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anregungsbedürftige Kaufmannsfrau, die unter der Last, sich und andern wohlzutun, oft zusammenbricht, täglich zu versammeln pflegte ... auch eine neue Mehrung der Gesellschaft fehlte ohne Zweifel nicht – – – Lucinde Schwarz.

Belauschen wir heute keinen der hier ausgestossenen Seufzer über die Zeit, die neuen pariser Moden und die Leiden der Kirche, keine Klagen über den Aufschwung der jüdischen Häuser, keine Vermutungen über die Besetzung des erledigten Domvicariats, keine Bewunderung vor einem neuen Zeitungsartikel oder einer neuen Selbstdemütigung des Pater Sebastus, auch keine stille Vergleichung der glänzenden Berichte Jean Baptist Maria Schnuphase's über die seit einigen Tagen aus Kocher am Fall angekommene neue Gesellschafterin mit ihrem wirklichen Benehmen ... ihrer so sittsamen, fast stummen Haltung, ihrem täglich zweimaligen Kirchgang und einem so tief, tief demutsvoll niedergeschlagenen blick, dass man schon anfängt, über eine so unerwartete Einfachheit und fast zu weit gehende Anspruchslosigkeit einer doch äusserlich so auffallenden und überraschend schönen Erscheinung staunendden Kopf zu schütteln ...

Steigen wir einen Stock höher ...

Im zweiten Stock wohnen der Procuraführer Ernst Delring und seine Gattin Hendrika geborene Kattendyk; nach hinten hinaus aber Piter Kattendyk, ihr Bruder, der einzige Sohn der verwitweten Frau Commerzienrätin.

Piter hat nach hinten auch noch den ersten Stock in Beschlag ... beide waren durch eine niedliche Wendeltreppe verbunden ...

Wir finden auch bei Herrn Delring schon alles dunkel.

Dagegen sind bei Piter noch der erste Stock, der zweite und die Wendeltreppe prächtig erleuchtet.

Piter Kattendyk hatte einen seiner glücklichsten Momente ...

Umgeben ist er nicht nur von seinen "guten", sondern heute sogar von seinen "besten" Freunden und sie zechen und sie schmausen und sie jubelnganz im üblichen Tone der alten frommen Römerstadt.

Die Bowle steht auf dem Tisch, die kunstvoll geschliffene, rosenrote Krystallbowle ...

Sie ist gefüllt mit einem nach allen trinkwissenschaftlichen Gesetzen der Vereinigten Staaten Nordamerikas gebrauten Sherry-Punsch ...

An den drei vor Cigarrendampf etwas matt brennenden Glaskugeln, an den Anekdoten, deren zwei Dritteile aus dem "Humoristen in der Westentasche" entlehnt sind, an der Fülle von bei alledem wiehernd belachten "Witzen", an gewissen Tatsachen, die man vorher immer als etwas "auf Ehre zu Verbürgendes" und mit einem Schnedderedeng der glaubwürdigsten Versicherung Anzupreisendes verkündigte und nachher dann doch allen noch so touchirenden Zweifeln preisgab, merkt man, dass man sich hier unter den Jünglingen mit den malerischsten Bärten und den halbgelösten bunten Halsbinden unter der kaufmännischen Aristokratie der Stadt befand ... Alle führen sie Namen, vor denen Tausende ihrer Mitbürger selbst im Traume den Hut abziehen.

Wie hängt auch hier alles am Wink ihrer Augen! Zwar trennt eine grosse Glastür diese höchst respectabeln jungen Herren der Schöpfung von einem im Vorgemach eingeschlummerten Diener in Livree; die alte Katrine jedoch unten in der Küche der Mutter wacht noch, hat sie auch sowohl einer heute erst neu zugezogenen Kammerjungfer der Frau Hendrika Delring wie dem Kutscher und dem ersten Hausknecht gesagt:

Na, ich denke wohl, um ein Uhr kann ich zur Ruhe gehen! Der junge Herr Tiebold de Jonge sind zugegen! Da blasen sie bloss Trompete! Zur Trompete brauchen sie bloss manchmal ein bischen mehr Arak und die Arakflasche hat Herr Piter immer selbst zur Hand!

Tiebold de Jonge war erst gestern von seinem kurzen Kriegsfeldzuge zu Kocher am Fall und einer damit verknüpft gewesenen kleinen Reise zurückgekehrt. Mit drei Tagen hatte man die Uebungen zur allgemeinen Wehrtüchtigkeit bewenden lassen. Das "Blasen der Trompete" war jedoch von Seiten Katrinens keine Anspielung auf die Montur Tiebold's, in der dieser Abschied genommen hatte von Freund Piter, als er mit von Enckefuss Extrapost abreisteFreund Benno von Asselyn wollte in "einem Anfall seines gewöhnlichen todtschlägerischen Humors" zu Fuss gehen. Die andern Genossen waren noch militärfrei und hatten sich vorläufig allenfalls durch "zu schwache Brust" von dem Waffendienst ledig gemacht, was jedoch nicht hinderte, dass sie soeben die Arie: "Von Romeo's Rächerarmen" – die SchröderDevrient hatte vor kurzem erst in der Stadt gastirtmit einem Effect sangen, ja die Worte: "Soll sich kein Gott erbarmen!" so hervorhoben, dass das ganze Haus bis in die hintersten Waarenmagazine erzitterte.

Die Trompete entsprach einer andern Ideenverbindung.

Clemens Timpe (Timpe's sel. Erben, Commission und Spedition) war auch in der Union gewesen, hatte "Seewasser gekostet" wie Tiebold de Jonge ... wenn auch nicht wie dieser sogar das Nass amerikanischer Wasserfälle ... Clemens Timpe sprach nie von einem Whip oder Brandygrog oder sonst einer pikanten höhern Alkoholvergiftung, die er in Boston oder NeuOrleans kennen gelernt hatte, ohne die "Sherrypunschbrauerei" des canadischen Holzflössers Tiebold de Jonge zum Gegenstand einer Discussion zu machen, wobei der vom Wasserfall zu St.-Moritz Gerettete und leidenschaftliche Schwärmer für Armgart von Hülleshoven, die Tochter "seines zweiten Vaters", wie er sagte, meist, wie sonst nicht seine Art war, unterlag. Heute sassen Piter und die Freunde um die Arakflasche, wie tätowirte Indianer, nicht jedoch "gierig nach flüssigen Feuerfluten". Sie sassen, nach einer lebhaften Discussion, ob Whipob Brandygrogob kalten Sherrypunsch! bei letzterm und nun waren sie gereiht um einen glänzenden Mahagonitisch, die Linke cigarrenbewaffnet, in der Rechten mit langen Maccaronistengeln, durch die sie den Sherrypunsch einschlürften ... eine Trinkmetode, die Tiebold de Jonge hier zu land eingeführt hatte. Man durfte