! Fürchten Sie sich nicht! Sie sehen hier nur die sorge des Herrn Kammerherrn! Wir waren im Begriff, Sie auf diesem Stuhl in meine wohnung zu bringen!
Lucinde war sich ihrer eigenen Abenteuerlichkeit zu gut bewusst; wie hätte sie von den Männern, statt Aufklärungen zu geben, welche verlangen können!
Sie müssen ermüdet sein! Setzen Sie sich! Diese Leute sind stark genug, Sie den Weg, der nicht zu kurz ist, in meine wohnung zu tragen!
So sprach wiederholt der Neuhinzugekommene, ein hagerer, langer Mann, von gelassenem Wesen. Sie musste nach Tracht und Haltung in ihm einen Dorfgeistlichen vermuten.
Der als Kammerherr Bezeichnete war aufgestanden und hielt sich immer nur in einiger Entfernung, faltete die hände und betrachtete Lucinden wie ein Wunder, das sie in dieser Umgebung, in ihrem wilden und doch eleganten Aufzuge allerdings auch war.
Ermüdet und schwach bis zum Umsinken, liess sie sich die Dienstleistungen der Leute gefallen, duldete, dass man sie auf den Sessel hob, diesen dann kräftig erfasste und sie so aus dem jetzt schon vom mond beschienenen und von Leuchtkäfern und schwärmenden Phalänen belebten Schilfmoor in den dunkeln Wald zurücktrug.
Die Träger sprachen nichts als was zur Verständigung des bessern Handhabens des Stuhles gehörte; auch die beiden andern, der Kammerherr und der, den sie für einen Geistlichen hielt, folgten schweigend.
Lucinde, so dahingetragen den schmalen düstern Waldweg, glaubte noch immer zu träumen, und doch war alles Wirklichkeit. Diese geisterhaften Lichter, die der Mond zwischen die hohen Stämme warf, waren zu natürliche.
Aber das Gefühl, einer Gefahr entgegenzugehen, konnte hier nicht aufkommen. Die beiden Männer blieben zwar in lebhaftem, wie sie hörte, jetzt in vollkommenem Deutsch geführten Gespräch zurück, aber die gutmütigen Mienen ihrer Träger liessen auf ehrliche Dorfbewohner schliessen.
Lucinde war so angegriffen, dass sie mit sich geschehen liess, was man tun wollte. Sie lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Sessels und hörte nur. Endlich vernahm sie das Schlagen einer Turmuhr und Hundegebell. Sich ein wenig aufrichtend, sah sie einige Lichter blinken, auf die man in gleichmässiger Bewegung zuschritt.
Der kleine Zug kam in ein stilles, schon in nächtlicher Ruhe sich wiegendes Dorf. Die hintern Begleiter hatten eine Strasse abgeschnitten und waren den Trägern voraus. An der Kirche lag ein stattliches Haus, dem letztere durch ein zur Seite liegendes grosses Hoftor schneller beikommen wollten; doch der Kammerherr sprang heran und rief ein gellendes: Nein! indem er auf den Haupteingang des Hauses selber zeigte. Seine Gestalt und stimme bot in diesem Augenblicke einen ängstlichen Eindruck. Lucinde hätte gewünscht, von ihm minder geräuschvoll geehrt zu werden.
Dass sie sich in einem evangelischen Pfarrhause befand, bemerkte sie bald an der Umgebung, die immer lebhafter und zahlreicher wurde. Eine freundliche Frau beklagte sie, erklärte sie ohne Zweifel für verirrt, für krank, und rühmte den Kammerherrn, der die Unglückliche entdeckt hätte, die an jener Stelle im wald unfehlbar die Nacht würde haben verbleiben und sich vollends verderben müssen.
Man trug Lucinden eine Treppe hinauf, in ein zwar niedriges, aber freundliches und sehr geräumiges Zimmer, neben welchem ein Cabinet mit Bett sich befand. Alles war schon hergerichtet zu ihrem Empfang. Jeder griff zu, jeder bot ihr Hülfleistung; nur der Kammerherr stand unausgesetzt von fern und betrachtete, was er sah, wie eine Märchenerscheinung. Jetzt übersah Lucinde die ganze lange, starke, breitschulterige Persönlichkeit, deren zartes, fast süsses Benehmen mit diesem Aeussern in einem fast komischen Contraste stand.
Ihre Erklärung, dass sie sich verirrt hätte, genügte vorläufig und verhinderte alle weitere Nachforschung. Man war bedacht, sie mit Speise und Trank zu versorgen und ihr die Ruhe eines weichen Lagers zu gönnen. Sie unterwarf sich auch jedem, was man zu ihrer Stärkung und Bequemlichkeit ersann. Sie war nur das willenlose Echo jedes gesprochenen Wortes bis auf das: Gute Nacht! das man ihr zurückliess und das sie ebenso erwiderte. Sie hörte noch etwas wie den gezogenen Ton eines Wächterhorns und entschlief.
Die weniger kräftige als zähe natur Lucindens hatte sich am folgenden Morgen vollständig wieder erholt. Von einem wohltätig über Nacht ausgebrochenen Schweisse merkte sie jetzt kaum noch etwas, als die gewonnene Stärkung. Sie richtete sich, wie die Sonne hell in die sehr niedrigen, aber wohnlichen Zimmer schien, hoch auf und lachte schon wieder über die Situation, in der sie sich befand. Man war schon um sie her beschäftigt gewesen. Sie fand schon Kleider, Wäsche, Hülfsmittel ihre Toilette zu machen, erfrischendes kaltes wasser. Sie konnte annehmen, dass sie mit Oskar Binder in den von ihm so hochgerühmten Hotels der Seestadt Bremen angekommen und eine Gräfin war, als welche er sie überall behandeln zu wollen versprochen hatte. Bei dem Gedanken, ob der junge Mann nicht schon auf dem Wege ins Zuchtaus war, überlief sie eine peinliche Furcht. Sie erwog indessen ihren Anteil an seiner Schuld und durfte sich freisprechen bis auf den verlorenen Ruf. Letztere Betrachtung störte sie nicht zu lange: ihrer natur widersprach es, sich um irgendetwas allzu viel sorge zu machen.
Die Kleider, die sie vorfand, entsprachen freilich der Vorstellung von einer reisenden Gräfin sehr wenig.
Es waren leichte, vielfach gewaschene und von der Sonne ausgebleichte Kleider der Frau Pfarrerin.
Sie zog einen der Röcke an und lachte über sich selbst, als sie in den Spiegel geblickt, von dem sie erst zwei sich kreuzende Pfauenfedern und eine Anzahl Visitenkarten und geschriebene Einladungen zu Mittagessen