Muulche?
En Aagelche zu,
En schlockrig Händelche dazu,
En wacklig Beinche dazu ...?
Löb Seligmann war edle, erhabene und schöne Seele. Seine Gefühle glichen seinen Vatermördern, die wie bei Herrn Schnuphase immer in die höchste Höhe gingen. Sein blick auf Treudchen, seine Rührung über ihre Freude, sein Andeuten: "er wisse alles" – er meinte den Tod der Mutter – sein Ausweis über die Lage des Waisenhauses – alles das war von einer so stummberedten Teilnahme, von einer so erdenleidverklärten Tröstung und allessagenden Prophezeiung für jedes, was die kleine Landsmännin, vielleicht Geld ausgenommen, von ihm begehren konnte, dass es nur an der Unruhe und dem Lärm der Strasse lag, wenn Gertrud Lei nicht wieder alle ihre Wunden aufs neue aus Seligmann's und ihren eigenen Augen aufbrechen und fliessen fühlte ... "Treudchen!" ... Das eine Wort nur ... Löb Seligmann sprach es aber aus, wie den ganzen fünften Act eines Trauerspiels.
Und bei alledem hatte doch jedermann, der nur in Kocher vom wasser des Fall getauft oder nicht getauft war, einen Anflug von Heiterkeit, so oft er nur den Herrn Löb Seligmann sah. Er hatte wunderliche Eigenschaften. Ein nicht zu entfernter Verwandter der reichen Fulds, ob er gleich nur unten für das Comptoir derselben existirte und dort wie jeder andere Sensal vierten oder fünften Ranges betrachtet wurde, besass er eine gewisse Vornehmheit. Von seinem Verkehr mit der grossen Welt hatte er sogar die Manieren der Adeligen angenommen, soweit sie niemanden beleidigten; wenigstens glaubte er selbst an eine höchst ersichtliche Vornehmheit seines Wesens. Im Oberkleide war er zwar einfach, aber desto gewählter in der Wäsche und vorzugsweise in der Weste. Aus dem manchmal etwas hohem Kragen der letzteren und den zu steifen Vatermördern sah der kleine Kopf mit der niedern, breiten Stirn und dem kurzgeschnittenen krausen Negerhaar etwa heraus wie eine Kirche, deren Dach höher ist als der Turm. Löb Seligmann, bereits weitaus vierzigjährig und Garçon, war zudem durch Schmeicheleien verwöhnt, die zwar nur von Wenigen, aber von diesen desto entusiastischer kamen, vorzugsweise von seiner Schwester, deren Einzigster sein Erbe sein sollte. Zu Kocher am Fall wohnte er im obern Stock des Hauses, in welchem einst der Mann der Hasen-Jette die Kundschaft der Leis ohne alle Böswilligkeit an sich gezogen hatte, sie leider nicht lange geniessend. Löb Seligmann arbeitete nur für David. Er liess ihn bilden, liess ihn fein erziehen. Nur in der Musik schlug David noch nicht ganz nach dem Wunsch des Onkels ein, der in diesem Fache ein Kenner war. Löb Seligmann glaubte eine schöne stimme zu besitzen. Wenn er in Kocher am Fall Toilette machte, sang er dazu am offenen Fenster. Wenn er sich an einem kleinen Spiegel der Lichtung des Fensters selbst rasirte, intonirte er mit einem schönen Tenor, der nur auf eine vielleicht etwas zu leichte und bequeme Weise in die Fistel überging, eine Opernarie nach der andern. Die Schwester stand indessen unten in der Haustür und machte die Leute aufmerksam auf die wunderschönen Melodieen, die ihr Löb wieder aus den grossen Städten mitgebracht hatte. Nie hat sich auch jemand mit mehr Behagen selbst rasirt, als Löb Seligmann. "So kannst du mich betrüben, Otello kannst du lieben?" Jetzt die Seife eingestrichen. "Treibt der Champagner das Blut in die Kreise, da ist's ein Leben herrlich und frei!" Das Messer wird geschärft. "Auf, singt die Barcarole!" Erster Strich über die Oberlippe, während die linke Hand die Nase festgeklemmt hält ... jetzt lässt sie die Nase los und "Gnade, Gnade für die arme Seele!" Zweiter Strich, die Nase wird wiederum festgeklemmt; Luft und – "Mein Hüon, mein Gatte, Geliebter, wo weilst du?" Jetzt ein grosses Orchestersolo mit Pauken, mit Trompeten, mit Summen und Brummen, Pruhsten, Gurgeln, Zungenschnalzen oder – Lied ohne Worte ... sanft die Seife wieder aufgestrichen – Adagio – Schlummerarie – erneuter Ansatz zum Rasiren – und so fort mit dem auf der Reise arg verwilderten Barte eine Stunde lang. Immer dazwischen das kunstvollste Talent der musikalischen Reproduction und Paraphrase, das Messer am Streichriemen und in der Kehle die Arien sanft hinübergeschliffen. Ist dann die Bartabnahme vollendet, dann fällt eine Arie wild in die andere, Desdemona in die Klagen Rodrigo's, die Nachtwandlerin in die Verzweiflung Elwino's, "O welches Glück, Soldat zu sein!" jodelt sich in "Gold ist nur Chimäre!" hinüber – und alles das empfindet Löb Seligmann ebenso musikalisch wie moralisch nach, soweit der Text und die Situation es vorschreiben. Auch kritisch ist er mit ergriffen, soweit ihm nämlich alle grösseren und kleineren Talente einfallen, die er schon in allen diesen Opern auf verschiedenen Stadtteatern hatte debutiren sehen.
Löb's seelenvolle Erörterungen über die Vortrefflichkeit der Dahingeschiedenen, über die Bettdecken des Waisenhauses, das erstaunliche Glück, bei den Kattendyks zu dienen, unterbrach Treudchen mit der Erzählung von der Mordtat und dem nahen Zusammenhang derselben mit ihrem eigenen Lebensschicksal. Löb Seligmann wusste schon den Vorfall, konnte schon weitere Details über den Geiz der Ermordeten, nur über den Täter nicht, geben, erstaunte über die unschuldige Beteiligung Treudchens und bat sie, zwei Minuten – "hier an diesem prächtigen Palais" – zu warten ... er käme sofort wieder zurück – er würde jedenfalls, das liesse er sich nicht nehmen