1858_Gutzkow_031_177.txt

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"Sie können sich aber auch, wenn Sie vielleichtund zu meiner höchsten Freudenoch einige Tage hier im 'Riesen' wohnen bleiben wollen, einer spätern gelegenheit bedienen! Derselbe vortrefflichste Herr Schnuphase kehrt in einigen Tagen wieder zurück, um vielleicht dann die ihm von mir empfohlene bedauernswerte Waise, Gertrud Lei, abzuholen, die er in einer nicht minder respectabeln Stellung unterzubringen hofft, wie er sagt, bei einer verwitweten Frau Hauptmännin von Buschbeck ..."

Das Papier entfiel Lucindens Händen.

Wie? rief sie laut vor sich hin und nahm den Brief wieder auf und las die Worte noch einmal.

Es war der wirkliche Name, wirklich war es Treudchen Lei, die diese ihr so wohlbekannte Stellung antreten sollte ...

"Das Mädchen", las sie zitternd weiter, "niedergebeugt von ihrem Verlust, überbringt Ihnen diese Zeilen selbst, zugleich auch, um ihre Freude auszudrükken, mit Ihnen vielleicht gemeinschaftlich die Reise machen zu können. Wäre nicht das Begräbniss ihrer Mutter noch abzuwarten, sie ginge schon heute."

Zur Hauptmännin von Buschbeck? ... Die noch lebt? ... In der Residenz des Kirchenfürsten lebt? ... Die Schwester meiner zweiten Peinigerin? ... Hat diese wohl schon den Namen ihrer herrschaft von Treudchen Lei vernommen? ... Ist sie wohl gar verbündet mit dieser Schwester, die jetzt von Frommen protegirt wird, sie, der zufolge nicht Gott, sondern Satan die Welt regiert? ...

So schossen ihre Gedanken dahin ...

Lucinde konnte sich nicht denken, dass die gemeinte Frau Hauptmännin von Buschbeck die ihrige war.

Dennoch überflog sie nur noch kurz die fast zärtlichen Schlussversicherungen der Hochachtung und Ergebenheit, mit denen Beda Hunnius seinen Brief geschlossen hatte, warf ihren Shawl um, setzte den Hut auf und eilte die Stiege hinunter, um, unbemerkt über das, was sie im haus etwa aufhalten, etwa anstaunen, etwa anreden konnte, hinüber in die Stadt zu eilen, wo sie im Uebermass ihrer neuen und glücklichsten Hoffnungen in der Pfarrei erwartete, entweder Aufklärungen zu vernehmen oder, wenn ein ihr lieb gewordenes junges Mädchen in Gefahren geraten sollte, die sie kannte, deren die vorsorglichsten dann selbst zu geben.

Ihr Herz war vielleicht nicht mehr gut, aber auch noch nicht böse ...

Sie war das, was ein starker Bildner, aus ihr hätte formen können.

12.

Benno aber, Hedemann, Tiebold de Jonge ... wo weilen die, die uns hoffentlich ein wenig lieb geworden sind oder die es mit der Zeit vielleicht noch zu werden hoffen?

Ihrer habhaft zu werden ist nicht möglich.

Wohl aber tauchen sie mit dem, was uns an ihnen vielleicht interessirt, bei einem ersten Blicke auf, den wir noch zuletztacht Tage mögen freilich verstrichen seinauf die vielgerühmte Residenz des Kirchenfürsten selbst werfen wollen.

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Da liegt sie denn also vor uns! ... Eine königliche Stadt! ... Die gewaltige Jungfrau, die bei festlichen Gelegenheiten, gemalt oder aus Gips und Draperieen geformt, den Genius derselben vorstellt, ziert mit Recht die majestätische Mauerkrone! ...

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Kein gebietender Herrscherwille schuf dies Chaos von Türmen, Kirchen, Kapellen, Klöstern, Giebeldächern, Rat- und Kaufhäusern, Waarenhallen, Hafenspeichern, Schiffsmasten, jetzt auch von dampfenden und funkensprühenden Feuerschloten!

Was da im Abendglühen von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne des ersten Septembertags erleuchtet und von der matten Scheibe ihres Stellvertreters an der Wächterzinne des himmels sanft bläulich schon angedämmert vor uns liegt, schuf sich im Laufe zweier Jahrtausende durch die Umstände selbst!

Hier stiess der Römer seine Lanze in den Boden und baute statt windbewegter Zelte Castelle, wie uralte Cyklopenarbeit ... Hier stampften die Rosse Karl's des Grossen, wenn sie rasteten vom Marsch aus den Tälern von Roncesvall und entgegenschnaubten den Wittekindsschlachten auf jenseitigem Ufer ... Hier fing sich, Schiffssegel blähend und den Handel der Welt belebend, Nordsturm, vom eisigen Island brausend, Ostwind, der aus der Levante wehte und den Weg an den Ufern Spaniens, Frankreichs und Hollands entlang die Waaren nehmen liess, die sonst über Venedig kommend nur Augsburg und Frankfurt bereichert hatten ... Hier drängte und trieb und stiess die Zeit die Zeit, die Sitte die Sitte, die Meinung die Meinung ... Was übrig geblieben von Zeit und Sitte und Meinung, das ergänzt die Ordnung und zivilisation der Gegenwart ... ja sie ergänzt sogar die Ruinen und baut das mit künstlichem Glauben aus, was der natürliche unvollendet liess.

Es ist neun Uhr Abends ...

Noch einmal schlagen all diese Kirchturmglocken zusammen, wie wetteifernd mit den Trommeln in den Kasernen, mit dem Signalhorn vor den Wächtäusern! Es ist die Stunde, wo die Müden zur Ruhe gehen sollteneine arbeitende, fleissige und gewinnsüchtige Stadt wird früher müde als eine Stadt nur des Luxus und Genusses ...

Und doch gibt auch diese sinnlichbewegte und lebenssichere Stadt nicht nach ... noch wogen die Menschent auf und