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Aber ich bot doch siebenhundert Taler!

Ich machte die Offerte ...

Das ist ein Heidengeld!

Unerbittlich ist der Mensch ...

Versuchen Sie es doch noch einmal

Sie befehlen ...

Meine Frau vermisst diesen Besitz, der in der Tat meine Villa erst arrondirt! Neunhundert Taler, wenn Sie's machen!

Bei Gott! Eine ansehnliche Summe! Ich will es noch einmal

Und kommen Sie dann nächsten Sonntag nach Drusenheim und berichten mir's –

Ganz wohl!

Sie können ja bei uns speisen, Seligmann!

Mit diesem Worte, das Löb Seligmann geradezu versteinerte, war Herr Bernhard Fuld kurzweg um eine Ecke verschwunden und liess den Vetter stehen.

Sie können ja bei uns speisen, Seligmann!

War das Wort wirklich gesprochen worden?

War es von Bernhard Fuld gesprochen worden, dem Mann, den dort der vierte, fünfte Vorübergehende grüsst? Dem Mann mit dem schwarzen Frack und dem roten Bändchen im Knopfloche? Dem Mann in dem herbstlich gelben Ueberzieher, mit dem Bart à la mécontent, im weissen Castorhute, dem vornehmen Gange, der fast die Steine, auf die er trat, erst auswählte und des Gehens auf gemeiner Erde gar nicht gewohnt schien?

Es war von ihm gesprochen worden!

Und so obenhin war es gesprochen worden, wie wenn alle Tage Sabbat wäre und die Erde nie den Winter kennte sondern ein ewiger Frühling in der natur und dem Herzen ihrer Bewohner blühte und wie wenn die gebratenen Gänse mit duftender Aepfelfüllung nur so mit den Tranchirmessern durch die Lüfte flögen und die Menschen am Tage geputzt gingen mit Veilchen Igelsheimer's Garderobe oder wie die Ballgäste in der neuen Oper "Gustav oder der Maskenball" ...

Löb Seligmann wuchs in diesem Augenblicke bis an die Kuppel einer nahe liegenden wirklich alt byzantinischen Kirche.

Er vergass die vorahnende Erinnerung an die Todesanzeige: "Gestern starb mein geliebter Onkel –!"

Er vergass die Erinnerung an die Scheiterhaufen der Inquisition und die bürgerliche Gleichstellung der Glaubensbekenntnisse wenigstens vor dem Bagatellhofe wegen Injurien ...

Sie können ja Sonntag bei uns speisen, Seligmann!

Ja es gibt noch Wunder und liebliche Märchen und was wird Veilchen sagen und was Henriette und was David?

Mit diesen, bis in die höchsten Bergeskuppen gipfelnden Empfindungen musste Löb Seligmann freilich jetzt in einen Keller steigen.

Der Besitzer des um keinen Preis käuflichen Weinberges hinter Drusenheim hiess Stephan Lengenich.

Es war dies der aus hiesiger Gegend gebürtige Küfer und ehemalige Freund der Beschliesserin Lisabet auf Schloss Neuhof, der um den Tod des Deichgrafen ein Jahr hatte sitzen müssen, bis ihn die Gerichte aus Mangel an Beweis freisprachen.

Stephan Lengenich war in seine Heimat zurückgekehrt und stand als erster Küfer dem grossen Weingeschäfte von Joseph Moppes vor.

In diese berühmten, mit unterirdischen Gängen weit sich hinziehenden Keller ging es zwanzig Stufen hinunter.

Löb Seligmann stieg sie nieder, als führten sie um das Dreidoppelte empor.

nächsten Sonntag! – In Drusenheim! – speisen bei Bernhard Fuld!

Die heitersten Melodieen aus "Fra Diavolo", mehr aber noch das lustige "kommt fröhliche Gäste!" aus den "Wienern in Berlin" fielen in sein überraschtes und bereits versöhntes Gemüt wie mit rauschenden Orchesterklängen.

Selbst Tiebold de Jonge und die Freunde Piter's konnten mit soviel Wonne nicht an die von ihnen beschlossene drusenheimer Partie des nächsten Sonntags denken.

4.

Seit jenem verhängnissvollen Augenblick, wo die wenigen Zeilen, welche Eduard Michahelles, der Secretär des Kirchenfürsten Grafen Truchsess-Gallenberg, an Bonaventura geschrieben, in den Händen desselben wie glühende Kohlen brannten, sprach es mahnend und zur Eile drängend aus jedem Baumeswipfel, aus jedem Windeswehen, aus jedem Menschenauge um ihn her mit den Worten des Herrn: "Siehe, ich habe dich gerufen und du hast dein Ohr verstopfet!"

Von dem Dechanten, den Bonaventura für einen verlorenen Sohn der Kirche halten musste, hatte er sich losgerissen wie von einer jener Versuchungen, die zu unterdrücken nun schon fast neun Jahre seine tägliche Uebung war. Er hatte die Aufträge an den Obersten überbracht, ohne diesen strengen und ernsten Mann vermögen zu können, Armgart's Wünschen zu folgen und sich sofort mit seiner Gattin Monika auszusöhnen. Wie er als Bote des Dechanten Gründe der Billigkeit geltend machte, wie er sagte: Die meisten Ehen haben ihren wahren Grund erst dann noch zu legen, wenn sie schon längst geschlossen sind! wie er die Tugenden der Gattin des Obersten schilderte, den starren Sinn der gemeinschaftlichen Heimat, die Härte der Verwandten, die ihr das einzige geliebte Kind rauben konnten, wie er rühmte, dass sich die verbitterte, ermüdete junge Frau, um allen Schein einer weltlichen und eitlen Gesinnung zu vermeiden, in ein Kloster geflüchtet hatte, wurde seine Beredsamkeit wieder gelähmt durch das soeben noch schmerzlich lebendig heraufbeschworen gewesene Andenken an seine eigenen älteren. Er schied vom Obersten unverrichteter Sache und reiste nach St.-Wolfgang zurück, ohne auch von Lucindens Bruch mit der Dechanei vernommen zu haben. Die Freundin des Dechanten, der in der Stadt war, verbot förmlich, ihn damit bekannt zu machen; sie fürchtete einen Versuch der Vermittelung und Aussöhnung.

Erst in seinem Pfarrhause, wo die alte Dienerin seiner älteren, die wie Joseph Mevissen zu ihm gehalten hatte, vor der Mitteilung, ihr Pflegling müsste sofort in die Residenz des Kirchenfürsten, nicht wenig erschrocken und doch auch wieder darob geistig hoch erhoben war, erfuhr er gelegentlich von dem durchreitenden und immer noch vergebens nach dem Knecht aus dem Weissen Ross suchenden, in seinem