Sohn. Er glich so ganz ihrem Seligen, für den sie jetzt noch nach zehn Jahren so viel Messen lesen liess, als wenn dieser Gute durch seinen Titel als Commerzienrat und seinen Orden, die ihm beide freilich Protestanten gegeben hatten, immer noch an der Pforte des Paradieses uneingelassen umherirren müsste ... Merkwürdig dabei, dass Piter mit seinen blauen Augen, seinem fast unsichtbaren Bärtchen um Lippe und Kinn und Wange eigentlich ein herzensguter Junge war. Er hatte Anfälle von Gemüt. Für einen sogenannten "guten Freund" konnte er sich im wörtlichsten Sinne tot schlagen lassen; wie oft hatte es nicht schon einen nächtlichen Zusammenstoss mit den Spiessen der Strassenwächter, ja sogar den Gewehrkolben der Schildwachen gegeben! So streng er im Comptoir war und sich die Miene geben konnte, als müssten Bücher, die dreissig Jahre gestimmt hatten, jetzt einmal von einer Commission geschworener Buchhalter oder von ihm allein in einer "stillen Abendstunde" gründlichst revidirt werden, so nachlässig behandelte er die Contocorrenten etwaiger Anleihen der Freunde, die mit ihm Sherrypunsch tranken. Wer Piter's Verstand anerkannte, konnte bei ihm über alles gebieten. Wer aber zuweilen an seinem verstand zweifelte, was seine Schwäger, seine Schwestern und die ältern Buchhalter nicht mehr wie gern taten, hatte einen geschworenen Feind in ihm. Wie Piter von sich selbst dachte, bewies er eines Abends in einem Cirkel seiner Mutter, wo er bei gelegenheit der damals eben wieder neu aufgekommenen Phrenologie sagte: "Die Phrenologie hat an mir die Zeichen des sanguinisch-nervösen Temperaments entdeckt! In erschreckendem Grade findet sich an meinem Schädel (er sah dabei auf seinen Schwager Delring) die Anlage der gegenständlichen Auffassung! Sehr gross ist (er blickte auf seine drei Schwestern) mein Zerstörungssinn! Selbstachtung aber und (nun sah er, doch etwas liebevoller, auf seine hochgespannte und fromme Mutter) ein bischen Neigung zum Wunderbaren mildert diese gefährliche Anlage! Gering ist indessen (die Mutter zuckte schon wieder zusammen und entsetzte sich über den blick, den Piter auf einige der Domherren warf), gering ist mein Verehrungssinn! Schwach, ganz schwach ist meine anhänglichkeit (die Mutter, ausser sich über ihre Täuschung, protestirte fast mit Tränen) und am wenigsten ausgebildet ist mein sogenannter Ingenieursinn! Aus letzterm muss ich schliessen, dass ich nie eine Vorliebe für grosse Bauten haben werde!"
Diese Bemerkung war die allerbitterste. Sie ging auf eine Summe von 10000 Talern, die die Mutter zum Ausbau eines gewissen berühmten grossen Domes verwilligt hatte. Denn an sich hatte Piter im Gegenteil das ganze altbewährte Haus seiner älteren neuerdings fast umgerissen, Treppen gebaut, wo früher keine waren, Alkoven zerstört, Säle geschaffen und vorzugsweise seine Schwester Hendrika Delring so in der langgewohnten Existenz ihres zweiten Stokkes beeinträchtigt, dass diese Aermste, wie sie sagte, sich vor dem Bruder kaum rücken und rühren konnte, von dem Lärm seiner nächtlichen Orgien ganz zu schweigen. Nur die Besonnenheit ihres Gatten hielt sie von äussersten Schritten zurück, die niemanden hätten wunder nehmen dürfen, da die vortrefflichste Frau nach zehnjähriger kinderloser (gemischter) Ehe Mutter zu werden in nächster Hoffnung hatte ...
In Piter's Freundeskreise aber schlug es jetzt im Durcheinander der Debatten, vorzugsweise jetzt über Westen und Cigarren und durchreisende Sängerinnen bereits halb zwei Uhr ... und wer hätte nun nicht schon in einem Sylvesterkreise das neue Jahr abgewartet und die Entdeckung gemacht, dass dreissig Minuten vor "des Jahres letzter Stunde" der lebendigste Humor zu der erkenntnis kommen kann, ob er sich im Abwarten des neuen Jahres auch nicht vielleicht zu viel zugemutet? Der Punsch ist in der Terrine kalt geworden, der Witz erschöpft sich schon in Leberreimen und zwei- und dreisilbigen Charaden; immer müder werden die Augen, immer langsamer schleichen die Minuten, die noch bis zur allgemeinen Umarmung und kussbesiegelten Beglückwünschung hin zu verleben sind. Wer da nicht im stand ist ans Klavier zu springen und einen elektrisirenden Tanz zu spielen, der kann erleben, dass einer um den andern das grosse Unternehmen, den letzten Stundenschlag des Jahres abzuwarten, völlig aufgibt und in aller Stille davonschleicht mit einem das ganze Jahr zusammenfassenden Trinkgeld an die gratulirende Bedienung.
Um ein Viertel auf vier Uhr hatten die Freunde zwei Wagen zu erwarten, die im hof unten auf die Minute sollten angespannt erscheinen. Es war auch ganz bestimmt vorauszusehen, dass sie alle noch etwa eine Stunde auf den Divans ringsum schlafen und tüchtig schnarchen würden, aber zwischen ein und zwei Uhr zeigte sich davon noch keine Spur ...
Fehlte auch die lebhafte Mitteilung des auf Spott jetzt sogar verdriesslich werdenden und den Kopf aufstützenden Tiebold de Jonge, stockten die Zungen schon und mussten sogar die sonst ganz ungentilen Anspielungen auf die einzelnen Geschäftsbranchen, wie: "Sie sind auf dem Holzwege!" zu dem Holzhändler Tiebold, oder "Schenken Sie reinen Wein ein!" zu dem Weinhändler Moppes, durch die Vermittelung der andern gütlich beigelegt werden, so fehlte es doch immer noch an Stoff der Unterhaltung nicht; denn es gab zwei Temata, die in diesem Kreise endlos variirt werden konnten. Das waren die Juden und die Frauen.
Erstere hatten sich in kurzer Zeit hier sehr emporgeschwungen. Eine nicht zu entfernte Verwandtschaft der Hasen-Jette, die Fulds, rechnete man zu den dreifachen Millionären und wenigstens im Wechselgeschäft hatten die Brüder Moritz Fuld und Bernhard Fuld alle überflügelt. Sie hatten Comptoire in Paris, Brüssel und Amsterdam, machten ein grosses Haus, hatten eine Besitzung im Eneper Tal gekauft, dort eine Villa,