Erhebung gewähren kann, eine Familie, Gattin, Kinder, Liebe und Hingebung, so ist es Pflicht aller derer, für welche sie diesen heiligen Lebenswandel führen, ihnen eine stete Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen den vollen Genuss alles dessen zu gewähren, was es ausserhalb des Glücks der Hingebung, besonders eines weiblichen Herzens, sonst noch Wohltuendes in der Welt geben kann. Dies Lieben mit der Seele, dies Umwerben und Umschmeicheln eines Geistlichen mit steter Huldigung soll, sagt man, zu den besonderen Glückseligkeiten derselben gehören.
Und Treudchen war so aufgeregt, dass es ihr jetzt vorm Spiegel war, als spräche die Hasen-Jette hinter ihr: Nun, was ist, Treudchen! Bist alle halbe Jahre einmal hübscher geworden! Wirst auch jetzt um die Trauer nicht zurückgehen! Kinder von Metzgern, Treudchen, sind immer schön! ... Eine Ansicht, die die Hasen-Jette am wenigsten um ihren David zurücknahm ... Und auch Nachbar Grützmacher's stimme hörte sie: Ei, potz Blitz! Hätt' ich nicht schon mein Bündel da – (er bekam dabei von diesem Bündel, seiner Ehehälfte, einen vertraulichen Schlag auf den breiten rücken), so würdest du noch die Frau Wachtmeisterin werden können, Treudchen!
Treudchen wartete auf das einmalige Klingeln ...
Es erfolgte nicht ...
Sie trank ihren Kaffee ... Er war so stark, dass ihre ganze Familie an der Verdünnung ein Sonntagsfrühstück gehabt hätte.
Die Mitmägde, die Bediente musterten sie ... Es gibt zweierlei Blondinen ... Solche, die wie eine Maiblume blühen und duften können, aber auch ebenso schnell mit einem einzigen wunderholden Mai wieder verwelken; und solche gibt es, die man Kern- oder Dauerblondinen nennen sollte, weil sie noch als Greisinnen so anmutig sind wie herbstlich gerötete Aepfel. Treudchen gehörte zu letzteren. Wie schön stand ihr das schwarze Merinokleid zu der hellen Farbe ihrer Haut! Fast zu schmuck machte sich der Florbesatz in den goldgelben Windungen ihres Haares! Und nun lag gar zum Ausgehen schon da der von ihr selbst zum Begräbniss gefertigt gewesene schwarze Sammtut, in den sich ihr Kopf zurücklehnte, wie auf eine Folie, die den Glanz noch erhöht! Und die kostbare schwarzseidene Mantille, die ihr schon gestern gleich bei der Ankunft Madame Delring als eine "abgelegte" geschenkt hatte! Eine abgelegte und noch so neu und glanzvoll! ... Madame Delring war eine eigene, vielleicht sehr reizbare, vielleicht höchst wunderliche Frau; sehr vornehm, sehr stolz ... aber gegen Treudchen war sie weich und milde. Lucinde hatte das Treudchen gleich vorausgesagt. "Die Frau Delring wird dich in ihr Herz schliessen!" Nach zehnjähriger kinderloser Ehe war Frau Delring plötzlich in die Hoffnung gekommen. Wenn Treudchen die Augen ihrer Herrin so eigentümlich umflort sah, so wusste sie erst jetzt, dass vielleicht die ernste blasse Dame, die in Glück und Glanz zu leben schien, an die Kämpfe dachte, die mit dem teuern Keime ihres Herzens ihr würden mitgeboren werden. Es handelte sich schon seit Monden im täglichen gespräche nicht nur ihres Hauses, sondern der ganzen Gesellschaft um die "Religion" des erwarteten Kindes ...
Nun, da nicht geklingelt wurde, ging Treudchen von selbst an ihre Aufgabe, die vordern Zimmer zu putzen und in ihnen aufzuräumen und abzustäuben.
Da gab es so viel des Kostbaren und Zerbrechlichen zu schonen, dass sie ihre Gedanken zusammennehmen musste!
Inzwischen vermisste sie etwas ... In dem kleinsten, fast wohnlichsten der reich ausgestatteten Gemächer hatte doch gestern Abend noch, wie sie flüchtig vorübergehend und sich doch dabei tief verneigend gesehen, mitten in einer kleinen Laube von Epheu ein kleiner Altar mit einer Mutter Gottes von Gold, Silber und Edelsteinen gestanden. Heute fand sie das Bild nicht an der Stelle, wo sie es suchte, um in aller Stille und noch von niemanden belauscht, zu ihm ein Gebet zu verrichten.
Sie suchte und suchte – das Bild war nicht zu finden. Vielleicht war es so kostbar, dass es des Nachts verschlossen wurde, dachte sie erst. Sie stand am Eingang der Laube, in der Hand den Staubwedel. Der kleine Altar mit einem Weihbecken, das aber völlig wasserleer und sogar ein Stecknadelbehälter geworden war, war derselbe, wie gestern; die Gottesmutter aber fehlte ...
Nun sah sie sich darauf um im Gemach. Da stand ein schwellender Divan, mit grünem und in Streifen gesticktem Sammt bezogen, darüber her wie zu einem Trone erhob sich ein Baldachin von demselben kostbaren Stoffe mit schweren goldenen Fransen besetzt. Da standen kleine Fussschemel von demselben Aussehen. Auf einem Tische mit langer grüner golddurchwirkter Decke lagen Bücher und Musikalien, Näharbeiten, ein angefangenes kleines Kinderhemd mit köstlichen Spitzen besetzt ...
Sie sollte sich nach den Büchern erkundigen, hatte sie soeben von Lucinden vernommen ... sie konnte aber nicht glauben, dass es ketzerische waren. Noch gestern Abend hatte ja Madame Delring hier mit ihrem Gatten so traulich, so lieb gesessen ... er hatte ihr vorgelesen ... sie horchte zu und nähte dabei ... und darüber her gab ein bronzener Kronleuchter von drei gedämpften Flammen in Glasglocken ein so eigentümlich schönes Licht ... und in einem Winkel, mehr dem von Vorhängen ganz verdeckten einzigen Fenster des Zimmerchens zu, stand aufgeschlagen ein Pianino ... noch lagen die Noten auf dem Pulte und seltsam genug erschien ihr schon gestern dies Instrument, das mit dem in der