ins Kloster gehen wollte! Er ist im Franciscaner-Kloster Himmelpfort bei Witoborn; leider wurde er krank und hat, der Aermste, seinen Verstand verloren! fräulein von Seefelden nahm nun auch den Schleier und wurde Karmeliterin! Ich bin nicht so hoher Abkunft. Mir ging es wie Ihnen, Kind! Hat man keine älteren und Verwandte mehr, keine Freunde und muss sich mühsam durchs Leben schlagen und immer in Gefahr leben, an seiner Seele beschädigt zu werden, so ist das Kloster die beste Versorgung! Niemand hat da noch eine Entbehrung, als nur für anderer Wohl! Wir kümmern uns nicht: Was wird aus uns? Was essen, was trinken wir? Unsere Kleidung, unser Unterhalt sind da – so leben wir nur mit unserm inneren beschäftigt. Kommen Sie morgen, liebes Kind! Wir feiern unsere Geburtstage immer so froh, wie nur irgend erlaubt ist! Es fehlt an Gebacknem nicht, nicht an Blumen, Sie sollen sehen, wir sind sogar ganz guter Dinge und können lachen wie andere auch!
Der Schall einer Glocke rief die Schwester Beate ab in die Säle, wo sie die weiblichen Handarbeiten leitete.
Treudchen fühlte, dass sie morgen an dem Geburtstag der Schwester Terese nicht fehlen durfte. Ja es war ihr fast, als würden es ihre Geschwister zu entgelten haben, wenn sie einer so ausdrücklichen Einladung nicht Folge leistete ...
Dennoch überfiel sie ein unaussprechliches Bangen ... Sie verliess das Waisenhaus zitternd, wie wenn sie in Lüften schwebte. Ihre Pulse flogen. Es war ihr, als sähe sie immer die Augen der Nonne sie anlächeln, sie durchbohren mit einer Freundlichkeit, die keine natürliche war, sondern dem Blicke der Schlange glich, die ihr Opfer erst erstarren macht ... Ach und dazu läuteten Glocken draussen und in ihrem inneren! Allen ihren Leiden, zu denen Beängstigungen kamen, wie sogar solche, die in der Erinnerung an Piter lagen, bot sich eine himmlische Tröstung und ein Ausweg. Auch zu einem Geistlichen flog sie ja jetzt, der ewig entsagen musste, der nur sich grüssen lassen durfte mit Blumen, die die Verehrung brachte und die nichts dafür begehrende Liebe ... Auf der Strasse, wo sie sich wieder befand, hätte sie unter allen Menschen wie über eine Ahnung laut aufweinen mögen ...
Wenn nur Löb Seligmann da war – sein Plaudern hoffte sie, würde ihr Beruhigung geben!
Sie fand ihn aber nicht und sie konnte kaum auf ihn warten. Auch konnte er vielleicht schon fort sein, denn sie war fast eine halbe Stunde geblieben. Dennoch suchte sie und suchte und stand und ging und ging und stand – Eins konnte ihr Auge nicht fortbannen: Die beiden Nonnen – und Schwester Terese und ihr feierlich ernstes Dahinwandeln und das braune wollene Kleid, das beide trugen und den groben Ledergürtel – und ihr Geliebter wurde Mönch, angetan wie der, den sie vorhin gesehen in dem Laden des Meisters Zinngiesser!
Fast war sie im Auf- und Niedergehen schon dicht an diesem Laden angekommen. Sie sah ihn in der Ferne, sie sah, dass sie sich auf dem Rückwege zur Katedrale leicht zurecht finden würde. Doch kehrte sie wieder zum Waisenhause um ...
Nirgends fand sich aber Löb Seligmann ...
Jetzt schlug es von den Türmen halb elf Uhr ...
Wie durfte sie länger zögern! Frau Delring wird ihre Toilette machen wollen! sagte sie sich. Sie eilte von dannen und geradeswegs der Katedrale zu.
Nach einer Viertelstunde war auch diese erreicht und mit ihr der Blumenmarkt. Rasch erhandelte sie zwei grosse Bouquets von Georginen, Levkoien, Nelken. Seligmann's Beispiel ermutigte sie, sich einbinden zu lassen, was ihr nur irgend noch von den andern Vorräten gefiel, vor allem Orangenblüten. Damit eilte sie dann zu dem Laden des Herrn Maria hinüber.
Ein Schaufenster mit den auch nach aussen sichtbaren inneren Herrlichkeiten, die hier verkauft wurden, fehlte. Ja selbst im inneren Laden, so gross und geräumig er war, hatte alles ein Ansehen, wie wenn diese Schränke und Kisten und Kasten nur zum Privatgebrauche einer hier für immer wohnenden Familie bestimmt waren. Herrn Maria's feiner Takt bewährte sich in diesem Geheimnissvollen des Verkehrs mit heiligen Dingen. Selbst die Lebkuchen ziemte sich nicht so offen neben den Messgewändern liegen zu lassen ...
Treudchen sah sich aber kaum um. In Eile sagte sie zu einer von einem versteckten Stehpult fragend aufblickenden nicht mehr in erster Jugendblüte befindlichen, aber doch durch Haltung und eine gewählte Toilette wohl noch Jugendlichkeit in Anspruch nehmenden Dame:
Eine Empfehlung von Madame Delring! Ob nicht bald ihre Ausstattung fertig wäre?
Madame Delring –? Ah –!
Die gestrenge Miene der schlanken, dunkeläugigen Dame verklärte sich ...
Sie sind –? fragte sie und hocherrötend und nachfühlend, dass dies Mädchen ihr allenfalls auch hätte sagen dürfen: Ja, ich bin die von Ihrem Vater für den Dienst bei der diese Nacht Ermordeten Bestimmte!
Aber Treudchen war so in der Hast ihres Auftrags, so im Drang ihrer Rückkehr, so im Bangen, jetzt nach dem Pfarrer von St.-Wolfgang fragen zu müssen, dass Demoiselle Schnuphase (es war die Aelteste – Eva) über Vorwürfe nicht viel Besorgnisse zu hegen brauchte.
Ihre Freundlichkeit, ihr Verweisen auf das Nähinstitut der Schwesterschaft zu den Notelfern waren für ihre Verlegenheit bezeichnend genug ...
Diese wunderschönen Bouquets –! sagte Demoiselle Schnuphase dann holdseligst ...
Ich wollte sie Herrn von Asselyn bringen –