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Trier seine Einsiedlerkutte wirklich an einem Sonnenstrahl aufhängen konnte, er wird es mit einem lauten und deutlichen: Ja! versichern, nur um nicht aufgehalten zu werden, ein glückliches à tout zu machen. Ha diese Priester! Sie können wie junge Mädchen eifersüchtig sein auf die Cirkel, wo nur ihre hände geküsst werden, nur ihre Scherze belacht! Entschuldigen Sie nichts! Es ist gut, dass es einen grossen Geistessturm gibt! Die faule Ruhe des Friedens hat Ungeziefer selbst im Rock des Herrn nisten lassen! Ausgeklopft muss auch der werden, nicht bloss der Wams der Kriegsknechte! Tüchtig! Tüchtig! Und von uns selbst! hören Sie, unsere Trommel wirbelt

Der Pater wurde in seiner wilden Rede unterbrochen. Eben zog eine Militärcolonne mit kriegerischem Spiel über den Platz, wo sie einsam gestanden ...

Als es stiller geworden, sprach Bonaventura:

Pater! Ich meine, je höher ein Priester steht, desto mehr wachsen seine Sorgen, die Ansprüche seiner Verwandten, die Zumutungen seiner Bedürftigen! Werden wir alt, so suchen ja gerade wir nach Augen, von denen uns doch ein klein wenig Liebe und sehnsucht bewahrt werden möchte, auch wenn wir tot sind! Keine Familie zu haben, es bewahrt uns lange vor sorge und Kummer, und doch wird Familie zuletzt unsers Herzens ganze sehnsucht! Nun sparen wir für andere, schenken, opfern, wollen Menschen haben, die irgendwie die unserigen sind! Das wird zuletzt eine Krankheit, die ebenso ihre Symptome, den Geiz, die Geldbegierde hat, wie unser schon in jungen Jahren sich meldendes Verlangen nachBequemlichkeit!

Bonaventura sprach das so hin, wie wenn er es ebenso auf der Kanzel hätte sagen können, ohne Menschenfurcht. Sein Auge glänzte, sein Stirn umzog sich mit dem lichten Schein der edelsten Unbefangenheit.

Sie sind ein milder Versöhner! sprach der Mönch ... Wissen Sie denn, warum Sie herberufen sind?

Ich hoffe es zu erfahren, erwiderte Bonaventura.

Ich will es Ihnen sagen! Irgendeiner dieser Priester alten Stils hat Sie irgendwo gesehen, hat Sie predigen hören, und da geht es wie in Göttingen, wo ich die Rechte studirte. Die alten Professoren wehren jede Neuerung ab, lassen kein neues System, keinen jungen Docenten oder Ausserordentlichen aufkommen. Plötzlich merken sie, dass die Frequenz der Universität abnimmt. Des Goldes, das von der Quästur kommen soll, wird immer weniger, die Doctorhüte bleiben auf dem Lager liegen, die gelehrte Jugend Deutschlands, die Gott sei Dank! doch noch nicht ganz aus Freitischseelen besteht, drängt sich in jene Städte, wo die Lehrstühle der in Göttingen verurteilten Systeme stehen. Nun wird den Geheimenräten Angst! Jetzt halten sie einen grossen Ratschlag, und siehe da! Sie senden eine Deputation gegen Hannover und erklären, die Facultät böte eine Lücke, man müsste die Vertreter eines neuen Systems berufen. Ministerielles ErstaunenStühle, auf die sich die Excellenz vor Ueberraschung niederlassen muss ... Sie meinen, meine Herren? Sie befürworten –? In den "Gelehrten-Anzeigen" hackten Sie ja regelmässig die Vertreter dieses Systems zu göttinger Wurst zusammen? – Tut nichts, Excellenz! Mangel an doppelläufigen PistolenUnd nun errichtet man einen neuen Lehrstuhl, beruft denselben jungen früher verfemten Irrlehrer und die akademische Jugend des heiligen römischen Reichs findet wieder den alten Weg andie "Leine", die Honorare kommen in gang, die Doctorhüte fabricirt wieder "Vater Betmann" nach wie vor, die alten Herren frischen sich mit dem jungen Blute wieder auf, wie in Arnim's "Kronenwächtern" die Transfusion des Blutes in praxi ausgeführt wird und ebenso denke' ich mir: Wenn in Städten, wie diese, die Gesinnungen zu weltlich werden, die Beichtstühle zu leer stehen, die Büchsen und Becken beim Opfern zu viel Kupfer abwerfen, die zweischlächtigen Bastarde der gemischten Ehen nur in den Taufbecken der Protestanten Stolgebühren zurücklassen, dann müssen frische, fromme, freudige Gemüter

Wiederum aber konnte diese dem Eindruck, den Bonaventura dem Mönche machte, dargebrachte Huldigung nicht weiter kommen. Eine Volksmenge brauste daher, Vorläufer eines neuen Soldatentrupps, diesmal der grossen Wachparade. Es war schon die Mittagszeit. Wie eine rauschende Flut stürzten sich die Accorde einer Janitscharenmusik über die Worte des Sprechers ...

Der Mönch schwieg; beide Wanderer standen still und liessen die Truppen an sich vorüberziehen ...

kennen Sie den Kirchenfürsten? verstand sich der Mönch wiederholt zu einerFrage, als es ruhiger geworden.

Aus der Zeit, als er noch Generalvicar war!

Reden Sie mit ihm, so bitte' ich, sprechen Sie Gutes von mir!

Bonaventura sah den Mönch erstaunend an.

Ich habe die Weihen nicht! Ich bin nicht Priester! sagte der Pater.

Auf Bonaventura machte dies geständnis einen tiefen Eindruck. Es war ihm, als fiele ihm eine Last vom Herzen. Pater Sebastus war kein Priester! Diese Hand, die Jérôme von Wittekind erschoss, die einen Vater ungerächt gelassen, war so nicht entsühnt, dass sie Segen austeilen, das Brot des Lebens spenden konnteund jetzt verstand Bonaventura die Widersprüche in dem Wesen seines Begleitersdie Demut schien ihm noch nicht zur neuen natur gewordensie erstrebte vielleicht nur das letzte Ziel des neuen Ehrgeizesdie Weihenund Stolz und leidenschaft schienen die alten geblieben ... In seltsamen Wirbeln ging sein schwankendes Urteil.

Da kamen jetzt vier Männer daher ... Sie grüssten, standen still und es fanden gegenseitige Vorstellungen statt