englische Groans oder ironische Beifallsspenden hatten die Freunde schon für mehrere heute Abend gefallene Aeusserungen, in Bereitschaft gehabt. Sie brachen auch jetzt über diese de Jonge'sche Aeusserung und sogar mit einem Trommeln auf Tisch und Fussboden aus ...
Im Staatsrat, fuhr Clemens Timpe allen Ernstes fort, ist wahrhaftig die Majorität – nein wirklich hört doch! – die Majorität noch schwankend, ob die Eisenbahnen überhaupt weiter zugelassen werden sollen ...
Und Joseph Moppes fiel ein:
Weiter, als wir uns hier schon wieder infolge unserer unverbesserlichen Nachäffungssucht herausgenommen haben!
Wie hierauf die Worte: "Eine jute jebratene Jans ist eine jute Jabe Jottes!" passen und von der ganzen Gesellschaft mit einer jener jubelnden Zustimmungen, die man gewöhnlich "Hohngelächter der Hölle" nannte, aufgenommen werden konnten, wird niemand begreifen.
Und dennoch hatte damit Weigenand Maus (Maus & Compagnie, Droguerie- und Farbwaaren) nur sagen wollen: "Was lässt sich von den Ghibellinen anderes erwarten!"
Man setzte nun vom socialen Standpunkte aus die Anklagen fort, die Bennrat von Nennhofen auf der Conferenz des Beda Hunnius vom kirchlichen erhoben hatte. Man begann durcheinander Mir und Mich zu verwechseln, schilderte den Appetit der Offiziere und Beamten bei dem letzten Diner ihrer Väter, machte dem immer schweigsamer werdenden und in völligem Nichtverteidigungszustande befindlichen Tiebold de Jonge Vorwürfe über seine Reise mit Herrn von Enckefuss und bestätigte den separatistischen Geist, auf den damals und noch jetzt die Tiers, Odilon-Barrots und Bonapartes rechnen, wenn sie von einem ganz ohne Schwertstreich zu erobernden linken Rheinufer sprechen.
Man durfte erwarten, dass Tiebold jetzt endlich auffahren konnte und gewohnterweise sich vielleicht die Freundschaft mit von Enckefuss verbat. Er schwieg aber und zuckte nur mitleidig die Achseln. Die ganze Reise in seinem Landau nach Kocher am Fall schien von ihm vergessen worden zu sein und Joseph Moppes hatte sehr Recht oder bekam es wenigstens durch die allgemeine Zustimmung, als er Tiebold vorwarf, erst mit so grossem jubel zu den Uebungen abgegangen zu sein und jetzt in solcher Laune zurückzukehren. Und als Tiebold brummend diese Uebungen für das Langweiligste von der Welt erklärt hatte, sagte Joseph Moppes zu allgemeiner Billigung:
Merkwürdig, de Jonge! Bei Ihnen ist immer alles entweder gleich "Supra" oder "unterm Nachtwächter"!
Letzterer hatte inzwischen schon längst die zwölfte Stunde gerufen und die zahllosen Turmuhren der frommen Stadt hatten diese Angabe in allen Tonarten bestätigt ...
Die Elasticität der sieben Freunde liess jedoch nicht nach. Auch Tiebold bekam eine erhöhtere Stimmung, d.h. negativ, bis zum offenbaren "Sein oder Nichtsein" a la Hamlet. Er fuhr sich in seinen schönen blonden Scheitel, zupfte am Barte, schlug zuweilen das Glas auf den Tisch und hatte eine Welt voll Zorn und Aufregung und Schmerz und doch dabei wieder auch, schien es bei alledem, von Lust und Freude in der Brust. Er hätte sich jetzt offenbar ganz gern, wie es bei Goete heisst, "mit einem Poeten associirt", um seine Empfindungen so ganz con amore auszusprechen, wie sein volles, wirklich gutes und der reinsten Liebe und Dankbarkeit fähiges Herz sie fühlte, nicht wie sie Joseph Moppes, der heute, da Tiebold pausirte, die Oberhand hatte, parodirte.
Merkwürdig aber bei alledem die Glückseligkeit Piter's! Piter braute nur bald mit Sherry, bald mit Arak an der Bowle, schenkte die Gläser voll, lächelte nur und genoss das Glück, sechs solche Freunde zu haben ... Piter schwieg! Piter, der nicht ertragen konnte, dass sein Schwager Ernst Delring fünf Worte sprach, die er nicht sofort durchkreuzte mit seinem täglichen, ja stündlichen "hören Sie 'mal, Delring, ich bin nicht mehr derjenige, welcher –"
Nämlich auch Piter war blond, aber nicht von der Fülle und Kraft seines Freundes Tiebold de Jonge. Er war auch schlank, freilich viel schmächtiger. Sein Kinn und seine Lippen waren weniger ganz bartlos, als nur etwas stark dünnbärtig. Kaum dreiundzwanzig Jahre alt, hatte Piter schon das Leben gleichsam hinter sich, ohne darüber die Energie des Willens und einen seltenen Ehrgeiz verloren zu haben. Seit einiger Zeit war er von "Bildungsreisen" nach dem Auslande zurückgekehrt und nahm nun, als einziger Sohn der verwitweten Frau Commerzienrätin, an dem grossen Geschäfte teil in einem Grade, der ihn mit seiner ganzen Familie in die heftigsten Conflicte brachte. Piter glaubte die vollkommenste Berechtigung zu haben, sich keine gewöhnliche natur zu dünken. Vorurteilsvolle Menschen mochten vielleicht sagen: Dieser einzige Sohn wurde nach dem frühen tod Piter Noë Kattendyk's von der Mutter wie ein Prinz erzogen! Während sie in die Bäder und nach Rom und Paris reiste, wurde Piter durch Beispiel und Erziehung zu einer unglaublichen Meinung von sich selbst gesteigert! Aber Piter sah nicht ein, warum er von sich gering denken sollte. Er schwieg nur unter Freunden, wie sie jetzt bei ihm Sherrypunsch tranken; sonst nie; immer führte er das Wort und schon als neunzehnjähriger junger Mann, der eben von der Handelsschule kam, hatte er wie ein Principal die hände in den Beinkleidertaschen und wusste über jeden Gegenstand in Oper, Ballet, Freihandel und Statistik der Ein- und Ausfuhr eine Meinung zu behaupten. Widerspruch duldete er sonst, jetzt nicht mehr, am wenigsten aber von Menschen, die ihm durch Bande des Bluts verbunden waren und etwa dadurch ihrerseits die Berechtigung zu haben glauben durften, ihn als grossen Charakter nicht im mindesten anzuerkennen. Nur die Mutter schonte den einzigen