1858_Gutzkow_031_229.txt

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Benno war es mit seinem Freunde Tiebold, mit dem Assessor von Enckefuss und einer seltsamen Erscheinung, die sich zwischen dem Arm des letzteren und dem arme Tiebold's hielt ... ein jugendlich aufgefrischter Greis, von jenen selbst beim Weinen lachenden Gesichtszügen, wie sie der Mönch eben bei den alten gezähmten Voltairianern stereotypirt fand, den Bart, die Haare gefärbt, ein seltsames Bild unter drei jungen Männern, von denen wenigstens Benno und Tiebold die Lebensfrische selbst waren ...

Herr Rittmeister von Enckefuss! ... Herr Pfarrer von Asselyn! ... hiess es.

Der Mönch stand starr ...

Die Gruppe wagte ihn nicht ganz in ihren Kreis zu ziehen ...

Herr Doctor! sagte ihn erkennend der Rittmeisterin leichter und fröhlicher Anrede ... Es gab eine Zeit, wo Sie's gar nicht abgeschlagen hätten, mit uns auf den Hahnenkamp zu gehen und ein Glas Champagner zu trinken! Wir haben ihn da besser als im Englischen Hof! Jetzt freilich

Der Mönch sah den Sprecher an, als irrte er sich in der person. Ja es war ein blick voll Grösse und als wollte er sagen: Ich spreche armenisch und komme vom Libanon!

Benno fixirte den Pater von oben bis unten und würde den vor Verlegenheit verstummenden Rittmeister in der Erkennung unterstützt haben, wenn nicht Tiebold Bonaventura's Bekanntschaft zum ersten mal gemacht hätte. Da gab es denn ein Bestürmen mit dem ganzen Feuer des Anteils, ein Aufrufen zur Vergleichung der Aehnlichkeit mit dem Onkel Dechanten, ein lärmendes Erörtern der unangenehmen Nachrichten für Frau von Gülpen, dass nun eine andere Conversation gar nicht mehr aufkommen konnte.

Der Mönch, wie nicht im mindesten berührt von der Begegnung mit einem mann, der ihm die trübsten Erinnerungen des Lebens zurückrief, wandte sich inzwischen und richtete, wie wenn nichts wäre, den blick auf die Strassenecke, die mit Anschlagzetteln bedeckt war ... Man befand sich auf einem der vielen kleinen Plätze der Stadt, in der Nähe eines Gastofs mittlern Ranges.

In Bonaventura's Klagen über die Verzögerung seines Aufentalts musste sich sein Bedauern mischen, von Benno hören zu müssen, dass diesen jede Stunde eine Weisung seines Principals über Land zu schicken drohte und, wie er sagte, sein halb schon immer gepackter Koffer ihn vielleicht heute Abend bereits wieder aufs Dampfboot begleiten könnte.

Ich hoffe morgen empfangen und verabschiedet zu werden! sagte Bonaventura und drückte damit für Benno eine Bürde aus, die er an dem lesend der Mauer zugewandten Begleiter zu tragen hätte ... Und in dem Rittmeister von Enckefuss sah denn nun Bonaventura eine Persönlichkeit, die vielfach genannt wurde, sprach man von den Zerwürfnissen des Kirchenfürsten mit der Regierung und einer schon uralten Verfeindung des Domherrn Grafen von Truchsess-Gallenberg mit dem herrschenden Systeme ... In seiner Heimat drüben erfolgte nach geistlicher, dann westfälischer herrschaft die Uebernahme der Zügel des Regiments 1815 schroff und im geist solcher Sieger, die von der Demütigung des Corsen triumphirend heimkehrten und in den neugewonnenen Ländern und Städten als Wächter die wilden Söhne des Heerlagers zurückliessen. Kurze Zeit hatte der Corse auch die Söhne dieser Länder in Waffen den übrigen deutschen Brüdern gegenübergestellt und nun trat unter Verhältnisse, wo aus jedem nur erdenklichen grund der Politik die Versöhnung hätte herrschen sollen, doch, wie einmal die menschliche natur ist, die Vergeltung. Ein tüchtiger Heerführer befehligte in der Hauptstadt des neuerworbenen Landes. Milderte an ihm sein Verdienst die Wildheit und konnte eine gewisse barsche Treuherzigkeit, der man im rechten Augenblicke sogar Gemütvolles abgewinnen konnte, ihm manche gute wirkung sichern, so verdarben das, was seine Oberleitung noch allenfalls gut machte, die Untergebenen. Sein eigener Sohn war es, ein junger Offizier, der auf dem so gänzlich verschiedenartigen Boden die Sitten der Heimat einführen wollte. Der Husarensäbel des Rittmeisters von Enckefuss zerhieb alle Schwierigkeiten, deren sich für den alten General, seinen Vater, immer zahlreichere fanden. Verhältnisse, Vorurteile, Meinungen, Gewohnheiten wurden verletzt, mit ihnen die Personen. Die Reizbarkeit erhöhte sich. Zu Kränkungen kam es, die niemand mehr mit der dem dortigen Menschenschlage eigenen Selbstbeherrschung, die man auch Trägheit nennen mag, verwinden mochte; bald standen sich die höhern Stände gegenüber. Einige der jüngern Domherren, Geistliche aus den ersten Geschlechtern des Landes, wurden von dem Militärgeist, der seinen Säbel auf dem Strassenpflaster nachschleppen liess, auch auf dem neutralen Boden der Geselligkeit, vorzugsweise im Casino der Stadt, geneckt und, als sie es ihrem amt gemäss schweigend hinnehmen mussten, mit spottenden Worten bezeichnet. Es kam zu einem Ehrenstreite, an dem die Stadt, die ganze Provinz teilnahmen. Zwei junge Domherren waren durch wiederholte Beleidigung in der notwendigkeit, sich von den Offizieren Genugtuung zu erwirken. Welche konnten sie erlangen? Als Priester durften sie die Waffe nicht führen. Ihren Stand zu verlassen verhinderte eigene Neigung und der durch Familienstatut gebundene Wille. Sie klagten vor Gericht. Dies konnten sie nur da tun, wo der Rechtsspruch vom jenseitigen Feldlager kam. Nach langem Processiren kam es zu einem Austrag, der ihrer Ehre allerdings einen dürftigen Strohhalm bot. Vor den Gegnern hatten sie einen zweifelhaften Sieg gewonnen. Neue Verwickelung, neuer Hader. Da tritt der einzige Bruder des Domherrn, der Träger des Geschlechts, in die Schranken und wird, sowie später in unedlerer Veranlassung Jérôme von Wittekind, im Duell von jenem Rittmeister der Husaren erschossen ... An des Bruders grab soll Priester Immanuel, der Domherr Graf von Truchsess-Gallenberg,