schüttelte den Kopf und sagte:
Nein!
Herr Kanonikus Taube!
Finster blickend liess sie für alle Erkundigungen danken.
Auch diesen Besuch nahm sie nicht an.
Wohl aber war ihr, als hörte sie einige Secunden später die stimme ihres Gatten –
Der war es denn auch. Herr Delring kam, weil der Medicinalrat und jetzt auch der Schauspieler und der Kanonikus nicht waren angenommen worden – alle drei hatten ihre Meldung von dem Zimmer der Mutter aus, wo er selbst den Morgengruss gebracht, nach oben ankündigen lassen –; er besorgte, dass seine Gattin vielleicht nicht wohl, nicht guter Laune wäre ... Schon hörte man draussen seine fragen nach dem Befinden seiner Gattin ...
Da aber, ehe er noch dasein konnte, erhob sich Madame Delring plötzlich und fuhr auf wie aus einem Traume. Ihre weitgeöffneten Augen schauten ringsum. Ihr blick suchte irgendetwas, was sie beängstigte ... da – auf dem wieder hergerichteten Hausaltar unter der Epheulaube stand die Störung. Schnell deutete sie auf einen in den Zweigen und Holzverzierungen der Laube hängenden Gegenstand und winkte Treudchen, diesen ihr zu reichen ...
Treudchen, die so an den Mienen der freundlichen Herrin hing und sich in ihre Art schon gefunden hatte, dass sie jeden ihrer Winke verstand, reichte ihr das Bedeutete dar –
Es war ein durchsichtiger grosser, langer Silberflor, wie man ihn über wertvolle Gegenstände zu breiten pflegt, um sie vorm Staube zu schützen ...
Schnell! rief Madame Delring ...
Diesen Silberflor liess sie Treudchen jetzt anfassen und bedeckte rasch damit die Madonna auf dem Altare.
Inzwischen trat Herr Delring ein ...
Er war, wie immer, schon in weisser Halsbinde und schwarzem Frack, gleichsam als Repräsentant des grossen Hauses, der er früher auch gewesen war, ehe ihn Piter enttront hatte, – ein ernster, fast vornehmer Mann.
Nun die plötzlich ausbrechenden zärtlichen Grüsse, den Kuss, die liebevollen Wechselreden der beiden Gatten hörte Treudchen nicht. Sie eilte mit klopfendem Herzen von dannen. Hinter ihr blieb ein Weib zurück, das ihren Himmel im mann ihrer Liebe fand.
3.
Im haus unten, an dem Treppengeländer fand Treudchen Lucinden stehen, die ein Papier in der Hand hielt und ganz in ihm versunken schien.
Es war ein grosser grauer Zettel.
Treudchen erkannte, dass es derselbe Teaterzettel war, der heute wie jeden Morgen oben wie unten abgegeben wurde ...
Es war schon spät geworden, aber gern hätte Treudchen sich in dem überströmenden Gefühl ihres Glückes und ihrer Dankbarkeit noch zu Lucinden ausgesprochen ...
Sie trat auch zu ihr heran ...
Lucinde aber stand, als weilte sie gar nicht auf dieser Erde ... Sie bemerkte Treudchen nicht, so versunken war sie in die Angabe der heutigen Teatervorstellung ...
Treudchen wollte keine Zeit verlieren, störte Lucinden nicht länger und sprang die Stiege hinunter.
Unten in der Hausflur sah man recht, dass "der junge Herr" auf Reisen war!
Es war schon neun Uhr, alle Räume unten waren vom Geschäftsverkehr belebt, Makler kamen und gingen, in den auf den Treckkamp, Aschenkötter und Heiligenpütz hinausgehenden Hinterhöfen war das rührigste Leben hörbar, aber der Portier grüsste noch aus seiner unterirdischen Loge, stand noch nicht mit Dreimaster, Stab und Bandelier, wie Piter seit einem halben Jahre eingeführt und im Modell mit Aquarell selbst vorgemalt hatte, in der Hausflur und wies die Ankommenden mit Inquisitormiene zurecht.
Aber auch aus dem Keller heraus liess sich Treudchen die beste Richtung beschreiben, in der sie zum Waisenhause und von dort zur Katedrale kommen konnte.
Es war ein Markttag.
Das Gewühl in den Strassen kaum zum Ausweichen. Die Strassen dabei so eng; die Lastwagen drängten sich ... zu ihnen kamen heute noch die Bauerwagen mit ihrem Stroh, ihrem Heu, Holz, Kartoffeln für den Winter ... alles, wie Treudchen das ganz wie aus Kocher am Fall wiedererkannte.
Sie war nie in einer grossen Stadt gewesen und übertrug jetzt fast auf den stehenden Charakter einer solchen die Möglichkeit, jedes Gesicht auf die Vermutung hin betrachten zu müssen, dass es dem Mörder der Frau Hauptmännin von Buschbeck angehören könnte. An Trotz, Verwegenheit und Rücksichtslosigkeit jeder Art fehlte es auch nirgends und bald hatte sie in dem beengenden Eindruck des Ganzen ihre so genau angegeben gewesene Spur verloren.
Sie stand ratlos an einer Ecke, wo mehrere Strassen einmündeten ...
Da sah sie sich plötzlich von jemand gegrüsst und angeredet!
Es war ja ein alter Bekannter aus Kocher am Fall!
Herr Löb Seligmann, der vielgeliebte Bruder der Hasen-Jette!
Er, der seiter noch immer nicht daheim gewesen war, der noch immer in Gütern schlachtete, noch immer bei Grafen und Baronen hüben und drüben die Vorteile des ihm geschenkten intimsten Vertrauens derselben genoss!
Den Todesfall der Frau Lei wusste Löb Seligmann durch die Briefe David Lippschützens, seines Neveus und Augapfels, für dessen Fortkommen durchs Leben bei "so schwachen Beinen" gerade er sparte, gerade er sich kein Geschäft verdriessen liess, selbst die Lieferungen der Bettfedern und Decken für Kasernen und andere öffentliche Anstalten nicht ...
Treudchen konnte im Augenblick gar kein besseres Geschick haben als diese Begegnung mit dem so artigen, so gefälligen kleinen Herrn Löb Seligmann, der vollkommen vergessen hatte, dass die böse kocherer Jugend einst hinter ihm her gesungen wie sie noch jetzt hinter seinem geliebten Adoptivsohn in übermütig christlich-germanischer Nichtanerkennung orientalischer Schönheit sang:
Hast nicht gesehen Schmulche?
Mit dem scheppe