des Pfarrers Verwandtschaft mit dem Kronsyndikus. Es gibt Naturen von einer solchen Spontaneität, von einer solchen Unfähigkeit, sich durch andere bestimmen zu lassen, dass sie wenn auch nicht ganz das Gehör, doch fast die Fähigkeit verloren zu haben scheinen, an andere Menschen über irgendetwas auch nur eine Frage zu stellen.
Sie haben hier schon Bekannte! sagte der Pater gleich für fest und bestimmt, lehnte den Sitz auf einem der Polstersessel ab und blätterte in Bonaventura's Brevier, so fast als wenn dieser gar nicht anwesend war.
Alles das musste dieser seltsam finden und erwiderte nichts ...
Gestern ging ich an diesem haus vorüber, fuhr der Mönch fort, und sah Sie im Laden unten im Gespräch mit Herrn Moritz Fuld, dem Bruder eines Mannes, der im Enneper Tale eine byzantinische Kirche gebaut hat. Ja, also dahin musste es kommen! Oft mache ich mir Vorwürfe, dass ich mich noch immer praktisch in die Juden nicht finden kann, während ich sie teoretisch schätzen muss!
Und auch jetzt noch fand Bonaventura keine Möglichkeit, im Gespräch mit irgendeiner Bemerkung einzuspringen.
Eine Art Reue über die Behandlung, die soeben Löb Seligmann wahrscheinlich doch nur von ihm erfahren, schien sich in diesen seinen Worten auszusprechen:
Die Juden gleichen dem Speer des Achilles! Der verwundete, wie Sie wissen, und heilte! Die Juden, von Spinoza bis Heine und Börne herab, untergraben den Glauben und doch sind sie im Grossen und Ganzen wieder dessen Sauerteig, die Bürgschaft des Festaltens am Einen Gott, die Wächter der Lehre von der Selbsteiligung, ja sogar vom Schatz der guten Werke und jedenfalls der Lehre vom Opfer und den Reinigungen! Unser alter Rector in Detmold mühte sich mit Horazens Credat Judaeus Apella! "Das glaube der Jude Apella!" War der Jude Apella in Rom so bekannt für seine Leichtgläubigkeit? Zupften die jungen Adeligen des neuen Augusteischen Zeitalters ihm vielleicht am Bart und creditirte er ihnen vielleicht allzu gläubig auf ihre langfichtigen Wechsel als römischer Bankier und Vorläufer des Fürsten Torlonia in Rom? ... Oder wie war das mit dem Juden Apella?
Bonaventura stand diesem scurrilen Durcheinander nur staunend und lauschend und fast angezogen.
Apella, fuhr der Pater fort und nahm jetzt eine von Treudchen's Blumen auf, sie allmählich langsam mit einem elegischen Blicke vorn an dem seine Kutte zusammenhaltenden Strick befestigend, Apella war ein jüdischer Philosoph mit griechischem Bildungszuschnitt, der in Rom Vorlesungen hielt über Kirche, Staat, Religion, Glauben und Wissen und zwar mit dem für einen Juden unerlasslichen Systeme: Es gibt nur Einen Gott und keine andern Götter neben ihm! Dem römischen gelehrten Pöbel, den Denkern und Sophisten, erschien der vielleicht ein wenig ins Lächerliche gräcisirende Rabbiner ein Narr, ein Diogenes, der am hellen Tage mit der Laterne ging! Nur Ein Gott! Kein belvederischer Apoll, keine mediceische Venus, kein farnesischer Hercules neben ihm! Armer, armer jüdischer Credo-Lehrer! Was glaubte wohl dieser erste verspottete Märtyrer des Glaubens? Er glaubte jedenfalls Jehovah, den Herrn des himmels und der Erden, aber vielleicht auch schon den Messias vom Stamme David's. Apella ist mir der dreizehnte Prophet! Er war nicht so gross wie Elias, dessen Grösse besonders darin bestand, dass er nur sprach und nichts hat drucken lassen, aber auch nicht der Kleinste unter den Kleinen! Da lachten die Römer denn: Ein Glaubender! Ein Glaubensvirtuose! Ein Denker, der den Glauben in Vorrat und wie auf Lager liegen hat! O, ein seltsamer Gast dieser Apella und ich möchte ein Buch schreiben: "Apella oder der Rotschild im Glauben. Eine Kritik der deutschen Philosophie von Kant bis Hegel."
Die wirkung dieser Weise auf Bonaventura war gar nicht abstossend. Er musste sogar der Vorstellung nachhängen: Findest du nicht aus dem, was du da zu hören bekommst, etwas von Lucinden heraus?
Da der Mönch sich nicht setzte und von einem Gelübde sprach, das ihm Polstersessel verbot, forderte ihn Bonaventura zu einem Spaziergang auf und hatte schon den Hut in der Hand ... Es beeinträchtigt aber unsere Kraft, auf anderer fragen zu hören, wie nach Shakspeare der Vornehmseinwollende anderer Namen nicht behält. Nichts "duckt" einen andern mehr, als wenn man ihn in die Lage bringt, eine Bemerkung wiederholen zu müssen ... Und so hörte der Pater nichts vom Ausgehenwollen. Er sprach nur zu den Blumen, die ringsum fast so, wie sie Bonaventura gefunden, noch geblieben waren:
Wie müsst ihr so verbleichen
Im funkelnden Farbenschein!
Ihr jungen Blumenleichen,
Wer segnet und senkt euch ein!
Da waren Sie ja, fuhr er plötzlich gleichgültig abspringend fort und auf die Sammlung, in der Bonaventura gelesen hatte, deutend, bei Dante's Vorbild in der Architektur der Welten, dem Aurelius Prudentius! Nicht wahr, die schöne bunte Rose, die Dante im Himmel sah von unermesslicher Grösse und die dort aus dem Strahlenglanz der Märtyrer und Heiligen aller zeiten zusammengesetzt war, ist hier auf Erden schon die aus den Blüten und Perlen der heiligen Poesie zusammengesetzte?
Gewiss! fand Bonaventura endlich eine gelegenheit einzufallen. Sie schmückt den unsichtbaren Dom unserer Kirche!
Das heisst, die "Purpurviolen" und "Saaronsrosen" aus Kocher am Fall ausgenommen!
Mit diesem Spott auf Beda Hunnius war das Gespräch abgebrochen ...
Der Pater folgte dem Pfarrer, der ihn an der Tür vergebens bat voranzutreten ... Plötzlich zog sich Sebastus in Demut zurück, verbeugte sich und liess