zu haben, und um alles in der Welt lieber den Schleier nahm – hernach aber ... Besonders wissen die Damen da von der Gasse – wie heisst sie?
Doch schon unterbrach sich Madame Delring selbst und zog aus dem nächststehenden Tisch ein Kästchen hervor, das über und über mit Schmuckgegenständen gefüllt war, und nahm nach kurzem Suchen eine Rosette von schwarzem Stein an einer goldenen Nadel hervor, um sie in Treudchens Haar zu stecken ...
Wie Treudchen diese Freundlichkeit, die sie noch kaum für ein Geschenk halten konnte, bemerkte, wollte sie sie ablehnen; Madame Delring sagte aber:
Kind, da schenk' ich dir einen ganz wertlosen Stein! Es ist geschnittene Lava!
Aber die Nadel – sagte Treudchen hocherglüht ...
Die ist gut! Lass aber nur – es steht dir ja! ... So! ... Jetzt – und sieh – du trägst Ohrringe –! Weisst du wohl, dass man keine Ohrringe mehr trägt? Und doch hab' ich dafür auch noch die Löcher und weiss wie heute, wie mich's schmerzte, als sie gestochen wurden – ich war schon fünf Jahre – das sind jetzt fünfundzwanzig! ... eigentlich aber lieb' ich Ohrringe und mag sie leiden! Weisst du, warum? Man sagt, es sähe unnatürlich aus; lieber Himmel, was ist an unserer Tracht natürlich? Im Ohr ist noch lange nicht in der Nase, wie die Wilden die Ringe tragen ...
Nun lachten beide Frauen ganz herzlich um die Wette ...
Madame Delring nahm die kleinen allerdings echten, aber unscheinbar und dünn gewordenen Ringelchen aus Treudchen's Ohren und suchte, ob sie nicht zwei andere kleine, nicht zu auffallende und mit einem Stein geschmückte Berlocquen fände.
Die Frauen, sagte sie, wollen gar nicht mehr Sklavinnen sein, was diese Ohrringe bedeutet haben mögen! Aber ich denke mir das gerade schön, seinem mann zu – dienen! Warum denn ihm ganz gleich sein wollen! Wenn man die Sorgen und Not bedenkt, die die Männer haben! Wär' ich hübscher, ich würde mich ganz gern schmücken, um meinem Mann recht als seine Sklavin zu erscheinen! Die meisten Frauen haben genug Zeit, das Gefallen zu bedenken, das ihr Mann an ihnen haben sollte! Lieber Himmel, die Männer in der Türkei dürfen immer jung bleiben und sich so viel Frauen nehmen, wie sie wollen! Wir sagen freilich: Wir gehören dir auch mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele! Kind, wie oft tun wir's auch nicht!
Treudchen hätte von der Geduld sprechen mögen, die auch umgekehrt die Frau wieder mit dem mann haben müsse; doch verlor sie die Besinnung über die Freundlichkeit ihrer herrschaft, die jetzt in der Tat zwei kleine goldene Ringe gefunden hatte, die sie Treudchen einhängte. Sie gehörten zu einem grösseren alten Ohrschmuck, den sie als zu auffallend in zwei Teile zerlegte.
Deine alten Ringe, sagte sie dabei ganz gemütlich, ei, die kann man noch angeben!
Treudchen's vornehmste Bekanntschaften waren bisjetzt Frau von Gülpen in der Dechanei und die Majorin Schulzendorf gewesen. Wenn diese Frauen je nur so mit ihr geredet hätten! Von den Geschenken zu schweigen, die nur von einer reichern Frau kommen konnten ... Sie verstummte ganz vor Glückseligkeit und konnte nur der freundlichen, immer leidend gelassenen Frau die hände küssen.
Diese wickelte die alten Ringe in ein zerrissenes Briefcouvert und sagte:
Auf der Mühlenstrasse wohnt unser Juwelier – Modes heisst er – geh' bei ihm vor – oder besser, ich lass' es sagen, er soll ein paar einfache Brochen schikken, da such' ich dir eine aus –
Gnäd'ge Frau! rief Treudchen und schlug die hände wie ablehnend und bittend zusammen ...
Nein, nein, sagte Madame Delring, wir geben ja deine alten Ohrringe an! Herr Modes gibt schon etwas dafür! Solche kleine Handelsgeschäfte müssen Frauen immer machen!
Sie griff nun nach dem kostbar gestickten Schellenzuge dicht neben ihr und zog zweimal.
Der Bediente kam und erhielt in Gegenwart des vor Erstaunen fast bewusstlosen Mädchens den Auftrag, der Juwelier Modes möchte eine Anzahl einfacher Brochen zur Auswahl schicken.
Der Diener liess Morgenblätter und den heutigen Teaterzettel zurück und meldete schon einen Besuch:
Herr Medicinalrat Goldfinger!
Ich bin ganz wohl! sagte Madame Delring plötzlich streng ...
Sie lehnte den Empfang des Arztes ab.
Während Treudchen sich erhoben und kaum den Mut hatte, in einen gerade dicht vor ihr hängenden viereckigen Spiegel mit goldenem Rahmen zu blicken und von Madame Delring gewinkt bekam, sie wollte ihr auch noch den Hut aufsetzen, sah die Herrin zugleich in den vor ihr aufgeschlagenen Teaterzettel und las halblaut und ganz nur wie mechanisch:
"Gastvorstellung von Madame Serlo-Leonhardi. 'Das letzte Mittel.' Madame Serlo-Leonhardi: Frau von Waldhüll. Im Zwischenacte Tanz: Cracovienne von Emmy und Flora Serlo" ...
Kinderballet! sagte sie. Ich mag die kleinen Affenkomödien nicht leiden ...
Und dabei band sie die Schleife an Treudchen's Hut, strich ihr noch einmal die Wange, zog und drückte den Hut ihr recht in den Nacken und gab, als sie sich überzeugt hatte, dass die schwarzen Trauerhandschuhe Treudchen's noch ganz neue waren, ihr die Hand, die diese mit überströmender Innigkeit an ihr Herz drückte und wiederholt küsste.
Inzwischen kam der Bediente zurück und meldete:
Herr Pötzl!
Madame Delring