auf die Lehmschanze hatte' ich Elefantenfüsse bekommen, dass mir die Stiefel zu eng wurden! Und nun reisen Sie mir mit Ihrem Stiefelmagazin ab! Ich glaube, Sie hatten in Rücksicht auf das Trottoir in Kocher und Ihre Hühneraugen sechs Paar mit! So schnell waren Sie über alle Berge, dass man glauben konnte, Sie hätten sie alle auf einmal angezogen! Haben Sie denn Ihren Freunden heute Nacht auch erzählt, wie Sie mich auf dem Weinberg beim Obersten von Hülleshoven abschilderten?
Nun verzog Tiebold ein wenig die Miene ... er merkte eine Geneigteit des Freundes, auf seine "lyrische" Stimmung einzugehen.
Unsereins ist freilich zu unbedeutend, fuhr Benno, immer von der kammer aus, fort, Gegenstand so hochmögender Discussionen zu werden. Was wurde denn erörtert? Das nächste Fastnachtsprogramm? Ich wäre für Mercur's Triumphzug! Alle neun Musen müssten hinter dem Handelsgott hergehen und ihm die schmeichelhaftesten Opfer bringen! In der Mitte ein grosser Wagen ganz mit Rosinen gefüllt und Alexander von Humboldt davor als ein ganz gewöhnlicher Kutscher in eurer Livree! Dann eine Heringstonne, Schelling und Hegel dahinter mit Löschpapier in der Hand, Fichte im grauen Rock mit der Ladenschürze! Dann eure heiligen drei Könige hier als Importeurs von Tee, Taback und Indigo – Melchior, der schwarze, noch mit einem Zuckerhut in der Hand – oder sind Sie für Runkelrübe?
Ohne im mindesten sich reizen zu lassen von Benno's "lateinischem Stolze", unterbrach Tiebold nur mit den einfachen und höchst gelassen geseufzten Worten:
Nicht einmal kleinen Zucker im Vorrat!
Damit holte er tief wehmutsvoll einen Stiefelknecht aus dem Zimmer, in dem Benno's jugendlich knospende Praxis in dem Repositorium lag und wo er des Abends nach haus kommend immer zuerst musterte, was etwa neu eingetroffen von seinem Schreiber in die kleine Baumschule künftiger fruchttragender Process-Obstgärten gelegt war, während er sich dabei die Stiefeln auszog.
Tiebold zerklopfte ein grosses Stück Zucker, das er gleichfalls aus Benno's offenem Schreibsecretär, Kassa und Speisekammer zu gleicher Zeit entaltend, genommen hatte ...
Nun, erzählen Sie doch von Ihrer Reise! sagte Benno und setzte, dies jedoch etwas kleinlauter, hinzu:
Waren Sie denn auch in Lindenwert?
Tiebold klopfte am Fenstersims Zucker; Benno trat im Hauskleide an den Kaffeetisch ... Sein geschornes Militär-Haar war schon wieder voller gewachsen und setzte auch seine gewohnte natürliche Kräuselung an. Sein Teint, immer etwas bleich, war heute von einer milden Röte angehaucht. Sein Hals lag offen, wie die Brust, die die ganze bräunliche Schönheit hatte, die von den Alten am mann so gerühmt wird. Beide Freunde hätten sich ganz wohl zu einem Modell der Dioskuren stellen können; vorausgesetzt dass der Künstler sowohl eine kleine Neigung Tiebold's, mit seinen lichten Milchblutformen und dem sozusagen blonden Habitus seiner ganzen Constitution etwas ins Allzuvolle überzugehen, und bei Benno im Gegenteil eine gewisse brennende und an die mit phrygischer Mütze geschmückten Gestalten neapolitanischer Fischer erinnernde Magerkeit weise gemildert hätte.
Auf die Frage: Waren Sie denn auch in Lindenwert? war die Tiebold'sche Gegenfrage: Gestern ist ja wohl Ihr Vetter angekommen? gewissermassen Blödsinn und doch lag eine Antwort darin.
Beide nämlich, Benno und Tiebold, waren von dem Zwiespalt in Armgart's Familie unterrichtet; beide wussten, dass Armgart's Lehrerin, Angelika Müller, an den Dechanten etwas Entscheidendes in dieser Angelegenheit geschrieben hatte; doch kannten sie den nähern Inhalt der Erklärungen Armgart's nicht und mochten den Obersten am wenigsten drängen, ihnen mitzuteilen, was Bonaventura in der Morgenstunde, wo sie noch nicht die Lehmschanze erstürmt hatten, doch schon früh genug aus waren, um einen forcirten Marsch zu unternehmen, bei ihm gewollt hatte. In Armgart's Angelegenheiten war etwas vorgefallen, das hatten sie, als sie Abends spät todmüde zurückkamen, schon gemerkt; aber selbst Benno wusste von der Wanderung vom Hüneneck an bis zur Maximinuskapelle aus Armgart's eigenem mund über ihre heimlichen Gesinnungen gegen den Vater nichts weiter, als dass sie vor sehnsucht brannte, ihm ein paar selbstgefertigte Tragbänder zu schenken ... Nun liess sich fast annehmen, dass Bonaventura auch mit Aufträgen des Obersten und Dechanten für Lindenwert erschienen war und darin lag denn doch eine gewisse Logik der Tiebold'schen Gegenfrage.
Was soll ihm denn hier werden? fragte dann Tiebold und klopfte Zucker in Hoffnung, von Armgart zu hören.
Er ist auf heute früh zum Kirchenfürsten bestellt ... sagte Benno und hob den Deckel der Maschine auf, die stark genug war, wasser zum Sieden zu bringen. Man vermutet eine Berufung an den Dom ...
Sieh! Sieh! ... Blieben Sie denn noch in Kocher lange nach mir?
Ein paar Stunden! steuerte Benno auf die feierlichere Beilegung der Differenz zu. Ich hatte Eile zu meinen arbeiten zurück! Und Nück schrieb mir Aufträge für die Reise noch bei einigen Gutsbesitzern und Bauern ... ich kann alle Stunden gewärtig sein, wieder auf ein paar Commissionen hinaus zu müssen ...
Ich hoffe, dass Sie Ihren Vetter bei uns einführen! liess Tiebold fallen. Wann wollen Sie mit ihm bei uns speisen?
Mein Vetter ist höchst einfach und liebt die Gesellschaft nicht ... Auch will er schnell nach St.-Wolfgang zurück, obgleich ich höre, dass der Kirchenfürst unpässlich ist und ihn vielleicht gar noch nicht einmal empfangen kann ... Die reizbare Eminenz ist, wie mir Enckefuss erzählte, in