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erzählte und auf die geöffneten Fenster des Hauses gegenüber zeigte, aus welchem man inzwischen in einem verdeckten Korbe die Leiche der Ermordeten hinweggetragen hatte.

Eine Schwester der Frau von Gülpen! rief auch Bonaventura erstaunend aus.

Auch er wusste nichts von dieser Verwandtschaft. Doch musste er Benno Recht geben, als dieser an seine gestrigen Aeusserungen über die so dunkeln Anfänge im Leben des Dechanten und den Zusammenhang derselben sogar mit dem Kronsyndikus erinnerte. Und trotz seines gleichfalls gestern wie schon oft geäusserten Gefühls, dass ihm die geheime Welt des Beichtstuhls, mit besonderer Rücksicht auf sein eigenes Leben, eine gefährliche Ueberhebung der Kirche erschien, hätte Benno dennoch fast mit dem Zusatz: Unter dem Siegel der beichte! von dem Agenten Hammaker sprechen mögen und von seiner gestrigen so aufdringlichen Begegnung. Er tat es nicht. Er nahm sich vor, ehe er zu irgendjemand seinen Verdacht äusserte, sich genauer nach den Beziehungen zu erkundigen, die zwischen diesem und der alten geizigen, fast der ganzen Welt sich verschliessenden Frau hätten stattfinden können.

Das durch diese Eröffnung gemehrte Unbehagen der Stimmung Bonaventura's verminderte sich nicht, als er nun auch bei einer von dem Freunde gestellten Aufforderung, er sollte sich dem geselligen Kreise bei dem Rittmeister von Enckefuss anschliessen, die Worte hören musste: Von diesem leichten und fröhlichen Lebemenschen kann ich mir denken, wie er damals bei dem tod des Deichgrafen voll Schauder und Mitleid die Augen zudrückte und nur die gemeinschaftliche Standesehre zu wahren suchte! Nicht einmal glaube' ich, dass den Rittmeister dabei die Rücksicht auf seine Verschuldung beim Kronsyndikus bestimmte. Seitdem freilich diesem eine Curatel gestellt ist, seitdem dein Stiefvater die Oberaufsicht über sein künftiges Erbe bereits factisch besitzt, hätten diese Rücksichtsnahmen wohl auch aufgehört. Und dennoch bin ich überzeugt, dass der Landrat eher seinem Pferde die Sporen gibt und in einen Abgrund jagt, als dass er sich auf einer gegen befreundet gewesene Familien gerichteten Drohung betreffen liesse ...

Bonaventura musste von dem Begleiter sprechen, der ihn vielleicht schon in seiner wohnung erwartete ...

Pater Sebastus! rief Benno staunend. Nun siehst du die Läuterung biszum Aufpasser!

Eile, eile, fuhr der Zweifelnde dann fort, dir von den Damen Schnuphase dein Frühstück credenzen zu lassen! Rüste dich aber mit allen deinen Gelübden, ihrer Liebenswürdigkeit Widerstand zu leisten, besonders ihrer Frömmigkeit!

Bonaventura fand, als er gegangen war und sein Zimmer betrat, beide Töchter des Herrn Maria in grosser Aufregung ... Benno von Asselyn, den sie sehr wohl kannten, wohnte ja dem Morde so naheBonaventura erzählte ihnen, was er wusste.

Da der Pater Sebastus nicht kam, hielt es der so gezwungen in ihm verhasste Untätigkeit Versetzte für seine Pflicht, sich im Palais des Kirchenfürsten teils nach dem Befinden desselben, teils nach der wohnung des Paters zu erkundigen.

Im Palais erfuhr er, der Kirchenfürst wäre zwar wieder wohlauf, doch mit Geschäften ausserordentlich überhäuft und eben arbeite sein Secretär mit ihm. Bei der Lebhaftigkeit des Verkehrs in den Vorgemächern musste Bonaventura natürlich finden, dass er nicht die Aufforderung zum Warten erhielt. Vom Pater Sebastus hiess es, dieser würde ihn in seiner wohnung in Herrn Maria's steinernem haus unfehlbar selbst aufsuchen.

Hieher zurückgekehrt fand Bonaventura die Blumen der kleinen Gertrud Lei und hatte seine innigste Freude daran ...

Und doch bei alledem wie ein Gefangener sich fühlend ging er an eine Lectüre, die er sich aus St.-Wolfgang mitgebracht hatte. Das grosse, von Treudchen mit Blumen bestreute Buch, das sie aufgeschlagen gefunden hatte auf dem Schreibtisch, war eine Sammlung alter lateinischer geistlicher Gedichte gewesen, ein Erholungsstudium, zu dem Bonaventura zurückkehrte.

Nach einer Weile klopfte es.

Ein Franciscaner trat herein ... blass, lang, hager, blossen Halses, nackt an den nur durch Sandalen geschützten Füssen, das Haupt geschoren, der blick eine Weile scharf, dann sogleich unstet, wie auch das ganze Wesen erst eine kurze elastische Spannung bot, dann sogleich sich wie träumerisch nachlässig gleichsam gehen liess. Der Kopf war scharf geschnitten und sah sozusagen eher chinesisch aus als germanisch ... beim Sprechen öffneten sich kaum die Lippen, die Worte kamen flüsternd zu Gehör, aber mit ausserordentlicher Bestimmteit und Sicherheit.

Der Mönch nannte sich kurzweg den Pater Sebastus aus dem Kloster Himmelpfort, auf Urlaub befindlich, "einen Mönch in partibus infidelium".

Bei diesem einen Worte schon, das er nur so in erster Anrede an Bonaventura hinwarf, schien es fast, als wollte er sich damit aus der Sphäre herausheben, in die ihn seine Tracht drückte. Er glich so fast jenen Zurückgekommenen, die der Zufall in untergeordnete Lebensstellungen drängte und die dann nie unterlassen werden, in Gegenwart der Stände, denen sie früher angehörten, sich durch ein hingeworfenes gewählteres Wort, eine französische Phrase in ihrem eigentlichen Werte kenntlicher zu machen oder auch jenen lateinischen alten Studenten, die mit einem: Vir doctissime, illustrissime! auf dem land hospitiren und sich bei dem, der studirt hat, durch ein romantisches Anklingenlassen schönerer Jugendzeit ein Viaticum erbitten.

Und hätte der Pater nun nicht wünschen sollen, dass Bonaventura aufsprang und in ihm den berühmten Convertiten, den Streiter in den Zeitschriften, den Redner auf den Conferenztagen, den Sendboten des Kirchenfürsten begrüsste?

Bonaventura war befangen. Den Pater konnte diese Zögerung nicht die Folge einer Bekanntschaft dünken mit seinen Beziehungen zu Schloss Neuhof. Bei dem geist der Selbstvernichtung und gänzlichen Ertödtung jeder Beziehung zur Aussenwelt, ausser der kirchlichen, wusste Sebastus nichts von