- und niederhüpfen konnten, wird des Kenners Auge leicht herausfinden. Sei ihre Irrlichtsnatur auch dafür Bürge, dass jetzt wie früher der Verfasser nichts um der nächsten Deutung willen schrieb oder mit grober Absichtlichkeit dem freien Schwebegang der Muse Zwang antun wollte! Wie sonst wird auch hier das Gesetz des Lebens walten und jede freie Lust am Dasein, jede Regung der natürlichen Empfindung den Keim ihrer höhern Deutung in sich selbst oft völlig unbewusst tragen. Denn in solchem Humor leben wir. All unser Denken und Handeln ahnt die Schatten nicht, die es im Licht der Wahrheit wirft.
D r e s d e n , im Juli 1858.
Erstes Buch
1.
Langen-Nauenheim ist eines jener nordhessischen Dörfer, die mitten im Herzen Deutschlands liegen und denen dennoch nicht so warm gebettet ist, wie es an der Brust einer so grossen Mutter, wie das Vaterland, sein sollte.
Sieht man die verfallenen Hütten mit ihren Strohund Schindeldächern, die dünngesäeten wie frierenden Halme auf den Feldern, das spätreifende Steinobst an den wenigen Bäumen oberhalb eines der vielen Bäche, die da- und dorter von den roten Felsen des Gebirges so behend niedereilen, als suchten auch sie, wie andere Murmelquellen, blumengeschmückte grüne Matten, so begreift man nicht, wie noch all der Kummer und das Elend es hergeben, dass in der Landeshauptstadt jeden Mittag Schlag zwölf Uhr eine so prächtige Wachparade mit goldgestickten Uniformen und stolzberittenen Husaren aufziehen kann.
Aber Langen-Nauenheim ist darum auch so gut regiert wie Klein-Bockenheim und Ober-Heddersheim, und hat am Eingang und Ausgang seinen bunten Pfahl mit den Landesfarben und den Namen des Regierungs- und Steueramtsbezirks, zu dem es auf Gottes Erdboden gehört, hat sein Amtaus, seine Spritzenordnung, seinen Feuerversicherungszwang, seinen Büttel, seinen Nachtwächter und seinen sogar landesherrlich salarirten Schulmeister.
Letzterer heisst Gottlieb Schwarz.
Gerade jedoch sein Häuschen ist keines von den schmuckern.
Es lehnt sich fast an die Kirche an, die selbst so grau und geflickt zwischen zwei kleinen Hügeln liegt wie ein grosses Storchennest zwischen den Hörnern eines Strohdachgiebels. Es hat sogar Fenster, wo die Scheiben mit alten Schulheften geflickt sind; der Regen corrigirte die Schreibfehler und falschen Grundstriche der bildungsbeflissenen Jugend. Ein Gärtchen liegt dicht in der Nähe mit einem Staket von dürrem Reisig, zwischen dem im Juni manchmal einige Erbsen blühen, falls man im April sie zu säen nicht vergessen hat, was auch schon vorgekommen ist.
Vor Jahren ... ja, damals war es noch anders.
Damals war Gottlieb Schwarz selbstverständlich noch jung, noch mit rosigen Hoffnungen aus einem hochlöblichen Landes-Schullehrerseminar hervorgegangen. Wie herrlich hatte sich das ausgenommen, wenn die jungen volkes-Lehramtscandidaten im Seminargarten Rosenstöcke veredelten und süsse Birnen auf sauere Quitten pfropften! Auch Seidenzucht trieb man, versandte auch – wenigstens im geist – den köstlichsten Honig an die Lebküchler von Frankfurt am Main und Nürnberg! In der Teorie bewährte sich alles prächtig und vielleicht auch einige Jahre in der Praxis, wenigstens zu Langen-Nauenheim, am Diemel-, Demel-, Donners- und Dustersbach ... die Geographen haben unter vier Bächen, an denen sie Langen-Nauenheim können liegen lassen, die Auswahl ... dann aber ... ja dann folgte vorzugsweise ein Weib, das nicht richtig gewählt war, folgten Kinder, sieben "lebendige", nächstdem keine Beförderung, keine "Aufbesserung", immer die aschgraue Zukunft und das vielbesprochene Leid eines deutschen Schullehrers, eines Berufes, den plötzlich eines schönen Morgens in Deutschland, dem vaterland des Gedankens, der Buchdrucker- und Buchmacherkunst, niemand mehr gewählt haben wird, weil allerdings bei der Locomotive den Ofen heizen einträglicher ist.
Gottlieb Schwarz erntete, vollends als Witwer, Brennesseln, wo er einst von oculirten Rosen geträumt hatte ... von jenen saftigen, länglichen, so schön, so schön rötlich angesprenkelten Birnen, die man beim Dessert eines frankfurter Bankiers Tafelbirnen nennt und die selbst die eingeladenen Diplomaten nicht verschmähen in die tasche zu stecken und sie ihren Kindern vom Diner mit heimzubringen ...
Doch um von Kindern zu reden ...
Gottlieb Schwarz wird soeben von seinen sieben "Lebendigen" eines "los".
Das ist die Lucinde, die Aelteste! Dies mit der damals noch nachschimmernden Romantik des Seminars getaufte Kind Maria Ludovica Lucinda ist eben dreizehn Jahre alt und im Begriff die "Kinderlehre" zu absolviren. Ein nach dem unpoetischen Vergleich eines Fuhrmanns wie eine "langhalsige Flasche" aufgeschossenes Mädchen steigt in eine Kutsche zu einer vornehmen alten Dame, die sie nach der Residenz entführen will.
Maria Ludovica Lucinda, die mit solchem Staatsnamen Getaufte, die hätte der Vater eigentlich lieber behalten sollen. Sie war in seiner spät geschlossenen Ehe das erste spätgekommene Kind gewesen (als eines den Anfang gemacht, ging das Niederkommen rascher, die natur hat ihre wunderlichen gesetz); sie war noch, wie ihr Name zeigte, von leuchtenden Hoffnungen begrüsst gewesen, und Ida, Clara, Estrella, Balduin, Hugo, Achilles, Patroklus, was sollte nicht noch alles ihr nachfolgen! Doch blieb der hoffnungsvolle symbolische Aufschwung nur bei der Erstgeborenen, und die Spätern hingen schon alle von den Namen derer ab, die ihnen ein Patengeschenk ins Tauftuch binden konnten. Lucinde, die Romantische, ein Nachhall verklungener Jugend-Zaubertöne, – goldenes Morgenrot des Lebens, dass wir dein Bild einst nur noch einmal wiedersehen, im Abendrot! – Lucinde verwertete sich dem Witwer noch am besten von seinem reichen Kindersegen. Die "Lange