1858_Gutzkow_031_214.txt

sich erhebenden und senkenden stimme.

Bonaventura besass den ganzen Eifer, den wir immer finden bei einem selbstgewählten Berufe. Damals, als ihn der schauervolle Tod des Vaters und die Verheiratung seiner Mutter in eine tiefe Betrübniss, die an Schwermut grenzte, versetzte, ging ihm die Mahnung zum geistlichen Beruf wie eine Vision auf. Schon studirte er auf der Universität, um nach einiger Zeit und mit dem gesetzlichen Alter als Freiwilliger in die Armee zu treten und bei ihr auf Avancement zu dienen. Der Fall trat ein; er verblieb in den Reihen des Militärs bis zur Vollendung seines Offizierexamens. Dann trat er als Fähnrich aus. Es ergriff ihn ein solcher Ueberdruss an weltlichen Dingen, dass er nicht fassen konnte, wie er dem Waffendienste sich mit ganzer Hingebung hätte weihen können. Das Vaterland lag im tiefsten Frieden, eine Lockung des Ehrgeizes oder des Pflichtgefühls, dem Allgemeinen sich zu opfern, sprach nirgends aus der toten oder träumerisch schlummernden Zeit; was hätte ihn hindern können, dem zug zu folgen, der ihn so mächtig ergriff und der ihn aus einer Art geistiger Vernichtung wieder emporzuheben versprach?

Es gibt eine Schwarmzeit im Gemüte des Jünglings, eine heilige Zeit der Dämmerung und des sehnsüchtigen Träumens. Nicht immer hin an das Herz eines weiblichen Wesens, das man dann allerdings in den meisten Fällen unter Atemzügen wie von Feuergluten lieben muss, oft auch an einen Freund zieht es in dieser Zeit des Jünglings Seele. Diese Stunden sind die der Geburt unsers geistigen Menschen. In diesen Stunden werden die Bücher unsers Schicksals angelegt. In ihnen öffnen sich feierlich und schwer diese grossen leeren Blätter, auf welche unser Schutzgeist das Grösste, Erhabenste, Glücklichste schreiben möchte, wenn nur nicht die stärkern Dämonen der Weltregierung und die noch stärkern unserer eigenen leidenschaft ihn von dem buch hinwegdrängten, ihm die Feder aus der Hand rissen, törichte Hieroglyphen, Fratzen oft hineinzeichneten, von denen wir in unsern spätern Tagen mit verhülltem Angesicht uns abwenden, mögen sie auch in einem einzigen grossen, uns unbekannten, allmächtigen Weltenplane irgendwie auch ihre Schönheit haben und diese Schönheit schon durch die Leiden, mit denen wir sie büssen mussten! In einer solchen Dämmerstunde, wo wir nichts sind als Gefühl, nichts wollen als die liebende Umarmung des Alls, nichts fürchten und wär' es die eigene Vernichtung, da ergriff es auch den zwanzigjährigen Jüngling, der über ein Jahr schon auf der Hochschule gewesen, dann schon die Liebe militärischer Kameraden, die achtung der Vorgesetzten gewonnen hatte, sich loszureissen ganz von der Welt, von dem Staat, von der Gesellschaft und ein Priester zu werden. Das Bild des im Alpenschnee versunkenen Vaters winkte ihm, gleichsam ein Dankopfer darzubringen an die Augustinermönche, die ihn gefunden und begraben hatten. Die plötzliche Heirat der Mutter mit einem mann, über dessen Stellung zu seinem väterlichen haus er erst nach und nach die volle Wahrheit ahnte, diese vollends erfüllte ihn so mit Wehmut und Schmerz und Opferfreudigkeit an das Höchste, dass er ein Kloster aufgesucht haben würde, wenn er nicht vom Dechanten mit der ernstesten Rüge davon wäre abgehalten worden. drei Jahre verbrachte Bonaventura im Convict einer mitteldeutschen Universität. Er erhielt nach und nach die mehreren Weihen des Priesters. Er war ein Jahr Kaplan zu Kocher am Fall gewesen; dann seit zwei Jahren Pfarrer zu St.-Wolfgang, Nachfolger eines wenig rühmenswerten Priesters, Cajetanus Roter. Bonaventura fühlte und füllte die Lücken seines Wissens. Die Ausdehnung auf dem Gebiet aller der je gehegten Meinungen und Irrtümer über jenseitige Dinge ist so gross, die Zahl der Schriften, die gelesen zu haben zur Beruhigung wenn nicht des Herzens, doch der Bildung gereicht, mehrte ihm sich von Tage zu Tage, wie sie sich dem grössten Gelehrten mehrt, je länger er forscht ... Da hatte er denn daheim so viel Angefangenes, so viel zog ihn in seine kleine Bibliotek und an seinen Studirtisch zurück, dass er nicht sofort zum Aufbruch kam, als er jetzt in die grosse Stadt hinunterkommen sollte ... zu dem Kirchenfürsten, mit dem er schon einmal in seinem Leben unter schmerzlichen Umständen zusammengetroffen war.

Diese Stadt selbst hatte für Bonaventura immer etwas Beklemmendes gehabt, teils weil sie so unschön, wirr und wild in der Anlage, hier und da sogar wüst im Zurückgebliebensein gegen frühere Macht und Bildung war, teils weil sie neugeboren wurde aus einem ihm nicht sympatischen geist, dem protestantischen; aber am unheimlichsten erschien sie Bonaventura durch die Erinnerung an eine Abschiedsscene, die er vor sieben Jahren hier erlebt, die Trennung von seiner Mutter. Schon seit seinem zwölften Jahre lebte er von ihr entfernt, teils in Kocher, teils auf der lateinischen Schule der Universität. Von seiner Mutter hatte er immer nur die Erinnerung einer Frau gehabt, die er wohl mit seinem Vater in ruhiger Einigkeit gesehen und doch nie ganz mit ihm und in ihm aufgegangen. Es war eine grosse Regierungsstadt mehr nach dem Westen zu, in der Vater und Mutter gelebt hatten. Der Vater hatte einen Freund, der erst der Assessor, dann der Rat von Wittekind-Neuhof hiess, jetzt schon seit lange der Präsident. Dieser war der unzertrennliche Gefährte aller Erinnerungen, die ihm aus seiner ersten Knabenzeit geblieben. Herr von Wittekind-Neuhof war ein lebhafter, feuriger Weltmann, beweglich, anschlägig, geistvoll, selbst vor dem tod seines Bruders Jérôme doch schon der Erbe grosser Güter, die Seele der Gesellschaft und, sonderbar genug, der Freund seines Vaters. Bonaventura kannte jetzt das Leben genug, um sich zu erklären