einsamen dunkeln Kreuzgange daherkommenden Priesters, der kaum in die Kapelle geblickt hatte, auch schon zurückkehrte, fast erschreckend, sie nicht leer zu finden ...
Noch mehr ... Bonaventura erkannte den hier plötzlich Auftauchenden und wieder Verschwindenden auf den ersten blick ... Es war Cajetanus Roter gewesen, sein Vorgänger im amt zu St.-Wolfgang ...
Da lag das Ordnen des verstörten Altars seltsam nahe ...
Bonaventura betrachtete den Vogel, den er an beiden zurückgebogenen Flügeln rückwärts auf die Hand gebreitet hielt und der ihn wild und trotzig und wieder doch furchtsam und scheu ansah, fast wie die unbekehrte Seele eines Menschen, sprach er ...
Der Pater war bereits wieder voraus auf den sonnigen Rasenplatz des inneren Geviertes der Gänge zurück und Cajetanus Roter war gleichfalls verschwunden. Dass er nicht zum Gebete gekommen, ersah man alsbald aus einer ihm begegnenden, ihn anredenden und mit ihm zurückkehrenden Dame. Und in dieser erkannte Bonaventura trotz des von ihr, als sie hier Beobachter sah, plötzlich übergeworfenen Schleiers zu seinem Erstaunen sogar eine der Töchter des Herrn Schnuphase.
Alles das währte nur einige Minuten, hinterliess aber auf lange und tief einschneidend einen Eindruck, dem der Mönch, als ihm das freiere und leichtere Aufatmen selbst Bedürfniss wurde, das Wort der Erklärung gab:
Lassen Sie den Vogel fliegen! Das Tier ist ein Bote des Satans! Nur deshalb scheint es so grimmig auf uns, weil wir ihm ein Rendezvous gestört haben!
Bonaventura warf den Vogel in die Höhe. Dieser schoss auf und verschwand auf dem grauen Schieferdache des Langhauses der Katedrale.
Schweigend verliessen beide den Kreuzgang und das Gebiet überhaupt. Man wollte noch einige andere Kirchen besuchen ...
Es konnte Bonaventura nicht entgehen, dass der Mönch in seltsame Aufregung versetzt war, die ihn seine bisherige bewusste und selbstgefällige Weise fast aufgeben liess. Wie über irgendetwas Gespenstisches hatte sich sein Auge vergrössert, die Runzeln, die schon über der Stirn des kaum Dreissigjährigen lagen, zogen sich in die Höhe, er zupfte an dem Strick, der ihn umgürtete, um die Kutte höher zu ziehen; so fast, als fröre ihn ...
Endlich, an einem grossen altertümlichen haus, schien sich der Mönch wieder erholt zu haben von dem Eindruck, den ihm die Scene in der Kapelle gemacht hatte. Am Sonnenlichte atmete er wieder auf und liess halb mit einem, wie es schien vom tiefsten inneren kommenden Seufzer, halb aber auch wieder hinblinzelnd auf Bonaventura, die Worte der Schrift fallen:
"Wo ihr aber durch den G e i s t des Fleisches Geschäfte tödtet, da werdet ihr leben!"
Bonaventura kannte, schwer genug (wie er sich zu gestehen nie schämte), diese allein erst wahrhaft lebendig machende Kraft des Geistes und nickte Beifall.
Der Pater fühlte sich nun ermutigt, zur frühern Schärfe seiner Aeusserungen zurückzukehren. Er klagte die Priester an, denen er vorzugsweise den Verfall des grossen Kirchengebäudes schuld gab.
kennen Sie dies Haus hier? fragte er und ohne die Antwort abzuwarten, fuhr er schon fort: Der Sitz des Capitels ist's! In dem haus hier mit seinen zahllosen Fenstern, langen Gängen und auf die Ewigkeit angelegten Oefen kommen aus vierundzwanzig Gegenden auf ihre alten Tage vierundzwanzig Menschen zusammen, zwei auf jeden Jünger Christi, und – ja, das ist ihr Unterschied – einer spricht und geht und raucht und schnupft anders als der andere. Und noch sind Greise darunter, die einst auch unsern Herrgott abgesetzt haben in der Französischen Revolution! Domherren, die mit Honteim von Trier eine deutschbischöfliche Kirche gründen wollten, frei vom Papst, eine constitutionelle, die in den emser Punktationen schon ihre Charte-Vérité hatte ... Alle haben sie noch über Voltaire gelacht und davon sind ihnen die Runzeln nun so stehen geblieben wie lachenden Porzellanmännern; denn sie lachen auch bei Erlebnissen, die ihnen das Weinen nahe bringen sollten, ja sie wissen nichts von diesen stehen gebliebenen Mienen, sie weinen wirklich mit diesem alten Voltairelächeln! Und gerade, als wenn sie wüssten, dass sie den Feuertod verwirkt haben, so heizen sie ihre Oefen ein in ihren grossen kaltgründigen Stuben! Wälder stecken sie in die Flammen und doch erwärmen sie nicht den innerlich schauernden Frost! Furchtsam verrichten sie ihre Aemter am Hochaltar, wo sie kaum noch die Stufen des Chores ersteigen können, und bei den grossen römischen Missalen, die neben ihnen aufgeschlagen liegen, bei den durchgestrichenen Noten des Antiphonales werden sie gespenstisch nur an die Todtenköpfe des Beinhauses erinnert. Ach, aus Angst der Seele wirft sich dann einer oder der andere auf das Studium eines alten Kirchenvaters! Da drüben, wo Sie die grünen Vorhänge am Fenster zugezogen sehen, wohnt einer, der sein ganzes erspartes Vermögen an eine Herausgabe des Origenes hingegeben und hinterher bedeutet worden ist, dass Origenes nicht zu unsern Heiligen gehört und den Protestanten zu überlassen ist. Der arme wird dieser Tage sterben, ist vielleicht schon tot, und seine aus teuer erstandenen Manuscripten gesammelten verschiedenen Lesarten werden ihm ins Grab folgen! Dort – da wohnt der Kanonikus Martinus Taube! Krank kann er werden, wenn im Kattendyk'schen haus jemand dreimal hintereinander zum Diner eingeladen wurde und Frau Commerzienrätin ihn einen angenehmen Gesellschafter genannt hat, an den sie sich gewöhnen könnte! Nebenan – da wohnt einer, der mit dem haus Kattendyk selbst Geldgeschäfte macht ... Dort dem andern da ist das Dasein ganz in Whist und Boston aufgegangen! Und fragen Sie ihn, ob sankt-Goar in