Nur wieder seine Kassette, sein gedrucktes Reisehandbuch und die Entfernung bis zur nächsten Station hatte er im kopf.
Eine wundervolle Gegend! sagte er dann einmal ganz gedankenlos und bemerkte kaum, wie sich Lucinde in die Ecke des Wagens drückte, seinen Plaid um sich zog, den er ihr schon nach der zweiten Station übergelegt hatte, als es sie dort schon trotz der Schwüle des geschlossenen Wagens fröstelte.
Ich will schlafen! sagte sie jetzt und zog den Plaid bis über die Stirn.
Hätte der Entführer eines den wunderlichen Widerspruch von Gescheidt und in vielem noch völlig Beschränkt verbindenden Mädchens Gefühl gehabt für irgendetwas anderes als die sorge, für seine Reise einen grossen Vorsprung zu gewinnen, so hätte er bemerken müssen, wie ihr Antlitz in Wachs sich verwandelt hatte, ihre Lippen bebten, ihre hände schlaff hingen, das Kleid sich verschob und die Schultern marmorkalt hervorsahen. Es war auch wohl ein solches Fieber, wie man es nach geistigen wie leiblichen Geburten hat. Sie begriff allmählich, wie es doch mit dieser schnellen Reise zusammenhängen mochte. Oskar Binder hatte Ursache zur Eile. Lucinde war, einfach in die Sprache der täglichen Welt übersetzt, erstens von ihm entführt, und zweitens war sie es von einem Diebe.
Dass sie in ihrem Zustande keine Erquickung, keine Mittagsrast begehrte, kam dem Flüchtling ganz genehm. Er eilte nur und wetterte auf allen Stationen im geläufigsten Englisch oder gebrochenen Deutsch. Gegen Mittag kaufte er kalte Küche, sie im Wagen zu verzehren.
Lucinde wollte nur einen Trunk wasser.
Jetzt bemerkte er erst ihren Zustand ...
Ich bin das Fahren nicht gewohnt, hauchte sie.
Ihre Zunge war trocken. Wenige Tropfen Wassers löschten den Durst nur auf einen Augenblick; und doch schauderte sie, mehr zu trinken. Sie drückte sich wieder in ihre Ecke.
Da sie die Versicherung gab, dass ihr nichts fehle, beruhigte sich der Flüchtling.
Es war zwei Uhr, und man hatte wohl schon acht Meilen zurückgelegt. Die Gegend nahm einen neuen Charakter an. Oskar Binder fing an zu trällern; er pfiff sich einige Arien, die er sonst wohl auch mit einer schönen Tenorstimme zu singen verstand. Er bekam die unternehmende Haltung wieder, die ihm sonst geläufig war, strich sich das Gesicht an den Stellen, wo sonst sein Bart gestanden hatte, und lachte einmal über das andere laut auf.
Jetzt interessirten ihn kleine Dinge am Wege, ein Dorf, ein bellender Hund, dem er nachahmte und ihn damit nur noch heftiger reizte, die Landestracht. Auch den falschen Engländer hielt er nicht mehr so consequent fest und gegen Lucinden wurde er aufmerksamer. Er setzte sich rücklings und lehnte die Halbschlummernde über den Rücksitz bequemer aus, schlug ihre Füsse in seinen ausgebreiteten Plaid, strich die langen Haare von der kalten feuchten Stirn zurück, küsste die hände, deren Handschuhe schon abgezogen waren, und kniete sogar nieder, um von dem Glück seiner Eroberung, von der Zukunft, von der baldigen Ruhe in einem guten Hotel und den Bequemlichkeiten eines ersten Kajütenplatzes auf einem deutsch-amerikanischen Dampfer zu sprechen.
Lucinde hörte allem in träumerischer Abwesenheit zu. Die Küsse, die ihr Begleiter auf ihre hände drückte, schien sie nicht zu fühlen. Ruhig liess sie ihn auch ihre Locken streicheln. Zu lange auch verweilte er bei seinen Zärtlichkeiten nicht; immer wieder fuhr er auf, das kleinste Geräusch konnte ihn erschrecken. Kehrte er dann von einem Blicke aus dem Wagenschlage zurück, so griff er erst nach seinem Reisehandbuche und verglich das, was er las, mit dem was er eben draussen gesehen.
Seltsam genug mochte ihm sein, in seinem "Guide" vielleicht zu lesen: Nun öffnet sich das grosse Becken, wo einst die Römerwelt mit den Germanen zusammenstiess, Varus seine Schlachten verlor, Arminius das Schwert des Rächers über die vernichteten Legionen schwang, bis dann um achtundert Jahre später die Römer wiederkehrten, mit dem Kreuze voran, dem Schwerte Karl's des Grossen hintennach. Hier an diesen Strömen vollzogen sie an den Sachsen die Bluttaufe ...
Von den Wonnen des Geschichtskundigen, der hier zwischen diesen Bergketten und Längentälern die ersten deutschen Klöster errichtet weiss, die damaligen ersten Pflanzstätten der Bildung, der das Auge dort nach einem sagenreichen Hügel, hier nach einer waldverlorenen Kapelle richtet und sieht, wie zwischen Katolicismus und Protestantismus das Land geteilt wellenartig dem grünen Landmeere, Westfalen genannt, und von dort den grossen geschichtsmassgebenden Strömen und Meeren zu sich windet ... davon hatte nach Bildung und Gefühl das starre Auge des jungen Verbrechers keine Ahnung.
Um drei Uhr war es wieder eine Waldung, in die die Reisenden einfuhren ...
Diesmal eine von Birken. Geisterhaft standen die blendendweissen schlanken Stämme, die Zweige hingen nieder wie an den Trauerweiden. Kein Herbstlaub war von den dürftig geschmückten Kronen mehr auf dem Boden sichtbar, Moos und Flechtengewächse zogen sich, von blauen Blumen unterbrochen, weitin zwischen den sonnenbeschienenen, feenhaft winkenden Stämmen. Hielt der Wagen, so flüsterte es von den Espen, die zwischen den Birken standen, wie ein Säuseln der Allnatur, und Wässerchen sickerten da und dort aus dem Moose hervor und benetzten die ihrem Laufe schon folgenden Vergissmeinnicht wie in der Idylle eines Traumes.
Lucinde lag in Betäubung ... Ihr Auge war geschlossen, doch schlief sie nicht. Sie fühlte wohl, dass die immer gewecktere Laune, immer fröhlichere Stimmung ihres Begleiters angefangen hatte nur ihr allein sich zu widmen; sie duldete es, um nur Ruhe zu haben. Sie wusste und