1858_Gutzkow_031_201.txt

Dechanei keine Aehnlichkeit hatte, denn hier gingen die saiten in die Höhe ... und so klein das Instrument war, doch hatte Frau Delring, kurz vor dem dass sie zu Bette ging, gestern noch einige Minuten lang darauf so sanft, so zart, so volltönend gespielt ... nirgends fand sie aber das Muttergottesbild.

Endlichda entdeckte sie es beim Abstäubenauf dem Fussboden! In einem Winkel stand es, das kostbare Heiligtum! Wie enttront und von seinem Altar gestürzt! Es stand in einem Winkel, an einer kleinen Etagère, die mit bunterlei Dingen besetzt war, kleinen Spinnrädchen von Elfenbein, kleinen Bauerhäuschen von Holz, kleinen goldenen Papagaien in Ringen und mit Edelsteinaugen, ja mit einem niedlichen ausgestopften bunten Vögelchen, das sie vollkommen für einen Kolibri erkannte ... da stand die Mutter Gottes mit dem kind auf dem Teppich des Fussbodens! Gerade, als gehörte auch sie zu dem Spielzeug auf diesen Mahagonibretchen!

letzteren Gedanken fasste ihre bescheidene, von ihrer herrschaft nur das Beste voraussetzende Seele gar nicht in voller klarheit ... Sie wusste nun aber doch nicht, sollte sie das Bild jetzt erheben und wieder auf den Altar setzen oder durfte sie das nicht ... Es war ganz still um sie her ... nur auf der Strasse lärmten und rasselten die Wagen ... Kirchenglocken läuteten ... sie beugte sich still zu dem Bilde nieder, kniete und betete zu ihm.

So manche Anrufung kannte sie, so manche Umschreibung des Englischen Grusses ... was sie aber auch leise jetzt so vor sich hinmurmelte, alles sollte Dank, Bitte, Hoffnung für sich und ihre kleinen Geschwister sein.

Wie sie einige Minuten so gelegen und geflüstert hatte, ganz unbekümmert die hände sogar mit dem gar nicht fortgelegten Staubwischer faltend, da hörte sie ein leises Geräusch hinter sich ...

Erschrocken wandte sie den Kopf und liess vor Ueberraschung den Staubwischer fallen, als sie im Morgenkleide und grosser spitzenreicher Haube mit fliegend hängenden Rosabändern Madame Delring hinter sich sah.

Auf den Teppichen, die durch alle Zimmer gingen, war die Herrin eingetreten, während sie sich in ihrem Gebete verloren hatte.

Statt aber, dass sich Treudchen jetzt rasch erheben wollte, hielt sie Madame Delring nieder und bedeutete sie fortzufahren ... Ja als Treudchen verlegen zögerte und dennoch aufstehen wollte, rückte Madame Delring mit dem fuss selbst eines der kleinen Bänkchen näher, fuhr mit der Hand über ihre weiten und bauschigen schönen gestreiften Musselinkleider, die ehre Gestalt einhüllten, und versuchte, sich nun auch selbst niederzulassen. Diese Bewegung war so schwer, so ängstlich, dass sich Treudchen nicht hielt, sondern aufsprang und ihre Herrin unterstützte ...

Langsam ging es, aber doch ganz bequem. Madame Delring kniete auf dem niedrigen Fussschemel. Mit stummer, leidverklärter, durchgeistigter Miene bedeutete sie Treudchen, in ihre frühere Stellung zurückzukehren, neben ihr zu knieen und im Gebete fortzufahren.

Als dies Treudchen mit klopfendem Herzen und voll Verlegenheit nicht wagte, sagte ihre herrschaft leise und fast unhörbar:

So bete doch!

Treudchen begann nun aufs neue den Englischen Gruss, aber für sich.

laut! sprach Madame Delring sanft ...

Treudchen betete lauter, aber noch mit zitternder stimme.

Recht, recht laut! ... sagte Madame Delring und hatte die hände gefaltet und schien der Vorbetenden wörtlich zu folgen.

Als Treudchen zu Ende war und schwieg, sagte die tief in Gedanken Verlorene und wie von einem unendlichen Leid Gedrückte und als wenn sie noch wenig von all den Worten gehört hätte:

Bete!

Nun wandte sich Treudchen erstaunt und bemerkte, dass die Augen ihrer Herrin feucht waren. Eine grosse und schwere Träne rollte eben von den Wangen der nicht schönen, aber höchst würdevollen und durch Haltung und Wuchs einnehmenden Frau.

Da ergriff es denn Treudchen wie mit geisterhafter Ermutigung. Alles, was ihr von ihrer Firmelung und ersten beichte und ersten Communion her an wohlgefügten Sprüchen und Versen in Erinnerung geblieben war, sprach sie jetzt ungeordnet durcheinander und mit lauter stimme. Sah sie sich um und fand, dass die Mitbetende ganz mit Entäusserung ihres Standes wie eine Schwester, wie eine Mutter ihr folgte, so begann sie aufs neue und betete inbrünstig den Himmel auf die Erde herab. Alle nur möglichen Sünden, Eitelkeit, Hoffart, Unglaube, Geiz, Falschheit, wurden, weil die einmal in den Gebeten so formulirt sind, von ihr auch bekannt. Auch die einzelnen Fürsprecher unter den Heiligen wurden namentlich aufgerufen, sodass jeder auch gerade den Fehler dargebracht bekam, auf den er gleichsam das Vorrecht hatte, dass ihn Gott gerade nur durch seine Vermittelung vergab ... der Gottesmutter dabei ganz zu geschweigen, die zuletzt wie mit ihrer Zauberhand Schloss und Riegel am Schatz der Gnaden sprengte und das Kind Jesu auf ihrem Arm nur immer so hineinlangen liess und Juwelen und Blumen und alle himmlischen Freuden der Vergebung auf die vor ihnen Knieenden niederwerfen.

Erschöpft schwieg endlich Treudchen in ihrem sie wunderbar überkommenen Priesteramte, das sie vollzog, als hätte sie eine Ahnung von dem Streit der "gemischten Ehen" ...

Madame Delring erhob sich, indem das junge Mädchen aufsprang und ihr dabei behülflich war.

Dass Treudchen das kostbare und schwere Metallbild wieder auf den Altar unter die Epheulaube setzte, schien sich ihr jetzt von selbst zu verstehen. Es wurde auch von Madame Delring nichts dagegen eingewandt, als was die Schwere betraf ... Treudchen brachte es vollkommen und wie triumphirend zu stand.

Madame