Nachdem Hammaker im Garten, in den das Arbeitszimmer des Procurators hinausgeht, an jenem Tage eilenden Schrittes war gesehen worden, pochte man an Nück's von innen verschlossene Tür. Dass er sich drinnen befinden musste, wusste man durch seinen Hut und Stock, die im Vorzimmer lagen. Man pochte, niemand öffnete. Nun liess man einen Schlosser kommen, öffnete mit Mühe und fand den erschreckendsten Anblick. Nück lag halb bewusstlos am Boden – in einiger Entfernung von ihm – das ist die Streitfrage – ein Klingelzug oder ein Strick, sonderbarerweise ein elegantester, grünseidener, aus dreissig kleinen Schnuren verfertigter. An dem einen Ende soll ein vergoldeter Haken angebracht gewesen sein, mit welchem die Hängemaschine oben am Haken eines nicht anwesenden Kronleuchters befestigt gewesen sein musste; am andern Ende befand sich eine reichwattirte seidene Binde über einem halsbreiten Gurte. Anfangs musste man von dieser eleganten Form des Mordmaterials annehmen, Nück hätte sich, mit Grazie, selbst erdrosseln wollen. An den ringsum aufgeschlossenen Geldund Documentenschränken aber sah man den Diebstahl. Das Fenster stand auf. Ein ungeheures Schlüsselbund, das zu allen unter Nück's Verschluss befindlichen Repositorien gehörte, lag auf einem beweglichen eleganten Rollsopha von rotem Saffian. Nück kam langsam zum Bewusstsein zurück, blieb jedoch jede nähere Bezeichnung über den Vorfall schuldig. Die einen glauben, dass Nück von Hammaker erst gehängt, dann beraubt worden; andere sagen wieder: Wozu die grünseidene Schnur, die Halsbinde, der vergoldete Haken? Noch mehr: Wie konnte Nück ins Leben zurückkehren, wenn er so lange hing, bis der Mörder die Schränke aufgeschlossen, sie beraubt hatte und dann entflohen war? Man schloss auf einen Ueberfall im Schlafe. Hammaker wurde verhaftet, als er eben im Begriff war mit Extrapost und dreissigtausend Talern in Wertpapieren zu entfliehen; aber Nück lachte und fragte, ob die Welt toll wäre? Hammaker wäre von ihm selbst in Commissionen versandt, ihn selbst hätte nur eine Ohnmacht angewandelt, er hätte nach dem Klingelzuge gegriffen, ihn abgerissen und gab ähnliche Erläuterungen mehr ... Was konnte man einwenden? Ein Kläger, ein Beschädigter, ein Gehängter fehlte. Hammaker wurde frei und machte plötzlich Geschäfte, die bewiesen, dass er sogar einen teil der 30000 Taler wirklich hatte behalten dürfen! Eines Tages kam er zu Nück zurück, beide schlossen sich ein, schlossen sogar die Vortüren ab, hielten eine lange Conferenz und seitdem sind beide zwar auf einem kältern fuss und ceremoniell gegeneinander, aber sie machen dieselben Geschäfte wie sonst. Die Gesichtszüge dieses Menschen lassen sich nur mit einer Blumenlese von Physiognomieen einer ganzen Bande von Spitzbuben vergleichen und doch hab' ich schon manche Beweisaufnahme oder Terminabhaltung in der Umgegend, besonders in den gründlich von ihm gekannten Sieben Bergen drüben, in seinem Beisein machen müssen.
Unter diesen Mitteilungen waren Bonaventura und Benno an dem kleinen Häuschen angekommen, in dessen Gegenüber in der Nacht eine Tat vollbracht werden sollte, die Benno's erste Ahnung sofort, wie wir wissen, mit diesem übelberufenen Hammaker in Verbindung brachte; denn noch vor wenig Tagen hatte er ihn, wie schon öfter, in später Abendstunde aus dem haus der Ermordeten kommen sehen und während Tiebold und Enckefuss bei ihm frühstückten, kam ihm auch sofort der Gedanke: War der aufdringliche gestrige Gruss nicht wie ein: Betrachte mich und überzeuge dich von meinem – Alibi?
Als Bonaventura dann im "steinernen haus" zur Ruhe gehen wollte und bei seiner Rückkehr nicht wenig Not hatte, sich der allzu grossen Sorgfalt der Damen Schnuphase und ihrer Mägde zu erwehren, erhielt er noch ein kleines Billet von der Hand des Kaplans Eduard Michahelles.
Es lautete:
"Mein hochwürdiger Herr Pfarrer! Obgleich das Befinden Seiner Eminenz auf dem Wege der Besserung ist, so nehmen ihn doch die dringendsten Geschäfte für den Augenblick so in Anspruch, dass er sich auch wahrscheinlich morgen noch das Vergnügen versagen muss, sich Ihnen so ausführlich, wie er wünscht, mitzuteilen. Ich bin daher beauftragt Sie aufzufordern, noch einige Tage länger zu verweilen. Bis dahin ist der Wunsch Seiner Eminenz, dass Sie sich zu Erholungen oder bei etwaiger Absicht, sich über die kirchlichen Einrichtungen der Stadt durch den Augenschein unterrichten zu wollen, des Paters Sebastus, eines Franciscaners, als Gesellschafters und Begleiters bedienen mögen. Der Ruf des ebenso geistvollen wie frommen Convertiten, der von seinem Provinzial die erlaubnis hat, eine Zeit lang ausser Clausur zu leben, wird Ihnen bekannt sein. Ich habe die Ehre mich zu nennen Eurer Hochwürden ganz gehorsamster Michahelles. Alles zur grösseren Ehre Gottes." Die Empfindungen, von denen Bonaventura beim Lesen dieser Zeilen bestürmt werden musste, raubten ihm fast die Nachtruhe. Wie vorteilhaft er auch von dem Mönche, dem Lucinde ohne Zweifel ihre erste Bildung verdankte, und von seiner gegenwärtigen glorreichen Erhebung aus einem tiefen Jammer der Seele dachte, er wurde vor Erwartung über dies Zusammentreffen von den aufregendsten Träumen erschreckt.
5.
Die Messe, die ein Priester jeden Morgen entweder lesen oder hören soll, mochte Bonaventura mit einem bangen Vorgefühl nicht in einer der vielen Kapellen der grossen Katedrale besuchen, die vielleicht bald von seiner eigenen stimme widerhallen sollten ...
In eine kleine abseits gelegene dunkle Kirche ging er und verfehlte auf diese Art die sonst leicht möglich, gewesene und von ihr gesuchte Begegnung mit Lucinden.
Dann begab er sich zu Benno, der, von Tiebold und Enckefuss eben verlassen, zu seinen arbeiten zurückgekehrt war und mit Hindeutung auf einen bereits fertig liegenden Brief an den Onkel Dechanten ihm den grauenhaften Vorfall der Nacht