er vor Jahren aus Rom erhielt, wirklich im Knopfloch befestigen kann! Sie haben's ihm abgeschlagen, ihn tragen zu dürfen! Nun liegt ein ganz neuer schwarzer Frack, im Knopfloch ein rotes Band mit einem goldenen, weiss emaillirten Malteserkreuz, an dessen beiden Spitzen des untern Flügels ein kleiner goldener Sporen hängt, immer an seinem Pulte auf der Sophalehne neben ihm ausgebreitet, sodass jeder Graf, jeder Bischof, jeder Regierungspräsident, mit dem er Conferenz hält, die geschichte zu hören bekommt und Entschuldigung gewähren muss, dass er Se. Excellenz oder Se. Erlaucht nicht würdiger empfangen könnte, er hätte zwar allerdings einen neuen schönen Frack, da läge er, aber da er ihn so, wie er ihm und dem Stellvertreter Christi gefalle, nicht tragen dürfe, so müsse er sich schon hier in diesem grauen Alltagskittel zeigen. Und diese Komödie spielt er mit einer Gewandteit, dass sie Ludwig Devrient nicht besser getroffen haben könnte! Nück ist ein seltener Mensch, dem man nur leider nicht so nahe kommen kann, wie man möchte, um von ihm alles zu lernen. Nicht nur, dass er sich mit einem eigenen, fast mystischen Dunkel umgibt, sich öfters einschliesst und auf seine nächsten Vertrauten beschränkt – auch wir alle, die wir mit ihm arbeiten, bekommen immer nur einen kleinen teil des grossen Ganzen zu sehen, in dem er die belebende Seele ist. Es scheint, mir schenkt er Vertrauen. Fast hätte er mich schon bei meinem ersten Eintritt in seine Praxis beauftragt, an der Camphausen'schen Verlassenschaft zu arbeiten und nach Schloss Westerhof zu reisen ...
Zu Paula! sprach es still im Herzen des Priesters und Benno fühlte dies Wort nach und hielt zurück, etwa von Lucinden zu beginnen, von ihrem Eindruck an jenem Abend im Pfarrhause, von dem völlig andern und günstigern auf der Reise nach Kocher und von ihrer jetzigen Nähe in dieser Stadt, wo Benno schon seit einigen Tagen wünschte, ihr irgendwie und wo gelegentlich zu begegnen. Denn sie aufzusuchen hielt ihn die Rücksicht auf die Dechanei und sein stiller Cultus für Armgart zurück.
Bonaventura erkundigte sich nach der Lage der immer mehr sich verwickelnden Erbschaftsangelegenheiten der Dorstes.
Das gibt einen neuen spanischen Erbfolgekrieg! sagte Benno. Zwei Grafen von Camphausen sind im sechzehnten Jahrhundert, wie damals so viele andere Städte und Herren um Münster und Osnabrück, luterisch geworden; ja als die Greuel der Wiedertäufer mit gleichen Greueln ausgerottet, bestraft und die Bedingungen des dortigen Lebens wieder katolische geworden waren, blieben einige ihrer neuen überzeugung treu und die Bischöfe sogar, die die Wiedertäufer bändigten, waren teilweise halb und halb selbst Luteraner. Der jüngere der beiden Brüder Camphausen, vom ältern, der schon damals ein grosses Besitztum verwaltete, nicht rechtlich abgefunden, sondern nach gerade vorhandenen Mitteln unterstützt, zog abenteuerlustig, wie damals die ganze Welt war, gegen Oesterreich, um, wie so viele jener Geschlechter damals getan, in dem an der Donau, in Italien und Ungarn nicht ruhenden Waffentanz dem fehdelustigen Sinne aufspielen zu lassen und vielleicht sogar manche in der Hoffnung, Maximilian II. würde auch Oesterreich vom Papste trennen. Viele der ersten Geschlechter der österreichischen Monarchie entstammen diesen Einwanderungen von einfachen Reitern wie Martin Spork an bis zu Grafen und Fürstensöhnen. Die meisten wurden indessen mit der Zeit wieder katolisch, entweder aus überzeugung oder zwangsweise. Martin Camphausen blieb bei seinem Patrone Martin Luter und erwarb ausser ungarischen Besitzungen das Schloss Salem bei Wien. Seine Nachkommen bewährten die Tapferkeit ihres Ahnen und zu glänzend waren die Verdienste der Camphausen im Türkenkriege und auf dem italienischen Boden, ihr Glaube stand ihrem Glück nicht hindernd im Wege. Die ältere Linie aber, die des Grafen Philipp, wurde ihrem Patrone Philipp Melanchton mit der Zeit untreu. In jenen zeiten, wo bis in das Herz Sachsens hinein katolische Neigung sich wieder geregt hatte und kein Fürst Italien bereisen konnte, ohne mit dem Verdacht, seine Confession geändert zu haben, in seine land zurückzukehren, war auch die Linie der Dorste-Camphausen – die Dorstes fügten dem Reichtum Philipp Camphausen's durch Verheiratung neuen Besitz hinzu – in den Schoos der katolischen Kirche zurückgekehrt. über hundert Jahre bestand aber damals ein Statut, das einst Philipp und Martin dahin lautend geschlossen hatten, dass nach Aussterben des Mannsstammes einer Linie die andere in die Besitztümer derselben eintreten sollte, vorausgesetzt, dass die Erben von gleicher Religion mit der der Stifter des Fideicommisses wären ... eine etwa vorhandene weibliche Nachfolge sollte entweder nur durch Verheiratung mit der andern Linie im Besitz bleiben oder standesmässig abgefunden werden. Nach fast drei Jahrhunderten tritt nun der vorhergesehene Fall ein und unter Umständen, die die Ausführung des Statuts zum gegenstand eines Streites machen. Paula's Vater kanntest du?
Bonaventura verneinte es.
Ich entsinne mich nur des vornehmen Herrn, sagte Benno, von seiner vierspännigen Kutsche bei feierlichen Gelegenheiten her. Graf Joseph, der letzte des ältern Stammes, war früh Witwer geworden. Da er von einer Wittekind, der Tante deines Stiefvaters, einer Schwester des Kronsyndikus von Wittekind auf Neuhof, nur eine Tochter besass, so bestürmte ihn das ganze Land wieder zu heiraten. So fromm sein Inneres, so gern er die Gefahr, fünfzehn Quadratmeilen Landes mit 60000 katolischen Seelen luterischen Gebietigern übergeben zu sollen, abgewandt hätte, so konnte er sich doch nicht entschliessen, seine Erinnerung an eine Frau zu trüben, die unter der herrschaft ihres Bruders, des Kronsyndikus, qualvoll gelitten haben muss, ja von diesem eigentlich ums Leben gebracht wurde.
Bonaventura