wie sonst die Turmuhr der alten braunen Stadtkirche in Kocher am Fall weckte, sprach doch gerade die Mutter mit ihr wie aus einer sie verklärenden Wolke heraus, streckte förmlich ihr die arme dar und lachte fast, unter Tränen und vor Wonne, sie nun gleich mit einer einzigen nur noch ein wenig weiter auszudehnenden Bewegung umfangen zu können ...
Und sie selbst hatte das Wort: Mutter! wie einen Jubelton gerade auf den Lippen ... wollte gerade in dem ganzen Ueberschwall des Herzens mit den Armen die geliebte, seltsamerweise nur im Oberkörper sichtbare Gestalt umfangen, den freundlichen, lebenswarmen Mund an ihre Lippen drücken, da gerade erwachte sie und sie erwachte auch vielleicht nicht ... sie war vielleicht vorher schon wach und dieser Traum war die ganz wirkliche Erscheinung eines seligen Geistes gewesen.
Glücklich durch diese immer mehr sich befestigende überzeugung, glaubte Treudchen nun, dass die Mutter in irgendeiner Form leben könnte und wach sein und ganz dicht um sie und über sie und ihre Geschwister, die im Waisenhause der Stadt waren, schweben ... Die Pein des Fegfeuers musste sie also glücklich und schnell überstanden haben, dank der gründlichen Versehung mit den letzten Heilsmitteln durch den geliebten Priester, der täglich und stündlich von ihr und ihrer hochverehrten Freundin und Beschützerin Lucinde Schwarz erwartet wurde. Nachdem sie sich eben aus ihrem Danae-Zustande – Danae muss blond gewesen sein, weil ihre Schönheit Jupitern auf den Gedanken brachte, sie gerade in ihrer eigenen Gestalt zu überraschen – in die erste notwendigste Kleidung geworfen und ihr auch Jupiter-Piter's Zudringlichkeit dabei nicht mit allzu grellem Schrecken eingefallen war, fuhr sie nur zusammen bei dem schnellen Ersteigen der Treppe draussen, das sie hörte, und bei dem klopfen an ihre Tür.
Sie öffnete ...
Es war das so liebe gute herzige fräulein Lucinde! Sie kam in ihrer täglich jetzt an ihr gewohnten schwarzseidenen vornehmen Tracht, die ihr doch gerade stand als wollte und könnte sie alle Tage äbtissin werden.
Kind! rief Lucinde, heute in einem ganz weltlichen Tone, den sie noch gar nicht an ihr vernommen hatte; das Aller-Allerneueste ... ich komme schon aus der Frühmette ...
Treudchen konnte nichts Schlimmes erwarten; denn Lucinde war zwar erglüht vor Aufregung, aber nicht gerade wie über einen Unglücksfall ...
Die ganze Stadt ist in Bewegung – fuhr jedoch Lucinde, sich erst etwas erholend, fort; diese Nacht ist ja die Frau, Kind, bei der du dienen solltest, ermordet worden!
Nun stand sie freilich starr ... Dass das ein ängstlicher Dienst gewesen wäre, wusste Treudchen schon von dem Stadtpfarrer Hunnius, der unbedingt auf Lucindens Verlangen die Aenderung des Schnuphase'schen Engagements getroffen hatte .... Schnuphase hatte auf dem land ein anderes Opfer suchen müssen, ein Opfer, bei dem immer sozusagen zwei Fliegen, ja oft drei mit Einer Klappe getroffen wurden: Eine Magd für die gottselige Testatorin, die Frau Hauptmännin von Buschbeck; eine Nähterin entweder für die Schwesterschaft zu den Notelfern oder für seine eigenen heiligen Gewand-Stickereien oder für einen mysteriösen Weisswäsch-Handel seiner Töchter; und zuletzt drittens, da alle diese Institute ohnehin schon über die Sprachgitter der Klöster hinausführten, manchmal auch noch eine der von Rom so dringend verlangten Bräute des himmels für diese Klöster selbst ... Aber die Freude, die Genugtuung, die Lucinde über dies traurige Ende zu empfinden schien, konnte sie ihr denn doch nicht nachfühlen.
Ich komme die Strasse daher, erzählte Lucinde und raffte sich aus ihren wie jetzt ganz lebendig gewordenen und um sie her just wie in einem Krebskorb drängenden Kindheitserinnerungen, den Zwetschenkernen, den Tauben, den Mäusen auf; ich komme die Strasse daher und will zur Katedrale! Da hör' ich ja das lebhafte Reden der Menschen, das Rennen nach einer bestimmten Gegend hin, und an einem Platz, wo ich, seitdem ich hier bin, täglich zu den Fenstern habe aufschauen müssen, weil ich wusste, da wohnt der schlimme Drache, erfahr' ich, was ihm begegnet ist! Es hat sie einer umgebracht! Hinauf durft' ich nicht, aber ich höre, sie liegt – kalt in der Küche am Feuerherd ...
Lucinde erzählte das mit sichtlichem Behagen. Aber jetzt bekam sie doch einen Schauer, als überliefe sie Eisesluft ... Da, wo sie einst meinen Tauben den Hals umdrehte! rief ein ganzer Chor von schadenfrohen Dämonen in ihrer Brust und die schüttelten sie.
Wer es gewesen ist, fuhr sie fort, weiss man noch nicht! Schildwache und Polizei stehen am haus! Treudchen! Treudchen! Wenn du bei ihr gedient hättest!
All ihr Heiligen! So würde' es vielleicht nicht geschehen sein! sagte die Kleine und klagte sich nun gar selber an ...
Was? Es hätte dich mittreffen können! berichtigte Lucinde und streichelte die Fülle des goldenen Haares, die Treudchen sich bei alledem ihr Anziehen nicht vergessend mit einer kühnen Schwenkung um den weissen Nacken warf.
Treudchen fand sich in die Auffassung ihrer Gönnerin.
Und was wirst du nun heute beginnen? Wie war die Nacht? Ist dein Nachbar fort, der junge Herr? fragte Lucinde in Eile und den Tod der Buschbeck gleichsam wie ein fertiges und bereits eingebundenes Buch in die Bibliotek ihres Lebens stellend.
Ich will sehen, dass ich meine Geschwister im Waisenhause besuchen kann –! erwiderte Treudchen, die über die Erwähnung der Nacht und des Nachbars über und über errötete .