und Kaffeegesellschaften in der Umgegend wegnehmen musste.
Wie eine Grossmutter! sagte sie, von diesen Familienbezügen angeregt, zu sich selbst. Sie sann hin und her, wie sie sich helfen konnte, denn vollkommen gegenwärtig war ihr die Anwesenheit eines Mannes, den man Kammerherr genannt und der ja vor ihr anbetend auf den Knieen gelegen und sie wahrscheinlich spanisch oder arabisch begrüsst hatte. Leise hatte sie auch schon die an den Fenstern dicht herabfallenden gemusterten und rot umsäumten Musselingardinen gelüftet und richtig schon ihren Verehrer in dem kleinen Garten vor dem haus auf- und abwandelnd erblickt.
Lucinde war eitel genug, die glänzende Toilette, in der er erschien, auf ihre Veranlassung zu setzen. Er trug eine hellblaue Uniform mit goldgesticktem Kragen, mehrere Orden auf der Brust und einen dreieckigen Tressenhut auf dem schon wieder sehr roten Antlitz. In gravitätischer Würde ging der Kammerherr durch die zierlichen Wege des kleinen Blumengärtchens auf und nieder und brach nur dann und wann zu einem Bouquet, das er schon in Händen hielt, noch eine Rose oder aus den Einfassungen der Beete eine Federnelke.
Zunächst ordnete sie ihr verwildertes Haar. Sie legte es wie sonst wieder in Scheitel und Flechten. Um Locken zu machen, fehlte die Feuerzange ihrer Schwester.
Diese Umwandlung dauerte lange. Sie wurde ihr aber angenehm durch eine ganz wunderbare Unterhaltung, die plötzlich durch das Haus ertönte. Eine Musik erfüllte die nicht unansehnlichen Räume desselben, und zwar mit einem Wohllaut, der höhern Sphären angehörte. Jedes Glas auf dem Tische, die Fensterscheiben, die Bilder an der Wand, ja, die klappernde Tür eines gusseisernen Ofens, alles schien von dieser Musik mit ergriffen, so mächtig brausten die Accorde durcheinander, ob sie gleich nur von einem einzigen Instrumente, etwa von einer riesigen Flötenuhr, zu kommen schienen.
Was ist das? fragte Lucinde die Magd, die sie in seltsam fremder, ihr nicht geläufiger, plattdeutscher Sprache um das Frühstück anging, das sie zu haben wünschte.
Der Herr Pfarrer spielt! hiess es.
Ja, aber was? worauf?
Die Magd lächelte verlegen; ihr guter Wille, Aufklärung zu geben, scheiterte an einem schweren fremdartigen Namen.
Die Töne schwollen indess und lösten sich ab mit einer Weihe und Erhabenheit, die der feierlichsten Kirchenmusik gleichkam. Bald waren es Flöten, bald Oboen, bald die Töne eines Violoncells. Nur einmal hatte Lucinde ähnliche Eindrücke gehabt, damals, als sie zur Osterzeit gelegentlich die kleine katolische Kirche der Residenz betreten, um zu belauschen, wie sich die Frau Hauptmännin anstellte, im Beichtstuhl zu sitzen. Sie erfuhr später, dass die geizige Frau, die den Satan ohnehin für den wahren Herrgott hielt, nur deshalb alle Jahre einmal zur beichte ging, um ein monatliches gänzliches Fasten zu motiviren, das sie darauf als eine ihrem haus für ihre Sünden dictirte Strafe einführte. Lucinde dachte auch bei dieser Musik an jene Zeit der bittersten Entbehrungen.
Da ihr schönes Kleid einer gründlichen Ausbesserung bedurfte, wenn es nicht gar ganz verdorben war, so blieb ihr nichts übrig, als für ihr Costüm sich den Umständen zu ergeben. Sie bat um eine Haube und erhielt sie. An dem Schnitt ihres Antlitzes, an dem Reiz ihrer Formen war nichts zu entstellen, sie konnte den Eindruck einer eben verheirateten jungen Frau machen. Sie nahm dann ein leichtes Frühstück von Milch und eilte an die Quelle der berauschenden Töne, die das ganze Haus verzauberten.
Man empfing sie unten sehr freundlich und wünschte ihr Glück zu ihrer schnellen Erholung. Ihre Toilette fand man erfindungsreich und entschuldigte sich, ihr nicht mehr bieten zu können. Die Musik hatte denselben Augenblick aufgehört. Auf ihr Befragen, welchem Instrument man verstanden hätte diese wunderbaren Töne zu entlocken, zeigte der Pfarrer auf einen Kasten, in welchem eine Reihe von Gläsern, eins ins andere gesteckt, an einem Bande in der Schwebe gehalten lagen. Durch eine mechanische Vorrichtung bewegten sie sich, gerieten durch ständiges Drehen in Schwingungen und wurden nun mit den Fingerspitzen je nach ihrer Stimmung berührt. Diese Art des Spielens schien anstrengend. Man musste die Gläser durch Friction in Umschwung erhalten. Der Anblick selbst war lange nicht so poetisch wie die wirkung. Es war eine, jedenfalls verbesserte, jener alten und echten Harmoniken, die Benjamin Franklin erfunden haben soll, und die schon lange aus dem Gebrauch des Virtuosentums gekommen sind und nur hier und da noch von einem Freunde ernster und weihevoller Musik gespielt werden. Der Pfarrer und die Pfarrerin, beide waren gleich geschickt darin.
Das nächste Gespräch, an welchem in bescheidener Zurückhaltung einige freundliche Kinder, zwei Mädchen und zwei Knaben, teilnahmen, betraf natürlich das gestrige Finden der Verirrten.
Der Pfarrer hatte mit dem Kammerherrn, der immer noch im Garten, harrend und seinen Strauss vervollständigend, auf- und niederging, kurz vor Sonnenuntergang noch einen Spaziergang gemacht. An dem Riedbruch, wie die bezeichnete Gegend benannt wurde, hatte man Lucinden überraschend genug und im Schlummer hingestreckt gefunden. Ihr zerrissenes Kleid, die aufgelösten Haare hatten keinen Zweifel gelassen, dass es sich um eine Kranke handelte, und schnell war der Pfarrer zum dorf geeilt, während der Kammerherr zur Aufsicht zurückgeblieben war.
Zwei fast gleichzeitige fragen, die ihrerseits nach der wunderlichen Art des letzteren, und die Frage der Pfarrersleute, wie und woher sie denn in diese misliche Lage gekommen, durchkreuzten sich eben, als man vorm haus einen fürchterlichen Lärm hörte, Schimpfreden und Drohungen wildester Art.
Ja, was ist wieder? sagte ruhig der Pfarrer und ging hinaus.
Lucinde