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kleinen Nachlass: Weisst du auch, was du verloren hast und denkst daran und weisst wo deine Mutter ist? solche nach Luft und Licht und Wachstum strebenden Keime vergässen bald nach unserm Gefühl zu antworten ... Wie tummelte sich das schon im Hof und lärmte und regierte schon die Welt im Soldatenspiel ... Und drüben bei den Mädchen war das ein Murmeln und Summen und Plaudern beim Stricken ... und wie bewährten sich die angebornen Gattungstriebe! Liebe und Abneigung schon nach vierundzwanzig Stunden, Verschwörungen schon und Bundesgenossenschaften ... neckte die, so hatte sie an jener einen Widerpart und diese wieder eine Gegnerin an einer andern ... Nichts blieb ohne Angriff, nichts ohne Beistand ... Ja, Treudchen fand, dass die Geschwister in ihr neues Dasein schon wie eingeboren waren ... Läutete es, dann wusste jedes, was es bedeutete ... bald rief die Glocke zum Frühstück, bald zum Mittagessen, bald in die Kapelle, bald auf die Schulbank ... ein geregeltes und in sich begnügtes Leben das! Lucinde sagte Treudchen und den Kindern gleich: "Bliebe es euch nur immer so, ihr Armen! Und läge der Nachteil der Waisenhauserziehung nicht gerade in der Unmöglichkeit, im Leben künftig dieselbe Regelmässigkeit zu haben! Dem Dasein gegenüber, wie es ist, ist sogar schon solche Ordnung eurer Jugendein vollständiger Luxus! Wer auch nur alle Tage das hat, was er begehrt und bedarf, wird selbst bei wasser und Brot wie ein Prinz erzogen! ..." Lucinde gedachte ihrer verkommenen Brüder.

Schon wollte Treudchen, da die Freistunde vorüber war, nach herzlichen Mahnungen und Danksagungen an den Herrn Inspector wieder gehen ...

Da kam auf sie zu eine der Nonnen, die hier die Erziehung leiten helfen. Es war eine Karmeliterin in braunem Rock und schwarzem Ledergürtel. Sie war in mittlern Jahren, sehr sauber, sehr rührsam. Dass ihr Treudchen die Hand küsste, lehnte sie fast ab und ergriff teilnehmend die ihrige.

Sahen Sie denn auch alles? fragte sie und führte Treudchen in den Räumen auf und nieder und zeigte ihr die Plätze, wo die Kinder ihre mitgebrachten Habseligkeiten untergebracht hatten. Sie versicherte, dass diese Geschwister ihr schon fast die Liebsten wären und dass auch sie Mutter Beaten schon in ihre Herzen eingeschlossen hätten.

"Mutter Beate" war der Name der Schwester ...

Treudchen's Herz klopfte hörbar. Nach den Reden der Frau Delring überkam sie fast eine Furcht, sich offen auszusprechen oder zu lange im Gespräch zu verharren mit dieser so zutulichen Klosterjungfrau ... Und wahrhaft überrascht war sie, als Schwester Beate von ihrem Dienst bei den Kattendyks und ihrer frühern Bestimmung für die Frau Hauptmännin von Buschbeck schon wusste.

Diese Unglückliche, sagte sie, ist auf so ruchlose Weise ums Leben gekommen! Aber die ewige Gerechtigkeit wird den Mörder gewiss schon der zeitlichen überliefern! Sie wird den Elenden auffinden lassen, der auch den Armen und Notleidenden eine Freundin raubte! Ei! Wie können Sie sagen, Kind, dass es ein Glück war, dass der Himmel Ihnen eine andere Bestimmung gab! Vielleicht hätte Ihre Anwesenheit die Tat ungeschehen gemacht! Verlassen von aller Welt, musste die Aermste wohl ein Opfer der Habsucht und Mordlust werden! Kind, Kind, fürchten Sie sich denn vor einer Gefahr, die im Gefolge einer Pflicht liegt?

Treudchen sah verwirrt zur Erde. Ihre Wangen erglühten. Sie, die schon im Leben so viel erduldet, stand jetzt, wie sie gleich heute früh geahnt hatte, wie ein Wesen da, das nur an ihre eigene Sicherheit zu denken vermochte. Es war ein Feuerbrand in ihr Herz geworfen, sich sagen zu müssen: Wärst du weniger furchtsam gewesen, weniger gläubig den Versicherungen deiner Gönnerin Lucinde gefolgt, diese unglückliche Frau lebte vielleicht noch!

Freundlicher jedoch geworden, als sie die wirkung ihrer harten Worte bemerkte, unterhielt sich Schwester Beate jetzt wieder im Wandeln mit Treudchen, fragte nach ihren sonstigen Lebensverhältnissen und vervollständigte das, was sie alles sonderbarerweise bereits wusste.

Als Treudchen schon gehen wollte und die Hand der Nonne ergriff, sie aufs neue zu küssen, forderte Schwester Beate sie auf, in ihrem Kloster sie zu besuchen ... es läge dicht am Waisenhaus nebenan und wäre mit ihm durch einen geschlossenen gang verbunden und sähe mit der Vorderfronte der zum Kloster gehörigen Kirche auf den Römerweg hinaus.

Treudchen gedachte an ihre Herrin, wie sie vorhin den Namen einer gewissen Strasse gesucht hatte ...

Wir haben gerade morgen einen Geburtstag! sagte die Nonne. Kommen Sie doch morgen Nachmittag!

Ich weiss nicht ...

Ihre Herrin erlaubt es ... In ein Kloster lässt eine gläubige Seele jeden gehen!

Einen Geburtstag? ... fragte Treudchen bebend und ausweichend ...

Ein Geburtstag ist ein Einkleidungstag!

Die Nonne blickte auf das Ende eines Corridors, in welchem eine zweite Nonne erschien. Sie schwieg, bis diese herangekommen und mit einem freundlichen Grusse vorübergegangen war. Dies war eine fast vornehme Erscheinung gewesen ...

Das war das Geburtstagkind! sagte Schwester Beate mit einem Lächeln, bei welchem eine ihr Antlitz entstellende Zahnlücke zum Vorschein kam. Schwester Terese ist heute sozusagen drei Jahre alt! Vor drei Jahren nahm sie den Schleier und wurde eine Braut des himmels! Sie ist sehr vornehmer Abkunft! Ein Freifräulein Terese von Seefelden! Schon hatte sie einen Grafen zum Verlobten, der aber sein ganzes Vermögen lieber zu einem wohltätigen Zwecke bestimmte und