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gedachte seines Freundes Benno ... Benno's, der,

wie dieser sich einmal ausgedrückt hatte, den "lateinischen Stolz" besass, sich in einer Soll und HabenSphäre von dieser Art nicht heimisch zu fühlen, ja die geschilderte geradezu verachtete.

Tiebold, in seiner Art ein Schwärmer, betete bei

alledem Benno an. Nur hatte er sich wieder einmal mit ihm gezankt und zwar empfindlich ... er hatte sogar den ersten bedeutenden Zwiespalt mit ihm ... Nicht um Armgart's willen ... Von Benno's Empfindungen für Armgart hatte Tiebold bei dessen in allen Dingen bewahrter kalter Aussenseite keine entfernteste Ahnung ... Wohl aber war der Vorfall an dem Tage, wo Hedemann die Begegnung mit Herrn von Enkkefuss im wirtshaus an der Landstrasse gehabt hatte, für beide zum Gegenstand des ersten längern Misverständnisses geworden.

Benno und Tiebold waren Schulfreunde, die sich

in spätern Jahren aus dem Auge verloren hatten. Sie fanden sich wieder, als Benno sich bei einer zufälligen Begegnung über das gerade besprochene Abenteuer in Canada dahin äussern konnte, dass ihm wenn auch nicht Ulrich von Hülleshoven, doch Hedemann seit frühester Kindheit wohlbekannt, ja sozusagen sein Nährvater und Erzieher gewesen wäre, solange bis der Dechant ihn ganz in seine Nähe nahm und ihn in der Residenz des Kirchenfürsten nahe gelegenen Universität auf schulen schickte ... Das Band der Freundschaft musste sich enger und enger um beide schlingen, da Tiebold's Charakter die Hingebung selbst war. Nach wenig Monaten schon konnte er nicht mehr ohne Benno sein, nichts mehr ohne ihn unternehmen. Alles, was dieser sagte oder tat, war für ihn, sogar in Gegenwart anderer, ein Evangelium. Seine entusiastische natur umschlang Benno, trotz allerdings mancher und fast stündlicher Reibung, doch wie der Epheu den festen Stamm.

Die Reise nach Kocher mit Extrapost entsprach Tiebold's Verhältnissen und galt eigentlich der Huldigung Benno's und den Verwandten desselben in Kocher. Da Benno aber allein und über Lindenwert und St.-Wolfgang und sogar zu Fuss gehen zu wollen erklärt hatte (in seinem Charakter lagen diese schroffen Ablehnungen des liebevollsten Entgegenkommens), so hatte von dieser bequemen Reisegelegenheit der Assessor von Enckefuss den Gewinn. Dies war nur eine oberflächliche Bekanntschaft beider Freunde. Sie hätte sich jetzt fester knüpfen können. Gab das Zusammenreisen dazu die beste gelegenheit, so wurde doch jede weitere Beziehung wenigstens für Tiebold durch die Scene mit Hedemann und Porzia Biancchi unmöglich.

Lucinde hatte sich an jenem Abend, als sie im "Riesen" ein Gelag in dem Geschmack, wie eben geschildert, voraussetzte, wenigstens in Betreff einiger Teilnehmer vollständig geirrt. Benno fehlte und Tiebold. Beide sassen beim Obersten auf seinem Weinberge. Sie sassen mürrisch und ohne Entschluss, auch nur auf die Dechanei zu gehen. Benno hatte an einem Souper im Riesen teilnehmen wollen; Tiebold erklärte, mit Herrn von Enckefuss nichts mehr gemein zu haben. Hedemann ist ein Narr! hatte benno in seiner kurzen Weise erwidert und darüber entspannen sich dann Wortgefechte, die bald einen ernstern Charakter annahmen. Sie endeten damit, dass Tiebold das ganze, eigentlich ihm doch so unendlich süsse und notwendige Joch seiner Abhängigkeit von Benno einmal abschüttelte und ihm Dinge sagte, die sich selbst unter den besten Freunden nach vierundzwanzig Stunden nicht wieder zurücknehmen lassen.

Asselyn, hatte er gesagt, Sie sind ein Mensch, dem seine Philosophie noch das Herz im leib ausdörren wird! Ich bemitleide Sie, wenn Sie sich Ihren Dominicus Nück zum Muster genommen haben, diesen armseligen menschen, der einen Million besitzt und Sonntags die Sackträger beneidet, die vorm Tore bei einem Glase des schandbarsten Krätzers Kegel schieben! Schämen Sie sich mit Ihrer sündhaften Gleichgültigkeit für Gott und die Welt! Sie erzählen von einem Zauberweib, mit dem Sie hierher gereist sind, und wollen nicht in die Dechanei zurück, nur um sie nicht wiederzusehen! Von einem Engel in Menschengestalt, einem Mondscheinelfen, unserer Armgart, wissen Sie nichts, als dass sie ihrem Vater ein paar Hosenträger stickt! Diese Porzia Biancchi ist Ihnen nicht viel mehr als eine Landstreicherin, und Hedemann's Neigung finden Sie geradezu lächerlich, da Sie doch wissen, dass er, wie der Oberst, eine natur ist, die die die Spreu vom Weizen zu unterscheiden weiss! ... Als Müller! wird Ihre ewige Ironie einwerfen; aber nach Ihnen müsste der Friede in dem haus der Hülleshoven und Ubbelohdes einfach nur durch die Polizei vermittelt werden! Sehen Sie zu, wie weit Sie mit diesem Sibirien in Ihrem Herzen kommen werden! Gerade solchen Naturen, denen alles gleichgültig ist, solchen, die in der ganzen Welt nichts, aber auch nichts als Schein und Dummheit sehen, wird zuletzt so heiss unter den Sohlen, so fegefeuermässig schwül schon hier auf Erden zu Mute, dass sie sich wie der Skorpion, den man auf Kohlen setzt, zuletzt selbst umbringen!

Sie haben wahrscheinlich in der letzten Nacht, wo Sie nicht schlafen konnten, Seume's "Spaziergang nach Syrakus" gelesen? war alles, was Benno geantwortet.

Dennoch trafen die Worte Tiebold's ihn tiefer, als er sich den Schein gab.

Dazu war er zu stolz, zu entgegnen: Sage mir, wie ich in die Welt gekommen bin, und du wirst sehen, ich kann die Welt lieb haben! Er vertändelte den Ernst seines Unmutes überhaupt und auch jetzt den Ernst seiner innerlichsten Zustimmung zu diesem ungewohnt starken Ausbruch allerdings schon vielfach benutzter Freundschaftsrechte. Gerade dadurch, dass er dennoch