damaligen Verdacht so glänzend gerechtfertigten Grützmacher, wie die Dinge in der Dechanei Hals über Kopf gegangen. Bonaventura hörte sie voll Mitleid, er verteidigte sogar Lucinden gegen die Anklagen Renatens und nur die Besorgniss, dieser peinlichen Neigung nun gar in der Residenz des Kirchenfürsten wieder zu begegnen, liess ihn verstummen in seiner aufrichtig teilnehmenden Anwaltschaft.
Der Kirchenfürst hatte ihn innerhalb so kurzer Frist zu sprechen begehrt! Und doch fesselte ihn in seiner Gemeinde so vieles, was zu erledigen war. Es kam ihm vor, als gliche er denen, die im Evangelium zur Hochzeit geladen werden und die dem göttlichen Gastgeber soviel geringfügige und alltägliche Dinge vorzuschützen wissen ...
Und es bildet sich auch im katolischen Leben eine Gemeinsamkeit des Geistlichen mit dem Leben seiner Gemeinde, die eine ganz persönliche und dies in der Liebe sowohl wie im Hasse werden kann. Denn auch der Hass findet seine Nahrung. Zu eng ist fast der Verkehr der Kirchenaufsicht, Kirchenbusse und Kirchenzucht. Und eben deshalb, weil der Geistliche sich selbst in alles mischen darf, unterliegt auch er einer strengen Kritik. Vom Gutsherrn bis zur untersten Magd herab wird seine Art beurteilt. Dem einen sieht der Pfarrer zu traurig, dem andern zu heiter aus; den grüsst er zu stolz, jenen zu herablassend; diese alte Frau wirft ihm vor, dass er den Kindern nicht oft genug die Hand gebe und Heiligenbilder an sie austeile; jenem Bauer ist er zu freigebig und spendet aus dem kleinen ledernen Beutel, den er immer bei sich tragen soll, zu viel an die Bettler, die sich so durch ihn in den Ort gezogen fühlen. Ganz altmodisch mögen sie auch keinen haben und doch beurteilen sie den Schnitt des Rockes, ob der auch nicht zu kurz, der Stiefeln, ob die auch geziemendermassen bis an die Schäfte hinauf nach aussen sichtbar sind, den Hut, ob dieser, wenn er auch billigerweise die Form des Dreiecks bei uns abgelegt hat, doch nicht zu modern und stadtmässig wäre. Die Beurteilung der Gemeinde sieht ihrem Seelsorger bis in das Innerste des Hauses, bis in den Topf, der für ihn am Feuer siedet, bis in das Polster seines Sitzes, ob es nicht zu weich ist, bis auf die Farbe der Decken, die auf seinem Tische liegen, ob sie nicht zu bunt. Und daran gewöhnt sich denn auch der Geistliche selbst. Die Beaufsichtigung wird ihm Bedürfniss. Die Gemeinde ersetzt ihm die Familie. Er lebt mit allen, lebt für alle. Jedes Vorkommniss des inneren und äussern Lebens seiner Ortsangehörigen will er kennen und was er nicht sieht mit eigenen Augen, erfährt dann doch sein Ohr im Beichtstuhl. Da, in diesem rätselhaften Flüsterstübchen, wandeln diese Menschen dann alle um ihn her fast wie aufgedeckt und durchsichtig und wie mit gläsernen Fenstern vor ihren Herzen. Niemand kann nun noch an ihm vorübergehen und unbefangen grüssen. So mancher schlägt die Augen nieder, so mancher Knecht, der allen trotzig ist, ist ihm demütig, so manche Magd errötet und atmet erst auf, wenn sie an ihm wieder vorüber ist. Wären es nur immer die rechten Warner und Richter, wer hätte Bonaventura nicht recht gegeben, wenn er auf die Feindschaft des Dechanten gegen die beichte gewöhnlich erwiderte: Unsere Kirche ist eben eine Heilsanstalt!
Denn nicht eben alle wissen den Beichtstuhl so zu behandeln, wie Bonaventura seit seiner ersten Sitzung in dem "Holz der Busse". Nur zu sehr nimmt die meist aus dem Bauernstande hervorgegangene niedere Geistlichkeit die Art und Bildung der Scholle an, von der sie herstammt und auf die sie zurückkehrt. Heftige Naturen toben sich selbst im Messgewande aus und will man wahr sein, so gefällt es sogar dem Landmann, wenn sein geistlicher Führer Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Bein ist. Der Dechant, in seiner Gletscherbildungsteorie, sagte oft: "Darin etwas ändern ist auf teoretischem und discutirendem oder befehlendem Wege nicht möglich! Nur grosse Geschichtsepochen, die den ganzen Menschen ergreifen, die allein reformiren! Geschichtsepochen, denen wir hoffen auf irgendeine Art wieder entgegenzugehen und ganz nahe zu sein, Geschichtsepochen, die wir 1815, als das deutsche Vaterland in seiner Einheit wiederhergestellt wurde, leider so unbenutzt vorüberziehen liessen!"
Bonaventura kannte vollkommen den Landmann und seine Bedürfnisse. Sein unglücklicher Vater hatte allerdings dem höhern Beamtenstande, zuletzt als Regierungsrat, angehört; aber seine beiden Oheime lebten auf dem land, der Dechant wenigstens in einer kleinen Stadt; er selbst war in Borkenhagen geboren, einem kleinen Gute, das der ganzen Familie gehörte und vor der Rückkehr des Onkels Max aus dem spanischen Kriege verpachtet gewesen war, ohne dass seine junge Mutter sich behindern liess, dann und wann das kleine, der Familie gebliebene Herrenhaus zu besuchen und auf dem land die Sommerfrische zu halten. Bonaventura war keine zerflossene natur oder von übermässiger Milde; er konnte streng und in manchem vielleicht zu entschieden sein. Aber immer umgab ihn eine gewisse Vornehmheit, eine edle, ja adelige Besonderheit. Der längliche Schnitt seines Antlitzes, die braunen Augen in dunkelschattigen Höhlen, die Feinheit derjenigen Organe, die die Kennzeichen einer höhern geistigen natur tragen, Mund, Nase, weisse längliche hände, alles das hob seine Erscheinung. Dazu kam der schlanke Wuchs, das schwarze Haar, dessen Tonsur nur wie die natürliche Folge der Anstrengung des Denkers aussah und vollkommen mit dem lichtern Haarwuchse an den Schläfen und Stirnecken zusammenzugehören schien. Beseelt war all dies Aeusserliche von einer weichen, in der mittlern Tonlage sich haltenden und zur Höhe und Tiefe gleich klangvoll