1858_Gutzkow_031_202.txt

Delring sammelte sich jetzt von ihrer Aufregung. Sie verbarg ihr feuchtes Taschentuch von köstlich duftenden Spitzen. Sie sah sich um, klingelte zweimal und bestellte mit gelassener stimme ihr Frühstück ... Sie wusste, dass ihr Gatte schon unten im Comptoir war.

Mein Bruder ist ja verreist? fragte sie dann beklommen, sich auf den Divan zum Frühstück setzend ...

Treudchen sprach ein verlegenes: Ja! Sie kehrte dabei zum Ordnen der Nebenzimmer in diese zurück ... Die Türen standen offen.

Du wirst zu deinen Geschwistern gehen wollen! sagte Madame Delring.

Ich wollte darum bitten ...

Und in die Messe! Wie oft hörst du sie? Ausser Sonntags!

Treudchen sollte sagen: Alle drei Tage! Aber sie konnte jetzt nicht, vielleicht niemals lügen ... Nur Sonntags! sagte sie.

Immer, wenn du ausgehst, komm' erst zu mir und frage, ob ich Bestellungen habe!

Ja, gnädige Frau!

Was ist die Uhr?

Halb neun!

Um neun kannst du gehen! ...

Die Empfindungen Treudchens, als sie dann ging und bis neun in ihrem Zimmer allein blieb, liessen sich nur mit denen einer freudig sich dahingebenden und sieggekrönten Aufopferung vergleichen. Sie fühlte, wie man für jemanden sterben könnte, nur um ihn vom Uebel zu erlösen. Die Gottesmutter war die Siegerin geblieben! Es war ihr so leicht, so himmlisch beschwingt, dass sie dem ganzen haus hätte zurufen mögen: Ich habe eine abtrünnige Seele gewonnen!

Um neun Uhr kehrte sie dann zurück, um sich, wie sie sollte, ihrer herrschaft noch einmal vorzustellen ...

Sie hatte nachgedacht, ob sie die so wieder in Gedanken verlorene und noch tief betrübt scheinende Frau nicht durch die Mitteilung des in der Nacht geschehenen Mordes unterhalten sollte und von dem Glück sprechen, dass sie nicht in diesem grauenhaften haus, sondern hier bei ihr leben könnte; doch überlegte sie, und mit Zustimmung der andern Dienstboten, die Trepp auf Trepp ab liefen, dass Eröffnungen dieser Art bei dem Zustande der Gebieterin nur von ihrer Familie kommen müssten.

Wie Treudchen wieder in die vordern Zimmer eintrat, lag Madame Delring auf dem Kanapee ihres kleinen Boudoirs ... von rechts und links waren noch die Türen offen und brachten das Licht, das durch das noch immer verhangene Fenster nicht einfallen konnte ...

Sie stützte träumerisch das Haupt und hatte in der andern Hand ihr kleines Kinderhemdchen ...

Willst du ausgehen? sagte sie gelassen, als hätte sie das Besprochene schon vergessen ...

Treudchen trat näher ... sie hatte ihren schwarzen Hut auf und fürchtete fast, nicht genug einem Dienstboten ähnlich zu sehen.

Freundlich aber zog Madame Delring sie näher ...

Sie lobte den Hut, band ihn jedoch dem hocherrötenden Mädchen ab, weil sie meinte, er sässe nicht genug im Nacken ...

Nun deutete sie auf den Fussschemel von vorhin und liess Treudchen vor ihr niederknieen, um ihr selbst den Hut aufzusetzen ...

Dann begann sie noch an Treudchen's Haar zu ordnen ...

Wie schön dein Haar ist! sagte sie sanft und löste einige der Flechten und hielt sie lange in der Hand, fast ihre Schwere wiegend und dann gegen das Licht haltend ...

Wie Gold glänzt es! ... fuhr sie fort.

Nun band sie die Flechten anders ...

Halt nur still! sagte sie. Ich selbst darf mir ja nicht das Haar machen, – wenn du zurückkommst, ist es Zeit genug dafüraber dir darf ich's schon ... Geh' doch an den Dom! In das Gewölbe von Schnuphase! Ich lasse die Damen bittenmeine Aussteuer nicht zu vergessen ... es währt eine Ewigkeit

Treudchen wusste, dass die Aussteuer für das erwartete Kind gemeint war, und auch das wusste sie, dass sich ihre Mutter, als sie mit dem jüngsten ihrer Geschwister ging, sich beim Haarmachen und sonst vor allem Binden und Verknüpfen in Acht nahm

Weisst du denn auch das Gewölbe? fragte Madame Delring.

Ich finde es schon ... ich suche das Haus ohnehin, weil ich den Pfarrer von St.-Wolfgang, Herrn von Asselyn, begrüssen will ... er hat meine Mutter "versehen" und wohnt dort ...

Möglich, Kind, fuhr Madame Delring fort, dass dich die Schnuphases in die Klostergasse schicken, wo die Schwesterschaft zu den Notelfern eine Nähanstalt hat! Sage da nicht, dass du so gut beten kannst! ... Oder könntest du in ein Kloster gehen?

Treudchen warf ihre grossen blauen Augen zu der seltsamen Fragerin empor und blieb die Antwort schuldig.

Madame Delring kam von ihrer Frage wieder ab, wie sie diese lichten, hellen, reinen Augen sah, die allerdings denen einer Heiligen glichen ... Sie fuhr mit den Fingern über Treudchens nicht zu volle, etwas rötliche Augenbrauen und zeichnete sie gleichsam in ihrer Länge über die Stirne hinweg nach ...

Dann kam sie auf die Schwestern zu den Notelfern zurück und sagte:

Es ist ein Verein, der junge Mädchen zum Nähen anhält und Gutes tun soll! Ich weiss nichtmanche von den Mädchen, die dort arbeiteten, gingen ins Kloster ... Lass dich nur in keines verlocken, Kind! Sie wissen es so geschickt zu machen und so prächtig erst drin einzurichten, dass manche Novize anfangs glaubte, in Ewigkeit keinen Mann nötig