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einer gewaltigen Aufregung, die ihn um so mehr erschüttern mag, als er sie äusserlich nicht verrät.

Nun war der verhängnissvolle Name Enckefuss gefallen ... Tiebold wich aber noch aus und sagte:

Dass ich von der Dechanei so kurzen Abschied nahm! ... Ich bereu' es fast ... Hat sich das verhältnis mit der Dame nicht ausgeglichen?

Wissen Sie denn nicht? fiel Benno ein.

Was soll ich wissen?

Während ich noch mit Frau von Gülpen zu ihren Gunsten parlamentirte, war sie ja abgereist ... Aber erfuhren Sie denn nicht, im Kattendyk'schen haus –?

Was?

Mit Ihrem Zauberweibe haben Sie Ihre schlechten Cigarren unter Einem dach geraucht!

Ich weiss kein Wort ...

"Zauberweib" war ein Ausdruck gewesen in Tiebold's grosser Apostrophe an Benno's Herzlosigkeit. Dies Wort wirkte jetzt auf ihn wie die beschämende Erinnerung an einen Rausch ...

Er wollte etwas erwidern, verschluckte es jedoch wegen nicht ausreichender Stimmmittel ...

Himmel! fuhr Benno fort. Wenn diese scharfen Augen und Ohren das Négligé Ihres tapfern Herzens und besonders Ihrer Zunge belauscht hätten!

Welche denn?

Diese neue Bewohnerin des Kattendyk'schen Hauses! Lucinde Schwarz!

Gott sei Dank! Ich schwieg den ganzen Abend

Schnuphase vermittelte das Engagement! Auf die Folgen bin ich begierig!

Deshalb war Piter so geheimnissvollNoch im Bahnhofe

Wo –?

Wir brachten Pitern vor einer Stunde auf den Bahnhof! Er ist nach Witoborn, um eine Liegenschaft anzukaufen ...

Aus der Enckefuss'schen Schuldenmasse? Sieh! Sieh! Das nenn' ich rasch bei der Hand!

Wie so, Enckefuss'sche –? Ich habe am Ende Pitern noch das Geleit gegeben, ein Angebot auf die Grundstücke zu machen, die der Oberst und Hedemann kaufen wollten?

Beruhigen Sie sich! ... Indessen

Eben wollte Benno seinem Freunde auseinandersetzen, dass sich der Assessor von Enckefuss auf seine, Benno's, Verwendung an den Procurator Nück gewandt hätte, ihm in der Befreiung seines überschuldeten Vaters von den bittersten Verlegenheiten behülflich zu sein ... Eben gab er eine Schilderung der Verhältnisse des Rittmeisters, die ganz den Erinnerungen, die von diesem Lucinde haben musste, entsprach ... Eben musste er zugleich sein Erstaunen ausdrücken, dass, wenn Piter Kattendyk wirklich die Enckefuss'sche Masse erstehen wollte, dies nur im Auftrage seines Schwagers geschehen sein könnte, jedoch in einer Eile, die ihn wahrhaft überrascheals Tiebold vom Fenster aus eine ungewöhnliche Aufregung auf dem kleinen platz bemerkte.

Was gibt es denn da? unterbrach Tiebold in plötzlichem Ausruf Benno's und seine eigene Besorgniss, die er für Hedemann's Mühle aussprechen wollte, die einen teil der überschuldeten Enckefuss'schen Besitztümer bildete ...

Auch Benno hatte schon lange ein ungewohntes Treppenlaufen in seinem kleinen haus bemerkt, war auch ans andere Fenster getreten und bestätigte schon, dass an einem ganz in einen Winkel des kleinen Platzes gedrückten haus ein starker Zusammenlauf von Menschen stattfand, ja eben bestieg sogar ein Polizeicommissar eine nach der Strasse offen liegende Treppe des von den Menschen aufgeregt umstandenen Hauses ... Die Menschen drängten nach ... Der Commissar wandte sich und verbot jedem, nur auch einen Schritt weiter zu folgen ... Damit schloss er die Treppentür hinter sich zu und verschwand.

Tiebold hatte in seiner raschen Art schon zum Fenster hinausgesprochen, was denn da wäre?

Es ist die Nacht einer ermordet worden! hiess es.

Wie? Wer? riefen beide Freunde zugleich.

Eine Frau!

Die sanguinische natur Tiebold's hatte schon den Hut in der Hand und stürzte die Stiege hinunter, um wenn nicht für sich, doch für seinen Freund Benno eine für so nahe Nachbarschaft beunruhigende Tatsache festzustellen.

Indem kamen bereits die Wirtsleute Benno's und berichteten ihm, dass in dem haus drüben eine alte stadtbekannte geizige und nach allgemeiner Vermutung reiche Frau diese Nacht wäre ermordet worden ... Die Milchfrau hätte die Tür ihrer wohnung offen gefunden ... wäre hineingegangen und hätte die alte Dame mit einer Schlinge um den Hals erwürgt gefunden, dicht am Küchenherde.

Eine Frau Hauptmänninhiess es; der Name ging Benno verloren, zumal in der Eile, mit der man auf jeden aussein musste, der neue Mitteilungen brachte.

Benno, inzwischen vollends angekleidet, wollte gleichfalls seinen Hut holen. Ohnehin bekümmerte ihn, da ihn gestern Nachmittag ausschliesslich Bonaventura in Anspruch genommen und er Nück nicht gesprochen hatte, die plötzliche Ahnung einer Gefahr, in die sowohl Hedemann's und des Obersten Ankauf als selbst die momentane Schuldenbefreiung des Landrats und Rittmeisters von Enckefuss geriet. Der "schöne Enckefuss" besass daheim, soweit Benno wusste, keinen einzigen Beistand, keine einzige Hülfsquelle mehr. Die Gläubiger konnten sein Eigentum, ein grösseres Anwesen vor und in Witoborn, in Anspruch nehmen und schon hatte Hedemann davon eine Mühle und deren Gerechtsame für sich erstehen wollen von einem der Witoborner Juden, der darauf eine Hypotek hatte, die dem ganzen Werte des Grundstücks fast gleichkam ... Kaufte Hedemann sie von dem Gläubiger, so erstand er sie zu geringerem Preise. Trat aber ein Gesammtkäufer ein, der die Schuldner befriedigte undwie der Assessor für seinen Vater hofftesich mit diesem, der ohne Besitztum nicht mehr Landrat sein konnte, arrangirte, so fielen vielleicht Hedemann's Hoffnungen nicht nur auf einen wohlfeilen Preis, sondern vielleicht überhaupt die für den Ankauf und