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Kutscher und Bediente besorgten Piter's Effecten und die Freunde gewannen auf einen Augenblick ihren alten Humor wieder. Allein fiel ihr erstes Reisen zur Messe nach Frankfurt oder Leipzig ein und nun brach Gebhard Schmitz, der Dialektkünstler, wieder das Eis und entfaltete neue Talente. "Sie, mein kutes Härrchen! Eine kute Messe!" variirte er und der einfallenden Chorus sächselte mit, bis auf den Pfiff der Locomotive der Zug davonbrauste und ein donnerndes Hurrah den Zweck und die Bedeutung dieser Nacht krönte.

Die Chaisen fuhren jetzt in die Stadt zurück und setzten alle jungen Herrschaften vor den Pforten ihrer hochmögenden Väter ab, wo dann ein jedes froh war, sich in bequemen Sprungfedermatratzen auszuruhen von soviel Witz, soviel Bildung, soviel Kenntniss der Welt und der Menschen, soviel bewusstem Wert für die Welt im allgemeinen und diese höchst ehrwürdige und in so vielen Dingen entschieden und selbstbertrauend den vaterländischen Ton angeben wollende Stadt im besonderen.

Während Piter vielleicht entschlummernd Treudchen im hochzeitlichen Kleide und von ihm selbst an den Altar geführt sahes wäre das die kapitalste idee gewesen, die sein ihm mangelnder "Verehrungssinn" für die Familie hätte ausführen könnenwar Tiebold, der jeden der Genossen noch an sein Haus gebracht und sich das Festalten an der Drusenheimer Sonntagspartie bedungen hatte, in der Mitte der Stadt ausgestiegen.

Schon war es halb fünf Uhr ... die Strassen wurden lebendiger ... die Tageshelle mehrte sich ...

Seine Schritte führten ihn an einen kleinen winkeligen Platz, wo Benno wohnte.

Mit der Schwärmerei eines Verliebten stellte er sich an einen schon von den Mägden mancher fleissiger Handwerker belebten Brunnen und sah zu den geschlossenen Fenstern seines Freundes im ersten Stock eines schmalen Häuschens empor.

Es hing ein Blumenbret vor dem Wohnzimmerfenster ... alle drei Läden waren geschlossen.

Der Morgentau, die herbstlich frische Luft kühlte die Augen des stillen Beobachters, der gewiss sein konnte, draussen auf den Holzöfen seines Vaters auch schon das lebendigste Tagwerk begonnen zu finden.

Wie er einige Minuten so gestanden hatte, nicht achtend der Neugier um ihn her, nicht achtend der Fuhrwercke, die schon im gang waren, der Ausrufungen, die schon von Verkäufern ertönten, öffneten sich im ersten Stock die Jalousieen an Benno's Wohnzimmer.

Benno war schon aufgestanden und öffnete, wie er war, im rotgestreiften Nachtemde, mit der einen Hand durch sein dunkles Haar fahrend, mit der andern einen kleinen Vogelbauer unter die Blumen setzend.

Guten Morgen, Asselyn! rief Tiebold voll bebender Freude und fast schüchtern hinauf.

Guten Morgen, de Jonge! war die ruhige und erstaunte Antwort.

Schon so zeitig auf?

Und Sie noch so spät wach?

Haben Sie schon gefrühstückt?

Das nicht! Aber Reste aufzuarbeiten ... Doch kommen Sie nur herauf, falls Sie mir nicht wieder über meine alte Kaffeemaschine die Ohren voll lamentiren wollen!

Tiebold wusste schon, dass das alles von Benno nur Redensarten waren, die wenigstens die halbe Freude der Ueberraschung verdeckten, die er selbst so überströmend voll und vom tiefsten Herzensgrunde ganz empfand.

Da ist der Hausschlüssel! sagte Benno nach einer Secunde und warf ihn hinunter. Tiebold hob den Schlüssel auf, schloss die HausEr wusste, dass er seinem bewunderten und angebeBei dirist Licht und Ruhe! Darin glichen sich Bonaventura und Benno, dass

Ende des zweiten buches.

L i t e r a t u r v o n L u t h e r b i s T u c h o l s k y

Dritter Band

Drittes Buch

1.

Von einer Handwerkerfamilie, die nach einem dunkeln hof hinaus arbeitete, hatte Benno drei auf einen kleinen, von einem belebten Brunnen geschmückten Winkelplatz hinausgehende Vorderzimmer gemietet.

Eines davon, einfenstrig, war sein Schlaf-, die andern, zweifenstrig, waren Wohn-, Arbeits-, Empfangszimmer, je nachdem.

In einem derselben stand ein Repositorium mit einer Anzahl von Schubfächern, in denen sich teils die Acten der ihm von Dominicus Nück zugewiesenen Processe aufhäuften, teils schon manches Fascikelchen lag der auch ihm schon aufblühenden, freilich noch an den schützenden Namen und die Unterschrift seines Principals gebundenen ersten Frühlingskeime einer eigenen Praxis ... Im unbestreitbaren Wohnzimmer liess Benno schon zuweilen in den Früh- und Nachmittagsstunden manche Partei warten, die über ein paar empfangene Ohrfeigen oder ein paar unbezahlt gebliebene Beinkleider seinen Rat begehrte und von ihm nach Abfertigung eines "pressantern" Clienten mit staatsmännisch bedeutsamer Miene gebeten wurde, sich auf einem Sopha von ehrwürdig altem schwarzen "geflammten" Merino (zu diesen Flammen war hier und da schon der entschiedenere Brand einer etwas vergesslich gerauchten Cigarre gekommen) oder einem wirklich prachtvoll glänzenden rotsaffianen Sessel auszuruhen, welchen Phönix seines ihm teilweise persönlich angehörenden Mobiliars ihm Tiebold de Jonge verehrt hatte. Oder man könnte, da dieser Sessel klein, zierlich, auf einer Rolle gehend und wie luftig war, ihn unter dem bescheidenen Hausrat, der altmodischen Kommode von Nussbaumholz, dem Schreibsecretär von Birken-, den lakkirten Stühlen von Tannenholz, auch einen prächtigen Kolibri nennen in einem solchen gewöhnlichen Drahtbauer, wie der war, in dem Benno bereits eine Art Familie zu ernähren hatte, zwei Canarienvögel seiner Wirtsleute, die er von ihnen in Pflege genommen zur Erzielung einer Hecke, bis sich freilich herausstellte, dass die frisch aus dem Nest genommenen kleinen Tierchen "Sieen" waren, was Benno leider erst entdeckte, als er sich an beide Geschwister so gewöhnt hatte, dass er sie auch ohne Gesang und Hecke vor seiner Wirtin rettete, die von einem