1858_Gutzkow_031_207.txt

Wienja Veilchen hätte Barone haben können und einen Grafenaber da sie den nicht bekommen konnte, den sie allein gemochtes war ihr Vetterunser Onkel Doctor Leo_Perlda hat sie für ihr ganzes Leben gesagt: Ich entsage!

Und wäre Herr Löb Seligmann jetzt allein gewesen und etwa daheim, auf seiner stube in Kocher am Fall und im Rasiren begriffen, so hätte er sich jetzt unfehlbar durch die wehmuterweckende Ideenverbindung dieser Mitteilungen bestimmen lassen, aus Bellini's "Unbekannter" oder dessen "Nachtwandlerin" ein schmelzendes Adagio zu intoniren ...

Treudchen sah nur immer auf die Strassennamen an den Ecken, auf die Menschen, die Soldaten, die Fuhrwerke, die hohen Häuser, alten Kirchen und hörte um so mehr nur halb auf den freundlichen Begleiter, als er seine Mitteilungen auch seinerseits bald durch das Lesen eines Anschlagzettels, bald einer Firma, bald durch ein Stillstehen und erklären einer städtischen Merkwürdigkeit unterbrach.

Den heutigen Teaterzettel liess er nach kurzem Anblick unbeachtet ... "Das letzte Mittel" ... "Tanz" ... Das war nichts für den Schmelz seiner Gefühle und seine nur im Meer der Töne sich wohlbefindende Seele.

Auf Veilchen Igelsheimer, die Entsagende und jetzt in der Rumpelgasse das Geschäft seines Bruders Führende, kam er wieder zurück, als er vor einem Zinngiesserladen still stand und behauptete, bei Herrn Xaver Klingelpeter eine Minute zu tun zu haben ...

Nein, nein! nein! rief Treudchen ...

Eine Minute, Treudchen!

Adieu, Herr Seligmann!

Zwei Worte! Sehen Sie die wunderschönen arbeiten am Fenster

Treudchen zog ihn von dem Schaufenster des Zinngiessers weiter ...

Herr Xaver Klingelpeter, sagte er dann, sich ergebend und nachstolpernd, ist ein ansehnlicher Mann, der sich ein Gütchen kaufen will, das ich ihm empfohlen habe! Haben Sie wohl die Herrlichkeiten in seinem Laden gesehen? Alles nur von Zinn, aber so kunstvoll, wie von Gold und Silber!

Treudchen hatte den Eindruck der silbernen Monstranzen für arme Dorfkirchen, Patenen, Kelche, Crucifixe wohl empfangen, auch durch das Fenster einen Mönch erblickt, der drinnen im Laden mit dem Meister Zinngiesser in lebhafter Demonstration begriffen schien, aber sie zog es vorwärts, vorwärts, und Seligmann musste folgen ...

Auch solche heilige Gefässe, fuhr er bei alledem fort, kommen im Geschäft meines Bruders vor! Sie werden eingeschmolzen und manchmal mit sehr unheiligen Dingen zusammen! Veilchen macht das alles wie ein Professor der Chemie. Ja, mein Bruder lässt sogar Münzen schlagen, aus Kupferes ist ein Artikel zum SpassSie sollten sehen, wie Veilchen lateinische Inschriften macht und die Bilder dazu zeichnetrömische Könige und türkische Kaiser! Veilchen könnte Bücher schreiben!

Ihr also bringen Sie den Blumenstrauss? warf Treudchen in der Eile und nur so zerstreut dazwischen ...

Sie macht sich aus nichts mehr im Leben was! Sie liest bloss, sie schreibt bloss, sie führt bloss das Geschäft ... Ach, ihr Kummer war zu gross! Es war das schönste Mädchenein Bildsie ist noch jetzt wie eine Wachskerze so weissaber der, den sie liebte, den bekam sie nichtes war unser Oheimihr eigener Vetterer taufte sichkatolischmehrer wurde ein Priester ...

Treudchen hörte nur halb. Aber sie kannte ja schon diese Klagen aus so vielen stillen Abendgesprächen der redseligen Hasen-Jette mit ihrer Mutter! Leo_Perl war für diese ganze Familie der verheissene Messias gewesen! Als es aber dazu kam, sich als der Löwe vom Stamm Juda zu offenbaren, täuschte er alle, wurde zum Verräter, ging zum Feinde über und schien von alledem doch keinen Segen gehabt zu haben. Treudchen wusste sogar, dass regelmässig zwei Männer genannt wurden, die Leo_Perl's Seelenruhe auf dem Gewissen haben sollten, der gute Dechant zu Kocher am Fall und ein anderer vornehmer und grossmächtiger Herr auf einem fernen Schloss bei Witoborn. Ihnen sollte der Doctor Leo_Perl mit seinem Uebertritt, ja mit dem Entschluss, Priester zu werdenwider Willen sogarein geheimnissvolles und bis zur Stunde wenigstens selbst der Hasen-Jette noch unenträtseltes Opfer gebracht haben ...

Endlich standen beide vor einem freundlichen, mit einer Inschrift gezierten haus.

Löb Seligmann versprach mit dem holdseligsten Nicken aus den Palissaden seiner Vatermörder und dem schwarzwolligen Wulst seines üppigen Haarwuchses und einem seit einigen Tagen nicht besonders gründlich rasirten Barte heraus, in spätestens einer Viertelstunde hier wieder an der Tür zu stehen und auf Treudchen's Rückkehr zu warten ...

Er selbst zog die Klingel. Einem öffnenden Knaben trug er das Anliegen Treudchens vor. Er traf den Ton für alles, was sich hier schickte; er kannte jeden Weg, wie er betreten werden und jede Tür, wie man an sie klopfen musste. Selbst die deutsche Sprache handhabte er seiner Meinung nach in diesem Augenblick vollkommener als Treudchen, deren Rede er unterbrach und ihre Berechtigung, hier eingelassen zu werden, gleichsam in die Sprache übersetzte, die derjenige nicht kennen konnte, der noch nie aus Kocher am Fall so herausgekommen war, wie er.

Der Knabe führte Treudchen zum Inspector ... der Inspector führte sie zu ihren drei Geschwistern, zwei Knaben und einem Mädchen ...

Alle drei sprangen ihr herzlich und heiter entgegen ... Wie rasch entflieht dem Kindersinn ein herbes Leid! Weckten wir es nicht durch unser eigenes Bedauern und fragten einen solchen