sah, dass sich der Kammerherr wie ein Tobsüchtiger geberdete und in einige Entfernung hinausschrie:
Schlingel, nichtswürdiger Schurke, Tagedieb! Wo bleibt mein Degen? Wie lange soll ich nach meinem Degen rufen? Bin ich der Kammerherr von Wittekind oder nicht?
Da auch die Pfarrerin auffallenderweise sehr ruhig in den Garten ging, so nahm Lucinde keinen Anstand zu folgen. Sie hatte schon die Tür in der Hand, als ihr auffiel, wie schnell das älteste der Mädchen an die Harmonica sprang und einige der Gläser mit dem mühsam ausgebreiteten Spann ihres kleinen Händchens zu reiben sich mühte.
Was ist das alles? fragte sie sich und war um so mehr betroffen, weil der Name Wittekind sie an die monatlichen Geldsendungen der Frau von Buschbeck oder des Fräuleins von Gülpen erinnerte. Auf den fünf Siegeln hatte sie einmal die Worte: "Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung" gelesen ...
Die Kleine spielte wohlgeordnet einen Choral. Der Kammerherr riss dazwischen sein Blumenbouquet auseinander, rannte über die Beete, zertrat alles und schlug sogar gegen den Pfarrer, der ihm zuzureden und ihn ins Haus zurückzuführen sich bemühte, mit geballter Faust. Leuten, die draussen am Staket gaffend stehen blieben, winkte der Pfarrer zu gehen.
Meinen Degen! Meinen Degen will ich haben! rief der Ungeberdige unausgesetzt und drohte nach einer Seite hin, wo sich jemand zu befinden schien, der diesen zu bringen von ihm beauftragt war.
Aber den Degen? rief die Pfarrerin, jetzt doch auch erregter ins Haus zurückkehrend. Wie kann man ihm einen Degen lassen!
Lucinde begriff nun, dass der Kammerherr geisteskrank war. Nie hatte sie Menschen in diesem Zustande gesehen und fürchtete sich, trotzdem dass man versicherte, die Musik würde allmählich seine Tobsucht mildern. In wunderbaren Tönen spielte auch jetzt die Frau Pfarrerin, eine kleine, zarte, aber geistig durchleuchtete und willensstarke Frau.
Wie Lucinde nun auch auf dem Sprunge war auf die Treppe zu eilen und sich in den obern Stock zu flüchten, traf sie durch die noch geöffnet gebliebene Haustür der blick des Tobenden. Kaum war er ihrer ansichtig geworden, als er augenblicklich in seinen Schimpfreden innehielt, die hände nach ihr ausstreckte und halb die Knie beugte.
Diese Aenderung der Scene war das Werk eines Augenblicks. Die zaubervollen Accorde, die die Pfarrerin dem Instrument entlockte, hoben eine Situation, deren Feierlichkeit von dem Schrecken und Staunen der Näherstehenden unterstützt wurde; die entfernter Lauschenden freilich lachten.
Lucinde blieb eine Weile unbeweglich.
Dann aber fasste sie sich Mut und ging auf den Kammerherrn zu, ihm einen freundlichen: Guten Morgen! wünschend.
Er erhob sich, sprach nichts und lächelte voll Ehrfurcht.
Dass Sie mich noch wiedererkennen! fuhr Lucinde wie in unbefangenster Laune fort. Ich habe mich seit gestern verändert, nicht wahr?
Sie gehören jetzt der Erde an! sprach der wie in einem Bann Befindliche feierlich, langsam, mit sonderbar hochliegender, fast weiblicher stimme.
Nicht wahr, fuhr Lucinde scherzend fort, Sie glaubten gestern, ich wäre vom Himmel gefallen?
Und nun suchte sie die zerstreuten Blumen auf, wobei ihr der Kammerherr behülflich sein wollte.
Aber diese steife Uniform! fuhr sie fort. Pfui! Pfui! Wie garstig dieser hohe Kragen! Das mag sich wohl bei hof schön ausnehmen, aber hier ... Die armen Rosen und Nelken! Nein, kommen Sie, Herr Kammerherr von Wittekind! Ziehen Sie Ihre gestrige leichte Kleidung an, und wir richten den Garten wieder in Ordnung!
Ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen! sagte der Kranke und verbeugte sich wie vor einer Fürstin.
Nun gut! So denken Sie nur, dass ich auch ganz incognito hier lebe und wir uns eines dem andern nichts vorwerfen wollen!
Der Kammerherr verbeugte sich und ging, ohne weiter nach dem Degen zu fragen, ins Haus, um sich umzukleiden. Er bewohnte die andere Seite des Erdgeschosses.
Alle standen in Verwunderung vor diesem unerwarteten Besänftigungsmittel. Der Pfarrer besonders schien sehr erfreut und sagte leise:
Die Musik war bisjetzt das einzige, was die zuweilen ausbrechende Tobsucht des geistesschwachen Mannes mildern konnte. Nun kommen Sie und schon Ihr Anblick entwaffnet seine Wut! Sie sind uns ja wie ein Geschenk von Gott gegeben!
Lucinde erfuhr, dass der Pfarrer von Eibendorf, dem das trauliche Nest von Kindern sich füllte, vom Ertrag seiner Pfarre aber kaum die Scheuer, sich erboten hatte, einen geisteskranken vornehmen, sehr reichen Mann in Obhut zu nehmen. Es war, er gestand es aufrichtig, eine ganz einfache Speculation auf die Besserung seiner eigenen Existenz. Er wollte diese Ersparnisse anlegen für die künftige Ausbildung seiner Kinder. Offen sagte er das; aber man sah wohl, sein eigener redlicher Wille und die Herzensgüte seiner Frau konnten sich nicht entschliessen, diese Pflege wie das Amt eines Mietlings auszuführen. Sie unterzogen sich ihrer schweren Aufgabe, die sie in diesem mislichen Umfange, wie sich bald herausstellte, kaum geahnt hatten, mit aufrichtiger Hingebung, wachten Tag und Nacht über den launischen, oft bösartigen und in der grossen Welt in vielen Dingen gründlich verdorbenen Mann, der schon an die Vierzig gerückt schien und doch kaum dreissig zählte.
Freiherr Jérôme von Wittekind entstammte dem Geschlechte, das sich für die Nachkommen jenes edlen und tapfern Wittekind hielt, der in diesen Gegenden, tiefer abwärts nach Westen zu, lange Jahre Karl dem Grossen die Spitze geboten. Einem Geschlechte der Hünen schien auch noch immer dieser entartete Enkel anzugehören. Der Kammerherr war der jüngere Sohn des grossen Landbesitzers und eines der ersten