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Lucinde bemerkte aus den hervorgestotterten Antworten nichts Besonderes und es drängte sie ja auch mit Macht, jetzt zu sagen:
Der Pfarrer von St.-Wolfgang ist angekommen!
Auf den freudigen Ausruf Treudchens fuhr sie fort:
Ich erfuhr es schon gestern Abend bei der Commerzienrätin ... die Domherren sprachen davon ... Wirst du hingehen, ihn zu begrüssen? ... Ich dächte doch! ... Tu' es ja!
Ich hoffe, Madame Delring lässt mich ein Stündchen ausgehen!
Indem klingelte es einige Zimmer weiter und sogar zweimal ...
Lucinde war schon auf dem Sprunge zu gehen ...
Aber Treudchen sagte:
Nein, das gilt dem Bedienten! Einmal geklingelt das bin ich! Dreimal ist unten die Katrine, die Köchin! Die herrschaft will jedoch von jetzt an allein zu Mittag speisen! Das Treppensteigen wird der Madame zu beschwerlich!
Lucinde schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen: Nein, das ist nicht der Grund! ...
Sie hielt aber an sich und liess dadurch Treudchen Zeit aufs neue zu dem Erlebniss mit der ermordeten alten Frau zurückzukommen. Ihrem grössten Triumphe konnte Lucinde gar nicht einmal Worte geben; denn wem gönnte sie mehr diese Demütigung als der Herrin der Dechanei zu Kocher am Fall, Petronella von Gülpen? Hätte sie nur die Verwandtschaft noch ein wenig bestimmter gewusst! Der Name "fräulein von Gülpen" für die Hauptmännin von Buschbeck schien hier niemanden geläufig wie einst ihrem Stadtamtmann damals in der Stadt, wo sie bei ihr gedient hatte. Selbst Schnuphase, durch den doch die gewiss erst von der äussersten Not und Verzweiflung abgerungenen frommen Spenden der Ermordeten gingen und den die Schwesterschaft zu den Notelfern in Bewegung setzte, um mitzuhelfen das ausgesetzte Legat zu erwerben, selbst Herr Maria hatte nichts gewusst von dieser ursprünglichen Herkunft und so nahen Verwandtschaft seiner Schutzbefohlenen mit der hochverehrten Dame in der Dechanei.
Doch selbst wenn Lucinde über die Verwandtschaft ganz sicher gewesen wäre, hätte sie vielleicht ihren inneren jubel, der jede leidenschaft natürlich, Liebe wie Liebe und Rache wie Rache nahm, gemässigt. War doch ihr fester Vorsatz, in diesem haus, das ohnehin so wirr und geräuschvoll auf sie einstürmte, und überhaupt in ihrem ganzen Benehmen sich auf ein Nichts zu stellen ... Dein bischen Verstand willst du an die Kette legen! Das hatte sie sich schon gesagt, als ihr Schnuphase zur Seite sass und in seinem von ihm selbst gefahrenen Wägelchen genugsam ihre Satire herausforderte. Du willst nicht lachen über die Devotion des Mannes, nicht über seine Sprechweise, nicht über den Durst seines Gaules, der immer auch den seinigen involvirte, wenn er auf ihrer fast einen Tag dauernden Reise abstieg! Sie liess ihn erzählen von den Bienen, von seinen Töchtern, von allen offenen und geheimen Schwester- und Brüderschaften, von Gespenstern und Geistern und Wundern, von Rückkehrenden aus dem Jenseits, die berichteten, welchen Vorzug dort oben die Rechtgläubigen genössen, von den Nonnen, die wieder die blutenden Male des Erlösers zu zeigen anfingen, von allem liess sie ihn reden und staunen und hütete sich wohl ihrer Art so den Zügel schiessen zu lassen, wie etwa an der Maximinuskapelle über die Heiligenbilder Napoleone Biancchi's oder die alten Münzen und die seltsame Production der Jahrhunderte beim Wirte zum Weissen Ross. Sie glaubte alles, selbst an die Frömmigkeit der Frau Hauptmännin und an die andächtigen Lieder, die diese zu ihrer Guitarre mit zwei saiten abendlich singen sollte. Sie glaubte an das Glück aller der Mädchen und jungen Männer, die Herr Maria schon überredet hatte in die Klöster zu gehen. Sie glaubte an einen Krieg, den Oesterreich erklären würde, wenn dem Kirchenfürsten nur irgendein Härchen gekrümmt würde ... Immer nur hörte sie und blinzelte mit den Augen und nahm sich vor, durch Denken, Urteilen, Aufblicken niemanden in der Welt mehr aufzureizen. Auch im haus der Kattendyks, vor der unruhigen, ewig agitirten Frau Commerzienrätin, vor der anspruchsvollen noch ledigen Tochter, vor der eiteln Frau Procurator Nück, vor den Hausfreunden blieb sie sich in dem System, ungefährlich zu erscheinen, gleich. Sie antwortete nur, wenn sie gefragt wurde. Und gewiss war das ein eigener Eindruck, die hoch aufgeschossene Gestalt mit dem so ausdrucksvollen schwarzäugigen kopf, der vorgeneigten Stirn, den behenden ebenmässigen Gliedern, weltkundiger Art des Benehmens, doch in dem haus so an den Wänden entlang schleichen zu sehen, jedem ausweichend, niemanden ansehend. Und diese Rolle war nicht einmal ganz Verstellung. Sie hatte wirklich in tiefster überzeugung die Ansicht gewonnen, dass in ihr besonders für die Frauen etwas Herausforderndes und Verletzendes läge und dass sie es jetzt ganz gut, ganz klug treffen würde, wenn sie sich um jeden nur irgendwie auffallenden Effect lieber gleich selbst brächte.
Ihr Bangen dabei war Bonaventura's Ankunft und –
seine mögliche Begegnung mit dem Mönche Sebastus! ... Diese Furcht mehrte nicht wenig die Angst und sorge ihres in der Tat eingeschüchterten und bitter vergrämelten Gemüts.
Den Mönch hatte sie noch nicht entdecken können,
aber täglich hörte sie von ihm reden und seine Flugschriften und die Aufsätze bewundern, die er in die Welt streute. Mit dem Wandeln, den Topf in der Hand, wie Beda Hunnius geschildert, mag es doch wohl nicht so weit her sein! hatte sie sich schon spottend gesagt; aber kaum entdeckte sie, dass sie am Abendtisch der Commerzienrätin, vor dem silbernen Teeservice, bei einem solchen Einfall über des Mönches Heiligkeit die Miene verzog,