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er schwelgen! Aber wie rang er auch, nur allein das Einst festzuhalten! Nur die Grenze zu wahren, wo nicht plötzlich ein rosiger Zukunftsschimmer in die Seele einbrechen konnte! Mit Zukunftsträumen beginnen die Irrpfade der Einbildungskraft. Ihrem goldenen Glanze verschliesse das geistige Auge! Erwache aus jedem Traume, den es dich gelüsten könnte dir auf Zukünftiges zu deuten! Mögliches, Gehofftes ist ein Arom der Geister, das die Sinne betäubt, ein Zaubertrank, der in Paradiese versetzen kann, selbst unter den Schrecken der Wüste ... Schreit dann die Seele inbrünstig "wie der Hirsch nach frischem wasser", so gibt ihm die römische Magie eine vom mund man möchte glauben der schäumenden Wut des leidenschaftlichsten Seelenschmerzes gesammelte Aqua toffana ... Auch Bonaventura kannte sie ...

Wurde dem jungen Priester das Blut von einer plötzlichen Wallung durchglüht, rang er in der Not des Aufschreis seiner gesunden Lebensgeister, so griff auch er nach jenen mechanischen Hülfsmitteln, die im Rosenkranzgebet den ersten Wassersturz, der Besinnungslosigkeit zu suchen lehrten ... Auch er zählte dann die Buchstaben der Evangelien und Episteln ... auch er rechnete, wie oft ein Wort sich auf einer Seite wiederholte ... Und wenn Paula's Name und ihre liebliche Erscheinung über seinen Geist wie eine sanfte Sphärenmusik sich senkte, so konnte auch er, um sich vor dem Vergehen in einem Meer von sehnsucht zu retten, das liebliche Gedicht in Spee's Trutznachtigall:

Wenn Morgenröt' sich zieret

Mit zartem Rosenglanz

statt vorwärtsrückwärts lesen. Half auch das nicht und klangen die Sphären zu berauschend, die Lockungen zu süss, so konnte er zählen, wie oft in einem solchen Gedichte ein einziger Buchstabe vorkamund vielleicht nicht einmal der Buchstabe P!

Lacht nicht, ihr Feinde des christentum! Ihr am wenigsten, die besten Freunde desselben nach dem Mönch Sebastus, ihr Juden! Das eben brachte vielleicht schon Apella nach Rom. Mit solchen Glaubensspielen erfüllten schon am Jordan die Rabbinen das Wort des Psalmisten:

"Wie hab' ich dein Gesetz so lieb, o Herr! Den ganzen Tag ist es meine Betrachtung!"

Jeden Augenblick horchte dann Bonaventura voll Bangen, ob es klopfen würde und der Mönch zum zweiten mal einträte, ihn zu einem Nachmittagsgange abzuholen.

6.

Die Wirtin zum "goldenen Lamm" war eine der rührigsten Frauen der Stadt.

Und wäre sie nicht auch die guterzigste und wohltätigste ihres Geschlechts schon von natur gewesen, die kleine dicke, rundliche, noch immer hübsche Frau, die Beichtväter hätten sie dazu gemacht. Sie hätten ihr diese Lust am Spenden schon als Strafe auferlegt, da die gute Frau das gesundeste Leben liebte und ein leicht in den Adern rollendes Blut hatte ... Ja, sie wechselte viel mit ihren Oberkellnernsie wechselte auch viel mit den Vertrauten ihres Herzens ... sie betrachtete aber dann die "Religion" wie ein Bad, mit dem man allen schlimmen Staub der Seele wieder wegspült und immer wieder frisch und gefallsam in die Abwechselungen der schönen Erde, in Landpartieen, kleine Badereisen, Teater und Concerte zurückkehrt.

"Die Tochter aus dem goldenen Lamm" einst genannt, hatte sie einen Sänger geheiratet, der sich bei ihren älteren, wie man zu sagen pflegt, "festgekneipt" hatte. Sie hatte dann diesen zum Wirt gemacht. Nachmals war er gestorben. Dann folgte unter gleichen Umständen ein Schauspieler. Auch von diesem wurde sie Witwe. Nun nahm sie das Leben ganz wie Semiramis, gross und frei, vom luftigsten Standpunkte. Aber gut war sie, unendlich gut, mildtätig bis zum Excess, und dabei so stark und wohlgenährt, dass die Juweliere das Doppelte verdienten an den Ketten, die sie kaufte, dann ihren Verehrern heimlich zusteckte und sie sich, zur Genugtuung vor dem ganzen Dienstpersonal und den Stammgästen der Table-d'hôte und des abendlichen Schoppens, scheinbar wieder von diesen zurückschenken liess ... Und niemand hatte dies Manöver mit grösserer Gewandteit ausgeführt als seinerzeit Jodocus Hammaker, der einige Jahre lang, vor der ominösen Hängegeschichte mit Dominicus Nück, auch der Vertraute ihres Herzens und ihrer Kasse gewesen war.

Mundet's euch heute nicht? rief die Frau aus einem Fenster, das in die Einfahrt ihres grossen und geräumigen Gastauses ging. Denkt Ihr an die Karmeliterinnen, wo morgen Nachmittag gross Tractament sein soll, wie bei einer Kindtaufe! Wird ja bei Euer Gnaden eingeladen, als käm' eine Prinzessin ins Spital und wollte die Suppe kosten, die dann auch einmal aus Fleisch gekocht wird!

Damit reichte sie dem "gnädigen" Bettelvolk aus der mit ihrem Fenster in Verbindung stehenden Küche in die dargereichten Scherben Gemüse und Fleisch und füllte selbst die Gefässe, die oft so defect waren, dass sie ihr unter der Hand zerbrachen. Jeden Montag und Donnerstag fand diese Austeilung statt, die Tage ausgenommen, die noch etwaige Vergehen und die Gebote des Beichtstuhls hinzufügten.

Diese "Abfütterung", wie der Herr Oberkellner mit goldenem Siegelringe apatisch und seiner Stellung bewusst, sie benannte, musste rasch geschehen, damit die Ordnung des frequenten Gastauses nicht gestört wurde. Die Lahmen und die Blinden, die alten Frauen und barfüssigen Kinder durften sich nicht zu lange aufhalten und etwa die Gabe unter der Einfahrt oder im hof schon verspeisen, manche gar ohne Messer und Gabel wie die Wilden.

Die Wirtin schöpfte dabei immer aus, warf zuweilen ein schlechtes Stück mit einem derben Kraftworte an die Köchinnen hinter sich zurück und ruhte nicht einen Augenblick im Nutzen