ermuntern, die Weiseste ihres Geschlechts zu besuchen ...
Als ich ihr den Blumenstrauss in die Rumpelgasse brachte, sagte er, wollt' ich fort, um Sie nicht warten zu lassen! Ich erzählte Ihre Leiden, Treudchen! Ich erzählte auch Ihre Liebe und Ihre anhänglichkeit! Wissen Sie, was es gesagt hat, das Veilchen? Was dankbar! Kinder dankbar! hat es gesagt. Die besten Kinder sind gegen ihre älteren nur Lumpen! Sie zahlen! Womit zahlen sie? Gerade von dem zahlen sie, was sie schuldig sind! Frag' ich sie: Veilchen wie so schuldig? ... Sind die Kinder, antwortete das Mädchen, ihren älteren nicht das Leben schuldig? Und zahlen sie nun wieder mit ihrem Leben, was tun sie? Sie machen's wie die Fürsten mit ihren Völkern und mit ihren Schulden und wie alle, die bankrott sind! Sie zahlen ihre Gläubiger gerade von dem, was sie eben ihnen schuldig sind!
Weder Treudchen's Gemütsstimmung noch ihre Bildung gestattete ihr, diese talmudische Dialektik so überraschend geistvoll zu finden, wie sie Löb Seligmann fand ...
Aber trotz seiner Bewunderung vor dem scharfen geist Veilchen's verlor er den Faden seiner Erzählung nicht. Er berichtete, dass er beim vergeblichen Warten auf Treudchen, die noch im Waisenhause war, einen Sprung zu dem Zinngiesser hätte machen wollen. Dort hätte er den Laden verschlossen gefunden und wäre nun als alter Bekannter von hinterwärts durch die Werkstatt und in ein Nebenzimmerchen gegangen. Dieses wäre leer gewesen. Wohl aber hätte er durch ein Schiebfensterchen in die stube des Meisters sehen und mit Staunen auf dem Tische an die Tausende von kleinen zinnernen Münzen erblicken können. Es wäre ihm doch gewesen, als hätte er in eine Falschmünzerei gesehen. Ein Mönch hätte über die Münzen mit dem Meister disputirt und wie ein advokat wäre er dabei herumgesprungen und hätte dies getadelt und jenes und die Münzen geworfen, dass sie auf den Tisch hinrollten ... und als er dann geklopft und den Kopf durch die Tür gesteckt hätte und hereintreten wollen, da hätte ihn der Mann Gottes in einer Art wieder hinausgeführt, die über alle Zweideutigkeit erhaben gewesen wäre ... Zwar müsse er bekennen, dass er, noch von Veilchen's geist angesteckt, den Scherz gemacht: "Sind das Wundermedaillen?" – aber so dicht heran an den Scheiterhaufen und an die heilige Inquisition hätt' er sich in seinem Leben nicht gefühlt, wie bei dieser Behandlung an einem Orte, wo ihm Meister Klingelpeter doch auch schon mit manchem Scherze gesagt hätte, es wäre ihm ganz egal, wo sein Bruder Natan Seligmann das Zinn herbekäme, das er ihm geschmolzen zum Verkauf bringe, ob von alten Kelchen oder –
Die Blasphemie, die auf Löb Seligmann's zornesbleichen Lippen schwebte, hörte Treudchen nicht.
Sie war jetzt am Portal des Kattendyk'schen Hauses.
Nun stand der Portier in voller Gala unter den, während der Geschäftszeit, seit Piter befehligte, weitgeöffneten Torflügeln.
Löb Seligmann warf ihr noch einen letzten Ausdruck der Teilnahme zu auf die herzlichen Dankesbezeugungen für seine Begleitung und heute bewiesene Freundlichkeit.
Im Verdruss seines gekränkten Stolzes, im Verdruss seiner nur mit Zerstreuung und halber Teilnahme aufgenommenen Erzählung und doch unfähig, sich zu rächen (und hätte er alle Mittel dazu gehabt, sein Gemüt war doch nur geneigt zum Dulden), auch unfähig, Treudchen Vorwürfe zu machen und überhaupt anders als gefühlvoll von ihr Abschied zu nehmen, sagte er:
Leben Sie glücklich, mein Kind!
Er sprach diese Worte langsam und melodisch betonend. Er sprach sie, wie wenn einmal jemand: Leben Sie glücklich, mein Kind! zu David Lippschütz hätte sagen können, falls diesem plötzlich auch so seine Mutter oder gar der Onkel selbst mit tod abgegangen wäre ... Wir Menschen sind ja so ... Eine Mutter liebkost dann am herzigsten ein fremdes Kind, wenn sie aus dessen Zügen ihr eigenes herausfindet.
Treudchen war längst in dem stattlichen haus verschwunden, als Löb Seligmann noch im Gemisch von Zorn und Wehmut dastand, dann in die Kattendyk'schen Comptoire schaute, eine Weile den Gedanken fasste: Wer hier Geschäfte machen könnte! darauf seinen Hut, der eine unvertilgbare Beule bekommen hatte, aufsetzte und sich im Geist auf die Scene mit dem Mönche zurückversetzte, der ohne Zweifel Pater Sebastus gewesen war ...
Aus diesen Träumen weckte aber, "den Störer der Passage", glücklicherweise noch vor dem Portier ein freundlicherer Anruf:
Guten Morgen, Seligmann!
Diese Worte kamen von einem mann, dessen Anblick dem Gütermakler im Nu den Hut vom kopf riss ...
Herr Fuld! Ihr gehorsamster Diener, sprach er fast tonlos ...
Es war sein vornehmer leiblicher Vetter – es war der Enkel eines Cousins seiner Mutter, der Löb Seligmann gegrüsst hatte, Herr Bernhard Fuld, der Besitzer der Villa zu Drusenheim im Enneper Tale.
Und was geschah? Alle Stämme Israels gaben ihre Rangunterschiede auf!
Bernhard Fuld blieb zwar nicht stehen, aber er forderte Löb Seligmann auf, ihn zu begleiten ...
Setzen Sie nur den Hut auf, Seligmann! bedeutete ihn der Vetter, den Weigenand Maus und Alois Effingh heute zum Gegenstand einer Caricatur machten, die vielleicht schon in Arbeit war. Wird es denn nichts mit dem Weinberg hinter meiner Villa?
Er fragte dies im Gehen und den Vetter in Bewegung setzend, der vor Verehrung immer zum Stillstand tendirte.
Leider nein, Herr Fuld! ..