Bonaventura vorausgehen.
Sie verliessen das Zimmer und das Haus.
Wie sie so dahinschritten, sahen ihnen die Menschen nach ... die Fremden blieben stehen ... der Pater schlug die Augen nieder ...
Sie betraten Kirchen und Kapellen ...
Viele fanden sie leer ...
Der Pater verurteilte die Lauheit der Gemüter und wiederholte einiges von seiner in Kocher am Fall gehaltenen Rede.
Sehen Sie denn aber nicht, erwiderte gelassen Bonaventura in einer dieser Kirchen, die beiden Kerzen da am Altare? Ist das nicht so schön an unserer Kirche, dass Sie, wenn Sie in unsere Gotteshäuser treten, immer finden werden, dass irgendetwas in ihnen vorgeht? Ist es auch nur eine einzige Seele, die irgendwo in einem Stuhl knieet und gegen die Hoheit des Gebäudes, gegen die Macht der Wölbungen und Säulen mit ihrem armen schwachen Aufseufzen wie ein Sandkorn am Meer verschwindet, doch belebt es einen ganzen Bau! Und brennen auch nur zwei kleine Kerzen an einem irgendwo versteckten Seitenaltar, immer sagt das, es ist da irgendein Gebet im Werke, eines, das schon gehalten worden ist, oder eines, das erst gehalten werden soll; irgendeine Seele, die vielleicht in der Ferne auf dem Krankenlager liegt, hat diese Lichter anzünden lassen und bald wird ein Priester nur mit einem einzigen Knaben kommen und, ohne Rücksicht auf Zuhörer, unhörbar nur und still hinmurmelnd die Messe lesen. Dann wieder findet man an einem Tage, wo alles werkeltägig in der Stadt und in den Gemütern hergeht, doch in der Kirche den Hochaltar geschmückt, Blumen liegen an seinen Stufen, das Wort des Priesters schallt fast wie ein einsames Selbstgespräch und kaum bis über die Brüstung des Chores hinaus; ein Erinnerungstag ist's an einen Heiligen, irgendein Vorgang aus der geschichte der Kirche wird gefeiert, ohne Geräusch, ohne allgemein verständlichen Ausdruck; nur einzelne Seelen, die gerade diesen Heiligen zu ihrem Schutzpatron wählten, sind gleichsam mit in das stille geheimnis gezogen und geben dies einfach zu erkennen durch ihre Spenden, durch ihre Anwesenheit in den Kirchenstühlen, durch das Nachlesen in ihren Brevieren.
Der Mönch schlug die Augen hellauf und erwiderte nach einer langen Pause des Schweigens mit fast unhörbarer stimme:
Wäre das nicht, wie sähen Sie mich in dieser Tracht!
Beide waren jetzt in einer fast sich schon annähernden, wärmern Uebereinstimmung in die Katedrale getreten, die einem grossen heiligen wald glich von vielen tausendjährigen Eichenstämmen. Die Ueberfülle mit neugierigen Fremden vertrieb sie jedoch. Sie traten in einen stillern, schön erhaltenen Kreuzgang, der zur Seite lag. In der Mitte desselben sprudelte über grünem Rasen ein Springquell – es war still ringsum, friedlich, "poetisch", wie der Mönch sagte ...
Der Reiz sich persönlicher zu ergründen, nahm zu und Bonaventura hatte sogar das Bedürfniss, einem Convertiten und einem Mönche vollends sein schweres Lebensgefühl zu erleichtern, und suchte dafür nach Anknüpfungen.
Der Pater gab sie bald selbst, indem er dem Priester, der ihm fast zu imponiren anfing, die Worte sprach:
Lieber doch noch die herumlorgnettirenden Engländer und um Trinkgelder handelnden Lohnbediente in unsern Katedralen, als sich Kirchen nur erfüllt zu denken von Superintendenten- und Consistorialratsweisheit! Gott! Gott! Darum zerriss man 1517 die zarten Verbindungsfäden des Ueberlieferten mit dem Gemüte, nur damit in den Kirchen ewig geredet und das Echo der alten zum Redewiderhall gar nicht geschaffenen Wände mit tausendfach persönlich bedingter Weisheit gequält werde! Man spricht von dem Protestantismus als dem Bundesgenossen der Freiheit!
Nichts will die Freiheit des Volkes mehr, als die katolische Kirche! fiel Bonaventura ein.
Der Mönch stand still und betrachtete eigentlich jetzt erst zum ersten mal den Sprecher ...
Aber die Fortsetzung dieser Gedankenreihen unterbrach plötzlich ein Geräusch in einer Kapelle, die den zuletzt dunkler gewordenen Kreuzgang schloss ... Diese Kapelle lag völlig einsam und diente zur Aushülfe für die Winterszeit, wenn allzu schneidende Kälte die vorgeschriebenen Gebete und Messen in der Katedrale besonders den ältern Priestern, den oft kränklichen und hinfälligen Domherren unmöglich machte.
Beim Verharren in der Kühle dieses entlegenen Winkels, über den Leichensteinen und Wappen der hier seit Jahrhunderten begrabenen Priester wollte eben der Pater beginnen: Der Stab Aaron's ist ein mächtiger, ein grünender und blühender in unserer Hand – als ihn jenes Geräusch unterbrach ...
Bonaventura ging näher, sah in die offene Tür, stieg einige dunkle Stufen nieder und zeigte dem Nachfolgenden, der von einer Eule oder einer Fledermaus sprach, einen grossen Vogel, der aus den hundert Nestern an den Spitzgiebeln und Türmen der Katedrale sich hierher verirrt hatte, scheu in dem dunkeln inneren hin- und herflog und den Ausgang nach den hochliegenden kleinen Fenstern suchte, die auf der andern Langseite der Kapelle in die Strasse gingen. Der Vogel umflog den Altar, riss die Leuchter um, verschob die Altardecke und warf einige Schalen nieder ...
Der Anblick hatte etwas Düsteres, ja bei der Dunkelheit und Einsamkeit des Ortes etwas Schauerliches. Zuletzt sah man den Vogel sich zwischen zwei der kleinern Säulen an der sogenannten Evangelienseite des Altars festklammern und wild und starr die Augen auf die Ankommenden richten ...
Greifen Sie das Tier! sagte Bonaventura. Ich will den Altar wieder herrichten ...
Der Pater stand in der Ferne und erbot sich zu der umgekehrten Hülfsleistung. Er ordnete den Altar und so langte Bonaventura den grossen Vogel nieder, einen Habicht mit gekrümmtem Schnabel und spitzen Krallen.
Die Unheimlichkeit der Scene mehrte sich durch das erscheinen eines rasch draussen auf dem