unterdrückte sie auch schon den Zweifel und horchte und lauschte nur und schien überhaupt immer nur still vor sich hin zu beten ... Die Gesellschaft der Commerzienrätin staunte über so viel Frömmigkeit. So oft von dem Domvicariate, das zu besetzen war (von Bonaventura's möglicher Designation schien man noch keine Ahnung zu haben), die Rede ging, ergoss sich über ihr ganzes Sein ein warmer Strom, in ihren Adern fing es an zu rinnen und merkte das denn doch z.B. der alte Ex-Schauspieler Pötzl, der eigentlich nur die Aufsicht über zwei Bologneserhündchen der Commerzienrätin zur einzigen Lebensaufgabe hatte, und sagte dergleichen, so war es nur ihre Teilnahme für den neuen Glauben gewesen. Ach, ihr neuer Glaube war: Hier in dieser grossen Stadt erhört dich Bonaventura doch noch und nennt dich seine einzige und wahre Liebe! Als sie den Domherrn Taube und sogar zweifelnd berichten hörte, die Gräfin Paula von Dorste-Camphausen zu Westerhof bei Witoborn hätte neuerdings wieder Visionen gehabt und verrichtete sozusagen Wunder und als im Gegenteil der Medicinalrat Goldfinger vom Standpunkte einer gotterleuchteten Naturwissenschaft an dieser Möglichkeit gar nicht im mindesten zweifelte und auch die Commerzienrätin schon die hände faltete und alle Schäden ihres Leibes und ihrer Seele überlegte, die sie vielleicht der "Seherin von Westerhof", wie man sogleich den Titel feststellte, zur Begutachtung und Heilung vortragen könnte (von Piter's Reise gerade dortin auf Witoborn zu konnte nicht gesprochen werden, da Piter nicht mehr "der Mann" war über seine Schritte im haus irgendjemanden Rechenschaft zu geben), da erwachte schon wieder die alte glühende Eifersucht in Lucinden und ihr, der Aufgeklärten, ihr, die z.B. zu Treudchen's Erzählung, sie hätte eben ihre Mutter gesehen und ordentlich mit ihr gesprochen, tief überzeugt entgegnen konnte: Kind, die toten sind tot! stand fest, dass Paula bereits die Annäherung Bonaventura's in ihren Lebenskreis merkte und in Ekstase gerate nur durch das von ihr geahnte Näherkommen dessen, mit dem sie im magnetischen Rapporte stand.
Auch Treudchen gegenüber blieb Lucinde bei den Schleiern, die sie über ihr ganzes Wesen deshalb ziehen zu müssen glaubte, um nicht neue Dolche in ein Herz gestossen zu bekommen, das ihr für neue Täuschungen keine Kraft mehr zu haben schien.
Und als es nun unten im ersten Stocke lebendiger zu werden anfing und sie leise auf den Corridor hinaustrat, um lieber gleich über Piter's luftige Treppe auf den Schauplatz ihres Wirkens zurückzukehren, sagte sie noch:
Kind! Die Commerzienrätin möchte gern manches wissen, was Madame Delring tut! In welchen Büchern sie läse? Ob sie betete? Ob sie lange mit ihrem Mann allein spräche? Die Frau will ihr Kind im Glauben ihres Mannes, der Protestant ist, taufen lassen! Das ist ein grosser Kummer für die ganze Familie! Gib darauf Acht, was dir etwa ketzerisch erscheint! Sag' es immer erst mir, damit ich sehe, ob man es wieder berichten muss! Auch verlange fest und bestimmt, dass du alle drei Tage in die Messe gehen müsstest! Die Commerzienrätin will das! Sage nur, du wärst's einmal so gewohnt und hättest sonst keine Ruhe! Hörst du? Ich soll es dir sagen!
Treudchen, die diese Anleitung zur Rechtgläubigkeit ganz in der Ordnung fand, hätte gern auch einige Winke gehabt für ihr verhältnis zu ihrer so nahen Nachbarschaft, zu Pitern und seinen Freunden, und sie hätte, wenn Lucinde ihre schüchterne Andeutung hätte nicht verstehen wollen, das Erlebte selbst erzählt; aber Lucinde huschte schon davon und flüsterte nur noch, indem sie Treudchen über das Geländer etwas Geld in die Hand steckte:
Da! Wenn du den Pfarrer besuchst, kauf' ihm Blumen! Hörst du? Am Dom stehen so wunderschöne! Ist er nicht zu haus, so stelle sie selbst ins Zimmer! Hörst du? Nicht etwa durch die Damen Schnuphase – verlang' es, dass du es selbst tust! Sie gönnen dir's nicht und geben sie ihm nicht! Einen grossen vollen mächtigen Strauss kaufe und mit Orangenblüten – hörst du? Man verkauft sie so! Vergiss es nicht! Aber um himmels willen, sprich nicht von mir!
Treudchen war nun schon allein und beeilte sich, die Windungen ihres Haares zu befestigen – ihr schwarzes Merinokleid hatte ihr schon vorher Lucinde hinten geschlossen – und die selbstgestickten Pantoffeln vertauschte sie mit Schuhen vom besten, freilich etwas derben kockerer Leder.
So beim Ueberbeugen zur Erde – was machte da nicht alles die Brust eines so jungen Lebens schon so schwer! Die gestrige Scene mit dem "jungen Herrn"! Nun der Mord der Frau, bei der sie hatte dienen sollen! Die Ankunft des Pfarrers und die Blumenspende! Die Aufsicht über die ketzerischen Gesinnungen ihrer herrschaft! Ihre Geschwister unter den Waisen! ... Wäre nicht der volle Nachhall der Erscheinung ihrer Mutter gewesen und es noch so in ihr lebendig, als hörte sie deutlich das Jubelwort: Treudchen! das die Mutter sprach, und ihr eigenes angstvoll seliges Mutter! sie würde jetzt nicht so ruhig hier am Spiegel haben stehen und ihren übergelegten Kragen ordnen können ... In Lucindens Blumengruss an den Pfarrer konnte sie nichts Auffallendes finden. Gute katolische Seelen wissen es, dass sie nichts zu verabsäumen suchen sollen, was nur irgend dazu dienen kann, einem Geistlichen Freude zu machen. Sind die Geistlichen ausgeschlossen von den gewöhnlichen Freuden des Lebens, haben sie das zu entbehren, was andern Trost und