sie allerdings dann adoptiren, wenn, wie z.B. heute, es galt, einen von Rostbeef à l'Anglaise, Salmen à la Hollandaise, Rebhühnerpastete à la Katrine Fenchelmeier – Katrine unten in der Küche der Mutter Commerzienrätin hiess Fenchelmeier und war nicht bloss in Rebhuhnpastete, sondern auch in Fischsaucen Original – und von dem dazu nötigen Rhein-, Mosel-, Bordeaux-, Burgunder- und Portwein überhitzten Gaumen allmählich linde und leise und lieblich wieder abzukühlen.
Der "junge Herr" (zu Ehren der uralten Firma und bei der Tendenz der Neuzeit zur alten Zeit Piter genannt), Piter Kattendyk war einer der "famosesten" jungen Gentlemen der stolzen Handels-, Gewerbsund Kirchenstadt. Er hatte heute die Absicht, um vier Uhr Morgens, wenn die von Paris kommende Briefpost sich eines Stückchens Eisenbahn bediente, das schon am jenseitigen Ufer einige Meilen hinein ins Land ging, sich mit dieser Reisebeförderung in die Gegend von Witoborn zu begeben, wo ihn Dominicus Nück, sein Schwager, zu einem schleunigst arrangirten Güterankauf benutzen wollte ... Benutzen! Ihn! Himmel, wenn Piter dies von Nück wirklich zu mehreren Domherren und besonders dem Secretär des Kirchenfürsten, Eduard Michahelles, gebrauchte Wort in Erfahrung gebracht hätte! Ihn "benutzen"! "Vorschieben" schon hätte ihn beleidigt! Pitern, dem jetzt alles daran lag zu beweisen, dass sein Schwager Ernst Delring, der Procuraführer und bisherige Chef, vor seinem Genie sich in Acht zu nehmen hätte, seitdem er, der "junge Herr", von Reisen zurückgekommen war! Pitern lag, als er die Zustimmung zu dieser Reise nach Witoborn gab, nur an einem Beweise seiner seltenen Einsichten und seines Geschmacks für eine neue Reisetoilette, in der er sich bereits fertig befand, teils ganz schottisch, teils halb schottisch. Piter wollte in diesem malerischen Costüme Wälder und Felder und Mühlen kaufen, für welche Dominicus Nück dann vielleicht wieder einen Abkäufer wusste, vielleicht das Domkapitel selbst – eine Differenzsumme erstens für das Haus Kattendyk und Söhne und zweitens für Dominicus Nück blieb schon übrig – kurz einen irgend ähnlichen Zweck gab es zu einer Reise, um derentwillen die zu einem letzten "Satz" von Pitern entbotenen Freunde so spät noch bei ihm blieben, ja sogar gewillt waren, im Anfall einer beim Sherrypunsch zu allem fähigen Romantik, ihm gegen vier Uhr Morgens das Geleit auf den provisorischen Bahnhof zu geben.
Auf den Untergang aller Schnell-, Fahr-, Malle-, ja Extraposten nicht ausgenommen! rief Joseph Moppes (Joseph Moppes sen., Weingeschäft) und begleitete diese eigentümlich betonten Worte mit einem anzüglichen Blicke auf Tiebold de Jonge, der heute der einzige nicht recht in die allgemeine "ungeheure Heiterkeit" Miteinstimmende war.
Tiebold liess es ruhig geschehen, dass Gebhard Schmitz (A. und G. Schmitz, Stahl-, Eisenwaaren und Hüttenbetrieb) auf seine Kosten denen, die noch nichts davon wussten, die "kolossale idee" des Hausknechts im Riesen zu Kocher am Fall erzählte, der die sich selber ölenden neuen englischen Patentachsen am väterlicherseits geborgt gewesenen Landau Tiebold de Jonge's abgedreht und mit Wagenschmiere verdorben hatte ...
Gerade so wie Henneschen, rief nachträglich in den lachenden Chorus Gebhard Schmitz hinein, wenn er die Lackstiefeln seines Herrn mit Wichse tractirt!
Tiebold sass ruhig mit aufgestemmten Armen und senkte den Kopf auf seine Trompete, den Maccaronistengel herab, den er mit aller Ruhe wie zu einer "stillen Musik" der Seele, ja, wie ein Schäfer Arkadiens seine Flöte blies und dabei vielleicht über die Teorie des Stechhebers oder des Luftdrucks oder sonst etwas Höheres nachgrübelte ...
Tiebold war eine etwas zum Embonpoint neigende, aber hoch und schön aufgeschossene blonde natur; frisch und rund in seinen angenehmen Gesichtszügen, von einem schöngepflegten, ins Goldgelbliche spielenden Barte, in allem zu männlichstem Effect bestimmt, nur zu lebhaft, zu sehr oft ein Vorsprecher, Anekdotenerzähler, heute jedoch fast "tiefsinnig", wie ihm Piter vorwarf, und sogar bei Tische, wo er sich das Tranchiren – Aufschneiden, wie seine Freunde sagten – niemals nehmen liess, von einer Apatie, die einige – freilich spottweise – für die Nachwehen seines hier schon zum Amusement gewordenen Sturzes in den St.-Moritz, andere für den untrüglichen Beweis hielten, dass Tiebold "einmal wieder" verliebt wäre ... Letzteres war eine Verleumdung, da er seit dem ersten Besuch des Pensionats der Englischen fräulein von Lindenwert für keine weibliche Erscheinung der Welt, die nicht Armgart hiess, mehr Sinn hatte.
"Schwing dich auf, Frau Nachtigall!"
intonirte Joseph Moppes, der einen klangvollen ersten Tenor für die berühmten Quartette der Vaterstadt commandirte, und er tat dies schon zum zweiten mal, um Tiebold de Jonge mehr in die allgemeine Heiter
Die Eisenbahnen waren noch so neu und die sämmtlichen "Häuser" dieses jungen mercantilischen Vollbluts so an den Actien derselben interessirt, dass das Gespräch von den Patentachsen des vom Hausknecht im Riesen fast verdorbenen Landau sogleich auf diese selbst überging und einstimmig vereinigte man sich mit einem hohen und ausserordentlichen Ernste in dem sehr paradoxen Satze, dass die Eisenbahnen wirklich eine merkwürdige Erfindung des menschlichen Verstandes und jedenfalls ein Fortschritt wären.
Tiebold, der sonst niemals lange schweigen konnte und heute wirklich wie von einem entschiedenen "Weltschmerz" beherrscht schien, liess sogar die ganz aus der Tiefe wie ein Unkenton aus dem Sherrypunschglase hervortönende Bemerkung fallen:
Der Generalpostmeister hat erklärt, mit den Eisenbahnen hörte die Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf!
Gewisse