Fall, bester Freund, meine Verehrung vor dem verbitterten und die Sackträger um ihr Kegelschieben beneidenden Mann unerlaubt übertrieben haben! Von Ihrer ganzen Auffassung meines Herzens und meiner Lebensansichten werde' ich überdies die Ehre haben, Ihnen einfach zu sagen, dass Sie sich irren, lieber alter Freund! Ich habe einen unverwüstlichen Trieb zur Gerechtigkeit und wer den hat der wird andern immer kalt erscheinen! Seine Prüfung, niemanden Unrecht zu tun, wird immer länger dauern als der flackernde Entusiasmus der minder Bedenklichen. Von meiner persönlichen und Privat-Lebensstimmung will ich gar nicht reden, aber die Zeit selbst wird so ernst, lieber Freund, die Umstände, die uns umgeben, wachsen zu solcher Bedeutung heran, dass wir mit unserm bloss so dreinfahrenden natürlichen Instinct die grössten Torheiten und sogar Sünden gegen den Heiligen Geist begehen können! Lassen Sie mir nur mein Sibirien im Herzen, lieber Freund! Es ist so kalt nicht, dass ich nur mit Pelzhandschuhen zu tractiren wäre! Aber auch wenn es drin Sommer werden sollte, wird eine gemildertere Temperatur immer gut sein Ihren Extremen gegenüber, Ihren Aufwallungen, Ihren unbedachten, frevelhaften, höchst maliciösen –
Benno musste sich schon zurückziehen ...
Denn Tiebold war so vollkommen aufgelöst vor Zerknirschung, Reue, Seligkeit, Stolz, einen solchen Freund zu haben, vor so merkwürdiger Ueberraschung, "dergleichen zu hören", vor so aufrichtiger Dankbarkeit, "dergleichen zu lernen", dass ihm schon mit beiden zur Versöhnung ausgestreckten Händen das Schrecklichste der Schrecken, eine Umarmung, drohte ...
Benno fuhr sich retirirend fort:
Ihre Extreme sind immer das Echo des letzten energischen Eindrucks, den Sie irgendwo empfangen haben! Wettert der Oberst gegen die Misbräuche unserer Kirche, so sind Sie zum Ketzer reif! Hier dem Assessor gegenüber sehen Sie keine Jesuiten und rennen vielleicht heute noch vor Ekstase in einen Beichtstuhl!
Nie! Nie! Seit neun Jahren nicht! Auf Ehre! versicherte Tiebold, nun wieder wie ein zweiter Huss und Wiclef.
Dann schämen Sie sich, fuhr Benno fort, dass Sie dem vernünftigen Mann seine Fährte durchkreuzten, die gerade doch auf einen Menschen hinauszukommen scheint, der sich dem bösen weib unter gewissen religiösen Vorspiegelungen und Intriguen zu nähern wusste ...
Indem trat Benno's Schreiber ein, ganz erfüllt von dem Vorfall, dem die Bewegung schon der halben Stadt galt ...
Benno nahm von Tiebold's sich selbst anklagenden lyrisch-sentimentalen Vorwürfen Abstand und sagte:
Ich will arbeiten, wenn der verdammte Lärm mich dazu kommen lässt! Sie aber, de Jonge, gehen Sie nach haus und schlafen Sie aus und lassen Sie sich Punkt halb zwölf Uhr wecken! Ich bin begierig, den alten Haudegen, den Rittmeister von Enckefuss, kennen zu lernen! Ja Sie müssen schon deshalb dabei sein, um sogleich an Hedemann schreiben zu können! Vielleicht erzählt uns auch des Assessors Vater, was Hedemann gegen ihn so speciell auf dem Herzen hat!
Damit wurde denn Tiebold fast gewaltsam von Benno zur Tür hinausgedrückt, und er ging; im Hochgefühl, seinen starken und festen Freund wieder ganz so zu haben, wie er seiner bedurfte. Zwar knirschte er an seiner Kette, lag aber doch mit solcher Wonne an ihr, dass er jetzt jedem, der ihm etwa auf der Strasse und bis zu den Holzhöfen seines Vaters hinauf von Bekannten begegnete, die "Ideen" (freilich als die seinigen) wiederholt haben würde, die er soeben von Benno gehört hatte. Ja er würde jetzt keinen Anstand genommen haben, anzudeuten, dass die Frau Hauptmännin von Buschbeck ein "nächtliches Opfer der Jesuiten" war.
Für Benno, der sich zur sofortigen Abfassung erst eines discret vorbereitenden Briefes an den Onkel in der Dechanei und dann zum arbeiten setzen wollte und von dem Schreiber die wirren Gerüchte, die er teilweise schon kannte, wiederholt erhielt, war es ein seltsamer Eindruck, beim nochmaligen Hinunterblikken auf die Strasse, wo jetzt der Zudrang der Menschen von einem Piket Soldaten abgesperrt wurde, den Assessor von Enckefuss über die leergewordene Mitte des Platzes, allgemein sichtlich, dahinschreiten zu sehen mit jenem mann, den er einige male in nächtlicher Weile von der Treppe des Hauses gegenüber hatte herniedersteigen sehen, Jodocus Hammaker ...
Er kämpfte mit sich, nicht den Verdacht auf diesen Mann irgend jemanden schon auszusprechen ... Denn Hammaker war der Vertraute seines Principals in einem Grade, der schon seit einer Reihe von Jahren um so mehr das Erstaunen der Stadt war, als sich gegen die Rechtlichkeit des vielbewunderten, vielgesuchten und so ausserordentlich reichen, deshalb auf Umtriebe nicht im mindesten angewiesenen Schwagers Piter Kattendyk's, Dominicus Nück, nicht das Mindeste einwenden liess.
2.
Zur selben Stunde klopfte es im Kattendyk'schen haus auf das allerheftigste an jene Tür, hinter welcher Treudchen Lei heute nur zwei Stunden hatte schlafen können.
Denn schon um sechs Uhr glaubte sie aufstehen zu müssen. Gut und gern hätte sie sich bei dem Befinden ihrer herrschaft und der Freiheit ihrer Mitdienenden noch eine Stunde gönnen dürfen, um die durch ein Misverständniss verlorene Nachtruhe wenigstens um einen Traum mehr nachholen zu können.
Freilich war sie mit einem Traum erwacht, nach dem sie nie mehr wieder anders hätte träumen mögen.
Sie hatte geträumt leibhaftig ihre Mutter zu sehen ... nicht etwa als Lebende, wie sonst, sondern als tote, Erstandene, als seliger Geist und wirklich vom Jenseits her sie anredend und begrüssend ...
Eben, wie sie der Turmschlag der sechsten Stunde,