pflichtschuldigen tod derselben durch irgendeine nachbarliche Katze sprach. Jetzt prangte dieser Lehnsessel vollends, seitdem Benno bei seiner Zurückkunft von Kocher am Fall wieder zu seinem höchsten Verdrusse eine neue Gabe seines manchmal unerträglich aufmerksamen, Freundes vorfand, einen in sämmtlichen drei Zimmern gelegten bunten prachtvollen Teppich für den Winter ... Gegen diese Zuvorkommenheiten des jungen Halb-Millionärs liess sich gar nicht angehen. Tiebold zerbrach, statt des Gottes der Zeit, lieber zufällig selbst einen Stuhl und erklärte dann mit gemachtem Schreck, seinem Freunde oder den Wirtsleuten einen Ersatz dafür schuldig zu sein, als dass er sich die gelegenheit hätte nehmen lassen, Benno statt nur durch Zank auch einmal auf diese Art seine Freundschaft zu beweisen. Den alten in Ruhestand versetzten Lehnsessel, der mit dem Sopha, in Rücksicht auf geflammtes Muster und Ehrwürdigkeit des Ueberzugs, harmonirte, hatte er schon vor längerer Zeit einmal, wie er entschuldigend sagte, in Gedanken mit dem Federmesser, das er wie zufällig von dem Tische Benno's genommen, in der Armlehne zerschnitten und den neuen Teppich motivirte er auf Benno's Vorwürfe, die ihn deshalb heute in der Frühe gleich beim Eintreten und in medias res gehend empfingen, mit folgenden Worten:
Bester Freund, das bitte' ich mir denn doch aus! Seitdem ich einmal das Unglück gehabt habe, beinahe in den St.-Moritz zu fallen, bin ich gegen alles Kalte von einer merkwürdigen Empfindlichkeit! Im Winter hier bei Ihnen zu sitzen und über den offenherzigen Dielen Ihrer Baracke mich zu erkälten – das werden Sie nicht verlangen können!
Und bei alledem, erwiderte Benno, sieht es nun erst recht bei mir aus wie bei Bagage, die gern möchte und kann nicht! Der Teppich und der Sessel führen jetzt das grosse Wort und haben die Oberhand! Jedermann wird jetzt glauben, dass ich statt heraufzukommen ein Heruntergekommener bin!
Himmel! unterbrach Tiebold, zog seine Cigarrentasche und betrachtete ein auf dem Tische neben dem Terminkalender liegendes kleines Octavbüchelchen, worüber Benno zierlichst "Verläge" geschrieben hatte; Asselyn, ist das Ihr Einnahmebuch? Sie haben ja einen Bogen mehr hinten angeheftet? Sind das die Einnahmen von dem grossen Process der DorsteCamphausen, in dem Sie auch, hör' ich, zu tun bekommen werden?
Und schon las er, eine Seite aufschlagend:
"7 Groschen 6 Pfennige Concept – 2 Groschen 6 Pfennige Copiatur –"
Wahrscheinlich, erwiderte Benno, ihm trotz des Spottes das Büchelchen sanft aus der Hand nehmend, wahrscheinlich haben Sie in Mainz einen ganzen schwäbischen Urwald in Empfang genommen, dass Sie heute schon frühmorgens so übermütig Geldseele sind! Kommen Sie jetzt erst mit Ihrem Holzfloss angeschwommen? Oder hatten Sie die Nacht Geschäfte mit einer vaterländischen Tabacksfabrik? Ich versichere Sie, Ihre Atmosphäre versetzt die Phantasie keineswegs in die Havanna!
Merkwürdig, gab Tiebold zu und hatte bereits die Büchse mit gemahlenem Kaffee aus Benno's Schreibsecretär von verblasstem Birkenmaser genommen, indem er leicht und leise den Besitzer, der dabei eine vorwitzige Untersuchung seiner Kasse befürchtete, bei Seite drängte, ihm auch die auf dem Secretär stehende Maschine aus und unter der Hand wegescamotirte und das heute, der noch nicht "bei Wege" befindlichen Wirtin wegen eigne Sieden des Wassers zum Kaffee sich allein aneignete; merkwürdig, wie geistesabwesend ich gestern gewesen sein muss! Die ganze Nacht hab' ich von Piter's vermaledeiten Cigarren geraucht! Der Mensch will jetzt in der Stadt den Ton angeben!
So! So! sagte Benno. Waren Sie also wieder auf Ihrer amerikanischen Akademie! Dann nehmen Sie den Kaffee allerdings, bitte' ich, ein Lot stärker! Welche grosse Tat ist denn diese Nacht an der wahrscheinlich für permanent erklärten Bowle beschlossen worden?
Die Caricatur auf die Gebrüder Fuld und die Drusenheimer Sonntagspartie jetzt so ohne weiteres zu nennen, nahm Tiebold de Jonge, der, wie es schien, im Crescendo begriffenen Satire seines Freundes gegenüber Anstand. Gab es doch auch zunächst Dinge, die ohne zu spassen mit bitterm Ernste verdienten abgemacht zu werden! Die Versöhnungen machte zwar Benno immer nur so scheinbar und ohne Gefühl und "links um die Ecke herum", wie Tiebold sagte, der, "wenn er einmal gefühlvoll wurde" – er wurde dies viel öfter als er zugab – dann auch gern von allen Kirchtürmen mit Zinken und Posaunen wie zur Weihnacht dazu geblasen und mit allen Glocken geläutet haben wollte. Auch heute, war es der entbehrte Schlaf oder welche sonstige "lyrische" Stimmung, auch heute hätte er gern die Versöhnung etwas feierlicher gewünscht ...
Er liess deshalb zunächst Benno, der sich vollständiger ankleidete, allein reden, was sonst in seiner Gegenwart selten geschah.
Ohne Zweifel, liess sich Benno von der Schlafkammer aus vernehmen, ohne Zweifel haben Sie Ihren Freunden Bericht erstattet von unserm Manöver! Von dem Sturm auf die grosse Lehmschanze, wo der alte Pritzelwitz leibhaftig die Franzosen vor sich sah, bis es von uns allen hiess: "Und Ross und Reiter sah man niemals wieder!"
Tiebold schwieg ... Er braute Kaffee und Versöhnung.
Ein Glück, fuhr Benno fort, dass drüben nicht wirkliche Augereaus oder Dürocs commandirten! General K l e b e r n hatten wir diesmal auf unserer Seite!
Tiebold schwieg, selbst in Erinnerung auf ein ganzes Bataillon, das im Lehm stecken geblieben war.
Meine Stiefeln gingen am dritten Tage vollständig aus der Naht! fuhr Benno fort; und die Reserve, die Hedemann in meinem Mantel trug, passte nicht, denn von dem siebenmaligen Sturm