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Scherz ...

Scherz, den der Oberst ernst zu nehmen der Mann ist! Oder haben Sie nicht bemerkt, dass in diesem Sonderling ein Gelüsten lebt, dem ganzen geist seiner Provinz gleichsam einen Fehdehandschuh hinzuwerfen?

St! unterbrach Tiebold, der bei alledem so in Gedanken verloren war, dass er seine Absicht ganz vergessen hatte, die Rückkehr des Herrn von Enckefuss aufs Fenster blickend abzupassen und ihn gemütlich, als wäre nichts zwischen seinem geliebten Hedemann und dem Assessor im Garten des Wirtshauses am Kreuzwege vorgefallen, anzurufen. Aufhorchend fuhr er fort: Sie bekommen Besuch!

Man hörte auch das gleichmässige und sichere Ersteigen der Treppe durch einen festen Schritt, der an der Tür Benno's Halt machte ... Es klopfte und ohne erst lange ein Herein! abzuwarten trat der Assessor von Enckefuss ins Zimmer.

Vom Schauplatz eines Mordes zu kommen wird den Ruhigsten in Aufregung bringen. Der Assessor war sonst ein Mann von einer seltenen Bestimmteit und Fassung; heute, in aller Frühe schon vom Lager gerufen, um den Tatbestand eines seltenen Verbrechens aufzunehmen und den Eifer und Scharfsinn seiner Beigeordneten zur Entdeckung des Urhebers in Bewegung zu setzen, fehlte ihm fast jene Selbstbeherrschung, die ihn nie und nur dann verliess, wenn er sich einmal von einem im grund heftigen Temperamente fortreissen liess. Aus dem Scherze, den er sich im Behagen, von seinem täglichen Amtsverdruss auf einige Tage einmal ausgespannt zu sein, gegen Porzia Biancchi erlaubt hatte, würde ohne Benno's Dazwischenkunft leicht gegen Hedemann eine rasche und schwer zu bereuende Tat geworden sein.

Die gewohnte Kaltblütigkeit des etwa im Anfang der Dreissiger befindlichen, wohlgewachsenen und imponirenden Mannes kehrte zurück, als er Tiebold de Jonge sah, der ihn seit dem Zusammenstoss mit Hedemann vermieden und in Kocher ganz an Benno überlassen hatte. In jeder Lage, wo ein anderer durch eine unerwartete Störung in Verlegenheit gebracht wird, knöpft ein Charakter wie der Assessor sozusagen einen Knopf noch mehr zu und wird noch kühler werden, als ohnehin schon in seinem Wesen und Benehmen liegt. Nun also schon wieder in dem gewohnten Tone einer vor nichts erstaunenden Ruhe und Kälte sagte der in seinem amt gewiegte, in seinen Unternehmungen von guten Erfolgen begleitete Beamte:

Herr von Asselyn! Ich suchte Sie gestern Abend überall vergebensmein Vater ist angekommenin dem Drang seiner Angelegenheiten begaben wir uns sofort zu Nückeine Viertelstunde und die Verständigung war gemachtich danke das ohne Zweifel Ihrer Vorbereitung! Machen Sie meinem Vater das Vergnügen, heute im Englischen hof mit uns ein Frühstück einzunehmenAuch Sie, Herr de Jonge, sind vielleicht zugegenobgleich Sie die Nacht nicht geschlafen haben! setzte er nach einer leichten Verbeugung lächelnd hinzu.

Woher wissen Sie das? fragte Tiebold mit nicht erkünstelter Kälte.

Benno, um Reibungen zu vermeiden, hielt sich an die Ueberraschung, die ihm die Ankunft des Rittmeisters und Landrats von Enckefuss verursachte. Er wiederholte einigemal: Ich war bei meinem Vetterim Schnuphase'schen haussieh, siehnun ist mir das schnelle Arrangement erklärlich!

Tiebold bereute indess seine Aufwallung ...

Um eine Coalition der Hypotekengläubiger zu sprengen, fuhr der Assessor fort, reiste Herr Kattendyk noch in dieser Nacht nach Witoborn abman hat Sie in aller Frühe im Bahnhof gesehen, Herr de Jongealso vermut' ich, dass ich richtig errietindessen bis zwölf Uhr, wo uns mein guter Alter erwartet, könnten Sie noch ausgeschlafen haben und es wird Sie freuen, Herr de Jonge, ich habe ausdrücklich die Käuflichkeit der Mühle für meinen intimen Feind, Herrn Remigius Hedemann, beim Vater und bei Nück ausbedungenauch zu dem Preise, für den sie der Gläubiger ablassen wollte! Dass diese Sorgen hinter mir liegen, dank' ich Ihnen, Herr von Asselyn! Also ich hoffe, Sie kommen!

Benno schützte, wenn er ausbleiben sollte, die Abhängigkeit von Bonaventura vor.

Tiebold, rasch jetzt erwärmt und versöhnt, rückte mit seinem stuhl dem Assessor näher, zeigte ihm das auf dem Platz so zunehmende Gewühl, dass schon Militärwache berufen wurde, die Leute vom Eindringen in das Haus, wo die Tat begangen war, zurückzuhalten, und fragte nach seiner Ansicht über den Vorfall.

Das ist eine traurige Affaire! sagte der Assessor. Die Alte wurde mit einer Schlinge erwürgt, gerade wie man einem Stier den Hals zuschnürt und ihn dann niederzieht! Sie muss von ihrer stube bis hinten in die Küche geflüchtet sein, wo der Mörder sie am Feuerherd festielt und so vollends

Und keine Vermutung? fragten beide Hörer zu gleicher Zeit.

Gesindel haben wir genug in der Stadt! sagte der Assessor und lehnte die angebotene Teilnahme am bescheidenen Frühstück nicht ab. Sie wissen ja von dem Knecht aus dem Weissen Ross, der in St.-Wolfgang den Sarg erbrochen! Der Mensch soll hier in der Stadt gesehen worden sein! Uebrigens war diese Frau berüchtigt durch ihren Geiz. Seit Jahren ging sie nicht mehr aus. Dennoch fehlte es um sie her nicht an Verkehr. Sie nannte sich eine Frau Hauptmann von Buschbeck, während ihr nur ein anderer Name gebührter steht in den Acten. Geldmittel erhielt sie mit grosser Regelmässigkeit von unserer Freiherrlich Wittekind-Neuhof'schen Kameral-Verwaltung bei Witoborn. Vor vielen Jahren war sie in Diensten des alten Freiherrn von Wittekind!

Benno hörte mit beklommenem Herzen die Bestätigung der Beziehungen der Ermordeten zu Schloss Neuhof ...

Die Alte, fuhr der Assessor fort, kam vor sieben oder