief den Aufhorchenden, die auf diese Art auch noch die Zukost publicistischer Neuigkeiten und über Welt und Zeit allerlei freisinnige Ansichten erhielten:
Marsch! Fort! Es kommen Fremde!
Nun, nun! rief nun wieder den Oberkellner verweisend die Wirtin. Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall! Dann aber polterte sie doch wieder dem Oberkellner zu Liebe: Riekeschen, mach' fort, dass die Bagag' hinauskommt! Ihr Trampeltiere! Lasst doch erst die Kinder vor!
Vom Lärm des Bettlervolks und der Strasse wurde die Rede der guten Lammwirtin übertäubt. Wagen kamen und gingen, Omnibus rollten, die Glockenzüge, die den Hausknechten schellten, wurden gezogen und jetzt bekam auch die Lachlust ein Schauspiel durch ein komisches Intermezzo.
Zwei Italiener begrüssten sich, wie es schien, nach jahrelanger Trennung ...
Der eine kam eben mit dem Omnibus, der andere empfing den Aussteigenden unter der Haustür. Neben letzterm standen zwei jüngere, die auf ihren Häuptern Breter mit Gipsfiguren hielten und in dem Augenblick, als die beiden ältern die Zeichen der höchsten Freude austauschten, das Gleichgewicht verloren. Eine mit Strahlenkronen geschmückte Madonna fiel und zerbrach. Der ältere in grauem Kittel und Manchesterbeinkleidern, unser Napoleone, hatte jetzt mindestens fünf Dinge zu gleicher Zeit zu erledigen ... Einmal seinen aus London kommenden Bruder zu begrüssen, Marco Biancchi, einen scharfblickenden, schon graubehaarten Italienerkopf, dann ihm seine Söhne vorzustellen, dann wieder diesen ihre Unachtsamkeit vorzuhalten, nun wieder auf ein Fenster im fünften Stock zu zeigen, wo ein weiblicher Kopf herausschaute, ohne Zweifel Porzia, und dann doch wieder staunend auf die grosse Bagage seines Bruders Marco zu zeigen, die nun abgeladen wurde, und bei alledem auch noch die Umstehenden zum Kaufen zu ermuntern!
E questo possibile! rief er. Dopo quindici anni rivedersi encora! ... Asino, dove ai gli occhi! ... Questo e mio figlio! Il mio segundo! Questo il terzo! La sopra mia figlia ... Fa attenzione, asino! Di non dimenticare, quello che tu ai sopra la testa! ... Fratello! Caro fratello! ... Ma tu mi sembre un cavaliere! Cielo! Quel gran baulo! Attenzione cocchieri! ... Buon albergo! Proprio et buon mercato! ... Figuri kauf!
Alles das ging bunt durcheinander.
Bei allen diesen Vorgängen sitzt auf der dritten oder vierten Stufe der Treppe des Hotels Pater Sebastus und verzehrt mit Gabel und Messer, die ihm zur besonderen Auszeichnung die Wirtin dargereicht, sein Gemüse und sein Fleisch ...
Er tut es sonst so hell umschauend, heute aber wie ein völlig Abwesender ...
Erbebend schon von der Begegnung mit dem Rittmeister und Landrat von Enckefuss, dem dritten in dem unheimlichen Bunde von damals, als man sich das Wort gegeben zu haben schien, einen Mann wie den Kronsyndikus, Sprossen der alten Sachsenherzoge, nicht die Folgen einer Uebereilung erleiden zu lassen – war sein Auge, irrend auf der mit Zetteln beklebten Wand, zu der er sich abgewendet, – auf Serlo's Weib und seine Kinder gefallen ...
Wenn man sonst von ihm sagte: Da ist ein Mönch, der sich wie die Heiligen in Dornen wälzen könnte! so hätte man es heute wohl glauben mögen. Das Reden der Wirtin, das Durcheinander der Bettler, die Begrüssungen und die Ankunft der Italiener hörte er nicht ... Mechanisch verzehrte er seine karge Mahlzeit ... Schon war er mit ihr zu Ende, sass ermüdet, versunken und starr vor sich niederblickend, die leere Schüssel in der Hand, dicht an die Mauer gedrückt, um niemanden auf der lebhaften Passage der Treppe zu stören ...
Da kommt eine schon bejahrte, aber stattlich aufgeputzte Dame mit zwei leicht und behend die Stufen hinaufhüpfenden halbwüchsigen Mädchen ...
Plötzlich hielt die Frau inne, betrachtete ihn und redete ihn mit dem Grusse an:
Aber, Herr Doctor! Sind Sie es denn wirklich? Ja, kennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Doctor Klingsohr?
Der Bruder Sebastus springt auf, stellt seine Schüssel zur Seite, betrachtet Madame Serlo-Leonhardi und Serlo's herangewachsene Kinder wie ein Irrsinniger, den jemand auf seine frühere Vernunft anredet und