! Sie hatte schon seit lange nicht mit der Alten gesprochen, weil sie zu stolz geworden war. Aber lange hatte die Rührung nicht gedauert. Sie wühlte schon damals nach einer Genugtuung. Da sich keine fand, da ihr überall der Weg versperrt war nach der Seite hin, wo allein ihrem Stolze genügt werden konnte, so war sie bereit gewesen, das Netz, das sie überspann, zu zerreissen und mit Oskar Binder in die weite Welt zu gehen. Wie das so war und werden konnte, hatte sie nicht viel überlegt. Nun sah sie's und neu genug waren die Folgen ... Jetzt blickte sie in einem wald einsam hinein in Moos, Farrnkräuter, Sträuche mit Blüten und Beeren, die zum Herbste reiften ... Was dieser ihr wohl bringen wird!
Die kleinen Käfer und Insekten um sie her konnte sie noch verfolgen, wie sie sprangen und sich kugelten und auf Halme kletterten, die am Gewichte derselben zusammenknickten ...
Es regt sich doch alles, es nährt sich doch alles! Das zu denken, auch jetzt zu denken, war längst ihre Art, und so elend ihr zu Mute blieb, aufstehen würde sie doch, wenn nicht gleich jetzt, doch noch vor Abend; und zurückdenken mochte sie am wenigsten; aufrichtig beklagen, sich etwas vorwerfen, bereuen, das hatte sie nie vermocht, und wenn sie sonst gestraft worden war, Tränen kannte sie auch da nicht. Ihr Vater weinte wohl dann statt ihrer und seufzte: Die Mutter!
Nach einer halbstündigen Ruhe raffte sie sich wieder in die Höhe. Sie ordnete ihr Haar, soweit es ging, erschrak zwar über den Zustand ihres Kleides, versuchte aber weiter zu kommen.
Sie hielt sich an die Zweige und Stämme. Einen Weg fand sie nicht. Sie war gauz im Dickicht, und doch war ihr's manchmal, als läutete von irgendwoher eine Glocke. Dann war's bloss wieder ein Summen im Grase oder im Ohre. Einige hundert Schritte brachte sie so vorwärts; weiter trug sie ihre Kraft nicht mehr ...
Es war an einem wunderschönen platz, wo sie zusammensank. Der Wald wurde lichter, die Birken ragten wieder, Erlen, auch Weiden kamen. Sie sah sogar in der Ferne Schilf, dicht verwachsen; nun musste doch ein wasser kommen. Sogar Schwalben schossen daher, die sonst im wald nicht wohnen. Auch eine Lerche wirbelte ein Abendlied in der Luft. Aus dem Schilfe blickte manche dunkelblaue Blume ihr entgegen. Weisse Nymphäen sah sie auf kleinen Wässerchen. Das Gras um sie herum war von Vergissmeinnicht gezeichnet ...
Immer müder und müder wurde ihr. Rings der grosse schweigende Kranz des Waldes, hier ein kleines Wassereiland, drüber der blaue Himmel mit einigen wie durchsichtigen Rosawölkchen in allerhöchster Höhe. Sie blickte noch einmal empor, dann fasste sie, wie um sich zu halten, einen Büschel blauer Glockenblumen, und lag dann so, diese in der Hand haltend, ohne Bewusstsein. Eine grüne, behend dahinschlängelnde Eidechse, die sie im Sinken unter einem feuchten, moosbewachsenen Steine aufscheuchte, sah sie wohl noch, aber fürchtete sie nicht mehr.
Als Lucinde erwachte, war es dunkler Abend.
Ihre Ohnmacht war in Schlummer übergegangen. Sie erwachte an derselben Stelle.
Obgleich sie schwer geträumt hatte und im Traume weit entrückt gewesen war in ferne land, so erkannte sie doch sogleich den Ort wieder trotz der Dunkelheit.
Nur Gesellschaft hatte sich eingefunden. Es sass ein Mann neben ihr.
Es war ein ihr völlig Fremder, und doch erfüllte er sie nicht im mindesten mit Schrecken.
Seine Geberde war auch zu sprechend für die Gefahrlosigkeit seiner Nähe und seiner Absicht. Er lag auf den Knieen, faltete die hände, die er lässig niedergleiten liess, und betrachtete die Erwachende, wie wenn er eine überirdische Erscheinung angebetet hätte.
Ihr Erwachen schien den Fremden mit grosser Freude zu erfüllen.
Er war hoch und stark, ein Mann eher noch in jungen als in mittlern Jahren.
Sein Antlitz, soweit es der schon nächtlich gedunkelte Abend erkennen liess, war voll, gerötet, beides fast im Uebermass.
Die Art und Farbe der Augen liess sich vor dem Schirm einer leichten Sommermütze, die er trug, nicht erkennen.
Auch seine übrige Tracht war von leichtem, hellem Sommerstoffe, bis zu Gamaschen hinunter, die er trug.
Das Halstuch war mit einem Ring zusammengebunden, dessen weisse Steine wunderbar funkelten. Eine schwere goldene Kette hing über die offene Brust hinweg über ein sauber gefälteltes Hemd. Von der grünen Waldeseinsamkeit stachen die weissen Glacéhandschuhe ab, die auch dieser Fremde wie Oskar Binder trug und trotz seines Knieens und seiner wie anbetenden Geberde nicht ausgezogen hatte.
Noch ehe Lucinde sich in diesen seltsamen Anblick gefunden, wurde sie von dem fremden mann angeredet. Es war in einer fremden Sprache, die aber einige deutsche Laute untermischt hatte, und das so richtige und volltönende, wie wenn ihm jene doch nicht recht geläufig war.
Die sich gleichbleibende Stellung und ehrfurchtsvolle Anrede des Fremden überraschte Lucinden jetzt so, dass sie sich erhob und einige Worte sprach:
Wer sind Sie? Wo bin ich?
In diesem Augenblicke kamen aber auch schon aus dem wald einige Leute und brachten einen grossen Tragsessel.
Ein älterer, schwarzgekleideter Mann führte sie und näherte sich mit Anweisung der Stelle, wohin sie ihm mit dem Sessel folgen sollten. Da er Lucinden schon aufgestanden und jetzt wie auf der Flucht fand, rief er ihr entgegen:
Mein junges Kind