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, sie bis ans Waisenhaus begleiten

Da Treudchen einen Band- und Zwirnladen bemerkte und bei all ihrem Herzeleid doch ihrer Nadeln und ihres Fingerhutes eingedenk blieb, so nahm sie auf zwei Minuten um so lieber Abschied, als sie hier gelegentlich nützliche Einkäufe machen konnte.

Statt nach zwei, nach zehn Minuten war sie mit ihrem Geschäft fertig und nach zwanzig kam Löb Seligmann wieder ...

Er hatte hier in dem Comptoir seiner, wie er sagte, Vettern Moritz und Bernhard Fuld zwar keinen Zutritt zu den inneren Gemächern, wo die Ritter der Ehrenlegion sassen, aber einige alte Buchhalter aus den zeiten des seligen "Man weiss schon!" hielten ihm denn doch Stand, wenn er sie um eine Prise bat und ihnen mitteilte, dass merkwürdigerweise ein Mädchen aus Kocher am Fall bei der heute Nacht ermordeten alten Dame "beinahe hätte können im Dienst gestanden haben" ...

Es sind Vettern zu uns! wiederholte er mehrmals von den Fulds und auf das Palais deutend ...

Indem Löb Seligmann seine Vatermörder jetzt stolz über die durch beständige Reibung von ihnen geröteten Ohrläppchen hinauszog, ergab sich seltsamerweise, dass ein riesengrosser, wunderbarer, schöner Bau, in dessen Nähe sie waren, schon die Katedrale war und dass Treudchen ihre Commissionen im "steinernen haus" jetzt hätte schon ausführen können, wenn nicht gerade nur um zehn Uhr die Sprechstunde im Waisenhause gewesen wäre. Aber nun war auch der Blumenmarkt ganz nahe ... derselbe Markt, der Löb Seligmann mit ähnlichen Empfindungen zu erfüllen schien, wie sie jetzt auf Treudchen's von allen diesen mächtigen Eindrücken bestürmtes Herz zuschossen ...

Einen Augenblick, Mamsell Treudchen! rief er und berechnete schon mit einer Gärtnersfrau, wie viel von Orangenblüten und Myrten in einen grossen Blumenstrauss hineinkonnten, den er mit 71/2 Silbergroschen bezahlen wollte. Treudchen wunderte sich nicht über seine poetische Regung, da sie selbst von dieser Fülle von Eriken, Fuchsien, hochragenden Gummibäumen, buschigen Rhododendren und blühenden Myrten wie berauscht war. Auch sie würde sich sofort in ihren Einkauf eingelassen haben, wenn nicht von der Katedrale herab drei mächtige Schläge den ganzen Domplatz, vorzugsweise aber sie selbst, erschüttert hätten.

Schon drei Viertel auf zehn! rief sie. Herr Seligmann, um Gottes willen, bitte! Kommen Sie!

Ein einziger Rundblick rings auf die Häuser, wo Herr Maria Schnuphase wohnen konnte, der sie in einen so schlimmen Dienst hatte empfehlen wollen, eine blitzschnelle Musterung der Blumen, die sie wohl hernach zu ihrem Bouquet für den Pfarrer von Asselyn wählen konnte, und nun fort nach der Richtung hin, die sie Herrn Löb Seligmann dringend bat, durch nichts mehr zu unterbrechen. Ich bitte Sie! sagte sie. Ich habe noch so viel Commissionen! Aber jetzt muss ich wissen, wie meine Geschwister die erste Nacht hier zugebracht haben!

Dann setzte sie, und fast neckend im Ton der kocherer Christenjugend, hinzu:

Für wen ist denn aber der schöne Blumenstrauss, Herr Seligmann?

Wenn Sie im Waisenhause sind, – sagte Seligmann, hielt aber sinnend inne und wickelte sein Bouquet in eine Anzahl Teaterzettel, die er aus der tasche zog, und summte dazu einige Noten aus dem im Spohr'schen "Faust" irgendwo an einem Stadttater eingelegt gewesenen "lied an die Rose" – wenn Sie im Waisenhause sind, geh' ich solange in die Nachbarschaft, auf die Rumpelgasse, wo mein Bruder Natan Seligmann wohntSie müssen sich sein Geschäft ansehenalte Kleider, Möbel, Glaswaaren, Bilder, Masken, Teateranzügewas Ihr Herz begehrtdie ganze Welt hat Natan zum Verkauf oder zum Verleihennur muss sie alt und abgelegt sein!

Ist das die Judengasse? sagte Treudchen unbefangen und eilends dahinschreitend und so laufend, dass Löb fast nicht mitkonnte.

Was? Denken Sie, dass wir hier noch in einer einzigen Gasse wohnen? Haben Sie nicht das Palais von unsern Vettern gesehen?

Sind das die Vettern, um die der David immer sagt, er würde nur eine Prinzessin heiraten?

Das Kind! betonte Seligmann ganz wie seine Schwester und vergass vor Entzücken über David's naive Erklärung eine Antwort auf Treudchen's Frage.

Diesen Blumenstrauss, fuhr er dann nach dem glückseligsten Sinnen über David's Geist und grosse Zukunft fort, will ich in seinem Namen an Tante Veilchen abgeben, an die er schon seit drei Jahren alle Vierteljahre einen französischen Brief schreibt. Sie werden bei Herrn Delring und bei Madame Kattendyk viele vornehme Damen kennen lernen, aber ich versichere Sie, wenn Sie wollen gebildet werden, liebes Kind, gehen Sie nur in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer, die meinem Bruder Natan Seligmann, der ein Witwer und ohne Kinder ist, seit dreissig Jahren das Geschäft und die Wirtschaft führt. Sie ist schon fünfzig Jahre alt, aber ich könnte heute um ihre Hand freien, – so viel Schönheit hat sieim Geistund wenn ich nicht versprochen hätte, für den David zu sorgen. Ja, Treudchen, Sie sollten Veilchen Igelsheimer sehen! Sie können viel Bücher lesen und Sie finden drin nicht gedruckt, was in Veilchen steht!

Treudchen liess ihn so forterzählen und folgte nur immer seinen stumm gegebenen Winken über die Richtung, die sie einzuschlagen hatten ...

Veilchen, fuhr der von seinen Familienbeziehungen nicht weniger wie seine Schwester bezauberte Mann fort, Veilchen hätte in einem Palais wohnen können, wie die jungen Fulds, wo der eine sich kürzlich verheiratet hat mit einer reichen und wunderschönen Dame aus