der Vermutung jener Dame seinem Knechte gesprochen, einem ihm als pferdekundig gut Empfohlengewesenen, von dem er keine Ahnung gehabt, dass er ein schon bestrafter Verbrecher und Angehöriger der noch immer nicht ganz ausgerotteten hierländischen alten Gaunerfamilien der Picard, Bosbeck und der Schinderhannes wäre ... Noch war der Flüchtling, der sich statt Picard Bickert genannt und mit falschen Zeugnissen versehen gewesen war, nirgends wieder aufgefunden.
Bonaventura's erste Regung war, sich zu sagen:
Also alles Unheil wieder von Lucinden!
Er veränderte mit der Zeit diese Vorstellung dahin, ob nicht hier das erste Unheil in seinem Schoose eine Reihe guter Folgen tragen könnte?
Auf dem Dampfschiff erfreute ihn, dann nichts Besonderes mehr, selbst Lindenwert nicht, bei der festgehaltenen Vorstellung: Wie wirst du dem Kirchenfürsten begegnen? Jetzt nach der Warnung des Oheims? Jetzt, wo in der Tat das Vorschreiten des vielleicht bald mit dem Purpur eines Cardinals bekleideten Priesters das ganze deutsche Vaterland in Erregung gebracht hat?
Sind die katolischen Priester entweder Söhne von Landleuten oder Söhne von Adeligen, so vertrat Graf Truchsess von Gallenberg gleichsam beide Ursprünge zu gleicher Zeit. Die Tage der grossen geistlichen Pfründen sind in den Staaten, über welche die eiserne Pflugschar der grossen Revolutionskriege ging, vorüber; nur wenige solcher Stellen mag es auf diesem Boden noch geben, in denen man sich wie zu St.-Zeno in Kocher am Fall die "feisten" Aebte und "pfaffen" alter Zeit auch auf unsere Tage überkommen denken darf; die Mittel sind geringer, die Verpflichtungen ernstere geworden. Graf Truchsess war ein Angehöriger jenes Adels auf dem jenseitigen Ufer, den man einen Bauernadel nennen möchte. Wenn er nicht in pontificalibus sich zeigte, trug er grobe Stiefeln mit starken Absätzen, waschlederne Handschuhe, die ein halbes Jahr lang vorhalten mussten, eine hoch hinaufgehende grobe Tuchweste mit grossen Knöpfen, einen Hut, der nur deshalb nicht zu sehr abgegriffen war, weil er beim Spazierengehen um die Alleen der Stadt und am Ufer des Stromes niemanden mit ihm grüsste, sondern kurzweg nur nickte. Seine Wäsche war von Hausleinen und nicht besonders reinlich, denn er rauchte und schnupfte. Er schnupfte nicht etwa wie ein Abbé mit zierlicher Fingerhaltung; er schnupfte wie ein ungeduldiger advokat, der seinen Eifer, zu Worte zu kommen, durch ein häufiges Handhaben seiner goldenen Dose unterdrücken muss, nur dass der Graf eine gewöhnliche Holzdose führte, ganz wie ein alter Waldhüter, der sich aus herbstlichen, duftenden Buchenblättern seinen eigenen Lotzbeck schrotet. Des Grafen Mittagsmahl bestand aus Linsen, Bohnen, Erbsen, gelben Rüben; seine Erholung war das Billardspiel. Denke man sich dazu seine starkknochigen Züge ... diese hellblauen, tiefliegenden Augen ... dies jetzt noch gelblich rote, bei fünfundfünfzig Jahren nirgends gebleichte Haar ... diese markigen Schultern auf einer ebenso lang hagern, wie wieder doch stämmigen Gestalt ... dieses wuchtige Auftreten ... diese kurze, befehlende Sprechweise aus einem an sich wohlgeformten mund, dessen Lippen aber nie in unbedachter Ruhe, sondern immer wie ein geheimnis bewahrend fest zusammengepresst lagen ... Die Farbe des Antlitzes war fast grau, konnte aber bei der geringsten Erregung sich röten bis in die Zipfel des Ohres. Das Geistliche am Grafen lag nur in dem schwarzen langen Oberrock, in der von einem Sammtkäppchen bedeckten Tonsur und in einem gewissen Etwas von Unstetigkeit und allzu sichtlich beherrschter Reserve, diesem allgemeinen katolischen Priestertypus mangelnder Ruhe und Harmlosigkeit, einem Typus, den auch Graf Truchsess, ein so fester Charakter er sonst war, nie ganz hatte überwinden können.
Schon dämmerte der Abend, als das Dampfschiff landete. Bonaventura fuhr mit seinem kleinen Koffer bei Herrn Maria vor und trat in den Laden desselben ganz unter den von Gebhard Schmitz geschilderten Umständen ein, nur dass er von Moritz Fuld weder eine Visitenkarte noch eine Einladung nach Drusenheim erhielt. Eva Schnuphase zeigte ihm das schon vorgerichtete Zimmer und entschuldigte den Vater, der in Geschäften schon wieder auf dem land reiste.
Sofort begab sich Bonaventura in das Palais des Kirchenfürsten und meldete feine Ankunft.
Er erfuhr, dass Se. Eminenz unpässlich waren und ihn auf morgen bescheiden liessen. Auch sein Secretär war im Augenblick nicht anwesend.
Nun suchte Bonaventura Benno auf und fand den lieben Freund hinterm Schreibtisch. Er hatte die durch seine Militärübung entstandenen Rückstände aufzuarbeiten.
Bonaventura's Herbescheidung hatte er schon in der Dechanei vernommen.
Der Kirchenfürst unpässlich? sagte Benno. Ein seltener Fall, dass dieser Hünennatur einmal etwas vom allgemeinen Menschenloose ankommen kann!
Die Spannung, welche Veranlassung es sein konnte, die Bonaventura von einer Landpfarre unmittelbar und persönlich zum Kirchenfürsten beschied, war bei Benno ebenso gross wie bei Bonaventura. Benno konnte ohnehin die lebhafteste Schilderung von der gegenwärtigen Lage des Kirchenfürsten geben, von seinem Kampfe gegen die gemischten Ehen, gegen die auf der benachbarten Universität gelehrte Philosophie, gegen die Einrichtung der Priesterseminare. Er versicherte, dass alles das zu einem gewaltigen Conflicte führen müsse, weil sich der Kirchenfürst bei seiner Intronisation auf dem hohen Erzstuhle gegen die Regierung sollte verpflichtet haben, keinen Erlass von Rom unmittelbar entgegenzunehmen, sondern in so hochwichtigen, mit den Einrichtungen des Staates, mit den Lebensformen der Gesellschaft, mit den Bedingungen der Zeit und der Sitte in Berührung kommenden Verhältnissen erst das Placet oder Transeat der landesherrlichen Genehmigung abzuwarten. Die Mahnung, dass man "Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen", wäre aber dem Kirchenfürsten jetzt mit einer so flammenden Ueberredung, ob nun von aussen oder von innen liess Benno unentschieden, gekommen,