Wem?
Dem Herrn Pfarrer von St.-Wolfgang –
Der wohnt bei uns –
Treff' ich ihn zu haus?
Sie kennen ihn –?
Aus meiner Vaterstadt –
Ganz recht! Er ist nicht gegenwärtig!
O–
Er ist im Palais Sr. Eminenz des Kirchenfürsten –
Könnt' ich ihm nicht die Blumen auf sein Zimmer stellen?
Gewiss! Kommen Sie!
fräulein Schnuphase nahm lächelnd einen Schlüssel, der über ihrem Stehpult hing, entfernte sich in ein Nebenzimmer, kehrte zurück, liess Treudchen vorantreten und öffnete eine andere nach hinten gehende Tür.
Wie Treudchen den Laden mit ihren Blumen verliess, sah ihr aus der geöffneten Nebentür eine zweite, elegante und wie es schien jüngere Dame nach, ohne Zweifel Demoiselle Apollonia ...
In dem altertümlichen haus ging es eine dunkle steinerne Treppe hinauf. Die Führerin öffnete im ersten Stock ein geräumiges Zimmer und liess Treudchen eintreten.
Hier wohnt der Herr Pfarrer von St.-Wolfgang! sagte sie.
Aber schon schlug es elf Uhr ... Treudchen hörte und sah kaum noch etwas ... Sie rief nur:
Elf! O Gott –!
Demoiselle Schnuphase verstand vollkommen, wie ein gutes Kammermädchen sich nicht beim ersten Ausgange verspäten durfte ...
Und doch fehlten für die Blumen die Gläser und sie erbot sich, diese erst zu holen –
Treudchen machte es anders.
Sie löste beide Sträusse auseinander und verteilte die Blumen ...
Einen teil warf sie auf ein offen auf dem Tische liegendes grosses Buch – vielleicht die lateinische Bibel – einen andern streute sie auf ein grosses Schreibzeug, mochten auch einige Nelken in die Dinte fallen. Eine andere Handvoll drückte sie bei einem Crucifix, das im Schatten des Spiegelpfeilers stand, zwischen die arme des Erlösers, die eine Lücke an dem obern Querholz des Balkens offen liessen. Den Rest streute sie geradezu hierhin und dortin, sodass das Zimmer dem Wege des Herrn nach Jerusalem glich, ihre Huldigung einem jubelnden Hosianna.
Demoiselle Schnuphase lachte. Treudchen aber, über die der Geist Lucindens gekommen schien, sprach weiter kein Wort, sondern sah sich nur noch einmal um und lief rasch von dannen.
Auf dem platz suchte sie eben die Strasse, in die sie wusste einbiegen zu müssen, als sie gerade auf Löb Seligmann und wie Kopf an Kopf und Nase an Nase gegen ihn stiess. Er war ihrer Spur gefolgt, hatte sich ihr nacherkundigt und nachgefragt und entschuldigte sein Ausbleiben durch ein Abenteuer, das ihn bestimmte sie sogleich zu fragen, ob er nicht so blass und so weiss aussähe wie Kreide? ...
Sie fand ihn aber im Gegenteil sehr errötet. Doch hielt sie sich mit näherer Beweisführung nicht auf, sondern drängte nur ihres sprachlosen Führers Fingerzeigen auf die Strasse nach, die sie einschlagen mussten.
Ich bin in meinem Leben ein einziges mal herausgeschmissen worden, keuchte Seligmann, endlich zu einigem Atem gekommen, hinter ihr her und bürstete an seinem hut, der offenbar eine gewaltsame Beschädigung erlitten hatte; herausgeschmissen aus blossem Scherz – und jetzt –
Wer hat Ihnen denn etwas getan? fragte Treudchen in hastiger Eile den noch ganz Ungesammelten ...
Jetzt, wo kein Gensdarm mehr zu einem mosaischen Glaubensgenossen: Zaruck! sagt, wenn bloss die andern gedrängelt haben ...
Aber was geschah Ihnen denn?
Ein Mönch, der ein Mann Gottes sein will ...!
Treudchen konnte trotz ihrer Eile nicht umhin, eine Secunde still zu stehen und auf ihren kaum nachkommenden Begleiter einen staunenden blick zu werfen ...
Der mich einmal herausgeschmissen hat – das ist ein Student gewesen, fuhr Seligmann fort; in kurzen Pausen, Herr Benno von Asselyn war's – den Sie kennen müssen – Neveu vom Herrn Dechanten –
Ja wohl! Ja wohl! Der hat Sie jetzt –
Nein! Vor fünf Jahren! Und bloss aus Spass schmiss mich Herr von Asselyn 'mal heraus im Roland am Hüneneck, eine Stunde von der Universität, wo ich eine Verhandlung mit einer Partie Bauern hatte, die ihre Güter wollten parcelliren! Kam der damalige Student Herr von Asselyn dazu mit fünf andern, machte die stube auf und hörte, was wir discourirten, und fing an: Seligmann – er kannte mich von Kocher – sind Sie denn das Verderben des Landes! Schlachten Sie Rinder und Kälber mit Ihrem Schwager Lippschütz, aber ruiniren Sie uns hier den Wohlstand der Bauern nicht durch diese verfluchte Parcellirung! ... Und so fasst mich Herr von Asselyn an dem Rockkragen und führt mich volens nolens in die Nebenstube und alle Bauern lachten dazu. Es war aber bloss ein Scherz, die Studenten wollten nur unsere stube haben, um besser ihren Wein zu trinken wegen der Aussicht! Aber heute – straf' mich Gott! bin ich wirklich herausgeschmissen worden mit einer Grobheit wie von Joseph Zapf, dem Wirt im Roland selbst! Und das von einem Mönch – einem Priester Gottes! "Jüd"! So hab' ich das Wort seit zwanzig Jahren nicht gehört, seitdem die Buben dazumal, wie das deutsche Vaterland vorm Napoleon ist gerettet gewesen, überall "Hepp, Hepp!" geschrieen!
Noch mochte Treudchen bis zu ihrer Ankunft an dem in der inneren Stadt liegenden Kattendyk'schen haus fünf Minuten Zeit haben ...
Herr Seligmann erzählte ein Zusammentreffen, das er im Laden des Herrn Xaver Klingelpeter mit einem Mönche gehabt hätte. Und trotz seiner Aufregung und trotz Treudchen's Eile nahm er sich die Zeit, noch eine Huldigung für Veilchen Igelsheimer einzuflechten und Treudchen zu