1858_Gutzkow_031_192.txt

eine neue Begründung seiner Existenz vorhandene Möglichkeit dieser Erwerbung fort. Liess Nück, ohne seinem Hülfsarbeiter davon etwas zu sagen, diesen Ankauf in solcher Eile und hinter seinem rücken vollziehennoch gestern früh war kaum die allgemeine Bereitwilligkeit des oft gar seltsamen Procurators gewonnen gewesen –, so fiel zwar die Hoffnung gerade nicht fort, dass Hedemann seine Mühle bekam, doch jedenfalls wurde der Preis grösser, als durch den Ankauf von jenem Einzelnen, der seine Hypoteken retten wollte. Und noch war seiner schnellen Combination sogleich etwas Anderes rätselhaft gewesen. Nück's Neigung, dem bedrängten Enckefuss zu helfen, schien ihm keine aufrichtige. Er hatte es sogar anfangs ganz unbedingt abgelehnt. Und sogar von Hedemann und dem Obersten hatte er die Worte fallen lassen: Bester, was ist denn nur das? Ich höre ja, diese beiden Leute sind aus Amerika zurückgekommen und noch nicht ein einziges mal hat einer von ihnen hier oder in Kocher am Fall oder in Witoborn einer Messe beigewohnt? ... Benno wollte aufs schleunigste zu Nück oder Enckefuss.

Ein Glück aber zunächst für den Kaffee, dass eben auch Tiebold wieder zurückkam ...

Rasch zuspringend auf das übersiedende wasser und ohne die Bereitung des Frühstücks aus dem Auge zu verlieren, erzählte er:

Ja das ist schön! Ein richtiger completer Mord! Ich bin von der Wache hinaufgelassen worden und habe mir die geschichte angesehen! Hinter den Vorhängen im zweiten Stock drüben ... Schauerlich! ... Braun und blau ... In der Küche dicht am Feuerherd liegt eine alte person ... mit 'nem grässlich entstellten Angesicht ... und gerade als wollte sie in Todesangst hinunterkriechen unter den Verschlag, wo das Holz liegt ... Der Mörder fasste sie dabei von hinten ... erwürgt ist sie ... darüber kann kein Zweifel sein ... alle Schränke und Kommoden in den Vorzimmern sind erbrochen ... ringsum liegen Papiere zerstreut und durchwühlt ... und wie bei einer completten Hexe sieht's aus ... ausgestopfte fürchterliche Vögel und Fussdecken von wilden Tierfellen und lange indianische Lanzen mit Pfeilspitzen und Köchern .... Die Milchfrau klingelte und klopfte heute früh, findet die Tür offen, geht hinein und sieht die alte person auf dem Pflaster der Küche liegen, wie gesagt, gerade am Feuerherd.

Keine Vermutung auf den Mörder? rief ein Chor von Hausbewohnern, der sich die Resultate der Tiebold'schen Erkundigungen nicht entgehen lassen wollte und das Vorrecht der Wirtsleute, einzutreten, durch Nachdrängen mitbenutzt hatte.

Ich hörte nichts! ... sagte Tiebold.

War sie denn ohne Bedienung –? stotterte ein alter zum Tod erblasster Garçon aus der Dachstube, der sich im Nachtkamisol sein Frühstück eben selbst geholt und die Milchkanne zitternd in der Hand hielt.

Ihr letztes Mädchen, erzählte man, war schon vor Wochen abgezogensie wartete auf ein neuesdie person war berüchtigt, dass kein Dienstbote bei ihr länger als vier Wochen aushielt ... Erst in neuerer Zeit blieben manche etwas länger ... Das waren Mädchen, die aus den Klöstern oder von Vereinen geschickt wurden ...

Da bei alledem dennoch die Frau Wirtin frisches Weissbrot, Milch und die im Keller aufbewahrte Butter brachte, so kam der Name der Hauptmännin von Buschbeck noch einmal an Benno's Ohr und jetzt erst war es ihm, als hätte er diesen doch kürzlich von jemand nennen hören ...

Erst, wie die Wirtsfrau erzählte, die Frau wohnte dort oben schon seit sieben oder acht Jahren, wäre steinalt gewesen, nie mehr ausgegangen und schon von andern Städten wäre sie um ihrer Bosheit willen hierher gekommen ... und der, der sie umgebracht hätte, der müsste Bescheid gewusst haben ... erst wie das alles allmählich auf Benno einwirkte und ihm plötzlich die Erinnerung kam, dass er einen übel berüchtigten, leider mit seinem Principal, dem Procurator Nück, vertrauten Mann, einen gewissen Jodocus Hammaker, einen verdorbenen Advocaten, Winkelagenten und Makler verdächtiger Geschäfte zuweilen Abends von jener Stiege herabkommen gesehen hatte ... erst da fiel ihm ein: Auf jener Fahrt von St.-Wolfgang fragte ja Lucinde Schwarz nach einem solchen Namen und nannte ihn geradezu eine Schwester der Frau von Gülpen!

Benno stand so in Nachsinnen vertieft, dass er Tiebold's Bemerkung, eben käme der Assessor von Enkkefuss mit einem Schreiber daher und ginge auf das Haus des Frevels zu und nähme wahrscheinlich das Protokoll auf, überhörte ... Die Grauengestalt jenes Hammaker verliess ihn nicht ... Und Frau von Gülpen! ... Seine Empfindungen für die Freundin seines Adoptivonkels waren die dankbarsten! ... Seine frühesten Knabenerinnerungen bewahrten der wunderlichen, an sich respectabeln Frau ein mannichfach verpflichtetes Andenken! ... Seine frühesten Lebenseindrücke ... welche waren es denn? ... Das lächelnde Antlitz einer schönen vornehmen Frau, die einst wie unter Harfenklängen und Engelstimmen und gerade wie selbst bei der grimmigsten Nordlandskälte sich die Kindheit in der geweihten Nacht um der duftenden Aepfel, Nüsse und Wachskerzen willen die sternenhellen, eisigen Lüfte draussen nur vom Lobgesang der Hirten und dem Flügelrauschen himmlischer Heerscharen erfüllt denkt, aus einer glänzenden Kutsche stieg, sich über ihn beugte und ihn küsste ... eine weite Reise dann, die sich ihm unter dem Bilde einer endlosen Reihe von Bäumen eingeprägt hatte, solchen, wie sie bei nürnberger Schäfereien krausköpfig von Holz geschnitten sind und ebenso rasch umfallen, wie die langen Schwadronen