1858_Gutzkow_031_19.txt

fühlte wohl etwas von der Berührung ihrer Lippen. Sie war machtlos, geistig und körperlich ohne Willen.

So ging es eine Weile wie im Traume fort ...

Da plötzlich springt sie auf, wie von einer Natter gestochen. Der Mut des jungen Mannes hatte mehr gewagt. Krampfhaft stösst sie ihn zurück und sieht ihn mit starren, weit aufgerissenen Augen an ...

Aber auch ihm war gerade in demselben Augenblicke mehr geschehen als nur der Widerstand eines ihm zu hülflos geschienenen Opfers.

Die fünf Finger jeder Hand streckte er krampfhast vor sich ihn, wie einer, der eine Scene unterbricht mit plötzlicher Anstrengung seines Gehörs, und kaum hatte diese Bewegung eine Secunde gedauert, kaum Lucinde ihr eigenes Entsetzen vor dem starren Schreck des Frevlers vergessen, als dieser nach einem Griff auf seine immer zur Hand stehende Kassette den Schlag geöffnet hatte, Halt! donnerte, ohne Mütze aus dem Wagen sprang und für sie verschwunden war.

Lucinde sank vor dem plötzlich haltenden Wagen in den Sitz zurück, erhob sich aber wieder, wickelte sich aus dem Plaid heraus und machte Miene, instinctmässig dem Flüchtling zu folgen.

Indem schlug ein Geräusch an ihr Ohr wie von Pferdehufen.

Sie blickte zum Schlag hinaus, den der Postillon voll Erstaunen über das Benehmen seines Passagiers auch auf seiner Seite, der linken, geöffnet. Man sah zwei Gensdarmen mit klapperndem Seitengewehr in noch ziemlicher Entfernung daherjagen. Lucinde, wie in der Ansteckung des Augenblicks, springt hinunter, die Pferde halten aber nicht recht, scheuen und wollen auf den Fussweg. Dadurch gibt ihr der Instinct des Moments den Gedanken, nicht zur Rechten, wo Binder verschwunden war, zu entfliehen, sondern nach der linken Seite. Ein Fluch der Verwunderung von seiten des Postillons folgt ihr. Sie rennt das niedrige Gestrüpp quer hindurch. Haselgesträuche und Brombeerhecken biegt sie zurück, läuft, wie von Furien verfolgt, in der ganzen atemlosen Hast der fieberhaftesten Erregung, mit Kräften ausgerüstet, die sie im Augenblick hernimmt, sie weiss nicht woher, läuft durch Heck' und Moos, durch weiche, versinkende Stellen, Sträuche zurückbiegend und keinem Verstekke, der sich darbietet, vertrauend. Wie von der Luft getragen, fliegt sie dahin, und erst, als sie nicht mehr kann, reicht das Entsetzen über Gefahren, die sie sicher nicht zu gross sich ausgemalt, nur noch so weit aus, auf die Zweigstämme eines rings von hohen büsche umgebenen Baumes zu klettern, die Zweige des Umwuchses zurückzudrängen, die höhern Wipfel an sich zu ziehen, sich fest an sie anzuklammern und mit einem einzigen kühnen Sprunge auf die Astgabel des Baumes zu springen, wo sie dann leichtere Mühe hat höher zu klimmen und atem- und kraftlos, mit herabhängenden Händen und niedergebeugten Hauptes zusammenzusinken. So lugt der Luchs mit starren Augen aus grünen Zweigen und harrt des nahenden Jägers.

7.

In dieser Stellung blieb Lucinde wohl eine Stunde.

Sie hatte oft schon auf Bäumen gesessen, aber so in Angst und Kraftlosigkeit noch nie. Mit den über einen gewaltigen Ast ausgelegten Armen hing sie mehr, als sie auf einem untern mit den Füssen stand. Der Schweiss, der ihr von der Stirn troff, musste ihr gut tun; sie behielt wenigstens die Besinnung, und diese lieh dem Körper Kraft.

Lang hingen die Haare, das weisse Kleid war zerfetzt, ihr roter Shawl war irgendwo hängen geblieben. Ihr ganzer Sinn spitzte sich nur auf das Gehör zu. Wenn ihr Auge über etwas funkelte, war es ein Blatt, das rauschte, ein Käfer, der summte.

Sie besann sich sogleich darauf, dass sie ungewiss sein konnte, ob sie mehr vor den Häschern als vor ihrem Begleiter so geflohen war.

Als sie nichts hörte, keine Menschentritte, kein Geräusch von Waffen, konnte sie endlich die Miene so verziehen, dass die weissen Zähne eine Weile hervorstanden, wie immer, wenn sie spöttisch lachte ... Es war ein lachen, das allmählich in ihrem inneren so platzgriff, dass es sich auch äusserlich geltend machte. Sie lachte, wie die Verzweiflung pflegt, wenn sie nicht mehr aus noch ein kann. Sie überlegte, was nun alles kommen konnte! Wenn sie aus dieser Lage nichts Neues und Unerwartetes erlöste, sah sie Demütigungen entgegen, die grauenhaft waren.

Alles blieb still ...

Sie traute sich die Kraft zu, niederzusteigen ...

Der Gedanke: Wie, wenn sie durch die Nacht so hinwandern könnte, durch die Wälder, die Berge, über die Meerebis Amerika! der stand ihr so lange bei, bis sie wieder auf ebenem Boden war und dann freilich vor Erschöpfung bald zusammensank. Sie hatte seit dem gestrigen Tage keine Nahrung genommen. Nun lag sie kraftlos und griff nach den Zweigen der Sträucher über sich und beugte sie zu sich nieder, hoffend auf Erquickung. Nirgends eine Frucht. Erdbeerbüsche sah sie etwas weiter, aber die Früchte waren abgestreift. Dies bewies ihr wenigstens Menschennähe. So lag sie lange; sie legte den Kopf über die gekreuzten arme und schmachtete so hin ...

Seit lange hatte sie solche Einsamkeit auch ihres inneren nicht gefühlt.

Doch mit Tränen konnte ihre natur sich nicht helfen. Vor acht Tagenda hätte sie "beinahe" geweint, als sie das Haus des edlen Mannes, des Stadtamtmanns, verliess. Sie weinte auch wirklich, als die alte Köchin über ihr tröstend und doch kopfschüttelnd gesagt hatte: Jettchen, Jettchen, Sie werden noch Traurigeres in der Welt erleben, als das ist